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«Ich setze auf Europa»

Philippe Waechter, der Chefökonom von Natixis Asset Management, sieht in der Ölpreis- und der Euroschwäche wichtige Treiber, wie er im Interview erläutert. Warum nicht kurze Europapiere?

Herr Waechter, Natixis Asset Management ist die Multi-Asset-Boutique der französischen Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die über 700 Mrd. € verwalten. Was wünscht sich der Ökonom für 2015?
Dass Europa stärker wächst als erwartet. Es ist das Sorgenkind der Weltwirtschaft, in der sich nach einer Phase der Gleichläufigkeit neue Divergenzen auftun. Es gibt nicht nur die Kluft zwischen Kontinenten, sondern auch innerhalb von Regionen und selbst Ländern, zwischen Arm und Reich, Alt und Jung. Da hilft nur eines: mehr Wachstum, gerade in Europa, wo sonst Zusammenhalt und sozialer Frieden bedroht sind. Jedoch will ich den Teufel nicht an die Wand malen: Die Chancen stehen gut, dass sich Europas Wirtschaft von der Talsohle lösen kann.

Viele Beobachter sehen Europa in einer Sackgasse, gefangen in Stagnation, Reformstau und Überschuldung. Wo sehen Sie den Ausweg?
Es braucht ein Bündel von Massnahmen. Eine ist schon intakt, die sehr expansive  Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, die ihre Zügel mit dem Quantitative Easing, dem Kauf von Staatsanleihen, im neuen Jahr höchstwahrscheinlich nochmals lockern wird. Selbstverständlich sind strukturelle Reformen, etwa am Arbeitsmarkt, ein Muss. Aber dafür braucht es zuerst Wachstum, und dieses hat unter der Austeritätspolitik und dem hohen Euro in den letzten Jahren stark gelitten. Für 2015 rechnen wir mit einer Zunahme des BIP um 1,1%, nach 0,8% im ablaufenden Jahr. Das ist sehr konservativ geschätzt und hat Raum nach oben.

Sie sprechen vom schwächeren Euro und vom tieferen Ölpreis?
Genau. Die Hinweise häufen sich, dass die Mehrheit der Unternehmen die Marge  halten oder sogar ausbauen kann, dank günstiger Finanzierung, niedrigeren Rohstoffkosten und dem nachgebenden Euro. Der Ölpreisrutsch wirkt wie eine kräftige  Fiskalspritze und vermittelt in der Bevölkerung ein Gefühl, dass nicht alles zum Schlechten bestellt ist und es Lichtblicke gibt. Konsum und Investitionen werden davon profitieren.

Bleibt der Ölpreis, wo er ist?
Verschiedenes spricht dafür, dass er mindestens noch im nächsten Jahr niedrig bleibt: Die Weltkonjunktur ist angeschlagen, nur in den USA gibt es klare Zeichen des Aufschwungs. Zweitens ist Amerika mit dem Fracking zum Produzenten geworden und wird davon trotz globalem Überangebot an Öl und Gas nicht abrücken. Saudi-Arabien als bisheriger  Herrscher über den Ölmarkt hat dadurch etwas an Macht verloren. Hinzu kommt geopolitisch bedingt eine gewisse Wiederannäherung zwischen den USA und dem Iran. Das Ölangebot ist besser austariert, und solange die Förderer den Preisrückgang mit einem höheren Volumen wettzumachen versuchen, wird der Preis eher noch sinken als steigen.

Könnte er, als Kehrseite der Medaille, Europa in die Deflation führen? Weit ist es bis dahin nicht mehr.
Das glauben wir nicht. Günstigere Treibstoffpreise sind positiv für den Konsum, was wiederum das allgemeine Preisniveau stützt. Aber es gilt, wachsam zu sein. Falls die Wirtschaft stagniert und die Inflationsraten weiter zurückgehen, muss sich die EZB etwas einfallen lassen. Sie hat wie andere Notenbanken ein Inflationsziel von 2%. Warum nicht das Ziel auf 3 oder 4% erhöhen? Sie würde damit ihrem Willen zur Bekämpfung der Deflation eisern Nachdruck verleihen. Wenn die Erwartung einmal etabliert ist und Deflation in den Köpfen ist, droht eine unheilvolle Spirale: Furcht vor Nominallohnverlust, Konsum- und Investitionsverzicht und noch mehr drückende Schulden, wie man es in Japan sehen konnte.

Wohin steuert der Euro, wo sehen Sie eine Untergrenze zum Dollar?
Nach 1.24 $ pro Euro ist das nächste Ziel 1.20, was wir wahrscheinlich im ersten Quartal 2015 erreichen werden. Das entspricht ungefähr dem Durchschnittskurs zum Dollar seit Einführung der Einheitswährung, ist also so niedrig noch nicht. Entscheidend wird sein, wann die US-Notenbank an der Zinsschraube zu drehen beginnt. In der Eurozone bleibt der Referenzsatz bis 2016 auf 0,05%. Das Fed könnte hingegen früher in Aktion treten als im zweiten Halbjahr 2015, wie es der Markt erwartet, weil die US-Wirtschaft jetzt doch zügig voranzukommen scheint. Das würde den Euro weiter schwächen.

Auf Parität zum Dollar?
1 $ gleich 1 € gleich 100 Yen. Das hat mir letzthin jemand vorgeschwärmt, wenn auch nicht ganz im Ernst. 1.15 $/€  sind hingegen denkbar.

Um den Wechselkurs haben sich die USA bisher selten gekümmert. Werden sie stillhalten, auch wenn der Dollar weiter steigt?
Amerika ist genauso an einer besseren Wirtschaft in Europa interessiert, wie es das weiter stark exportabhängige China ist. Ein schwächerer Euro ist eine Win-Win-Situation, auch für die Schweiz, deren Wirtschaft stark mit der Entwicklung im Euroraum korreliert.

Kann und soll die Schweiz, die mit einem festen Franken stets gut gefahren ist, den Mindestkurs verteidigen, wenn der Euro weiter fällt?
Als der Peg eingeführt wurde, hatten wir  ein schwaches Wachstum in Europa und einen starken Euro. Jetzt geht es um’s Umgekehrte: um eine schwächere Währung und um eine stärkere Wirtschaft. Davon profitiert auch die Schweiz. Und die Schweizerische Nationalbank hat in jedem Fall die Mittel, den Mindestkurs von 1.20 Fr./€ zu verteidigen.

Wachstum kommt vor Reformen, sagen Sie. Besteht nicht die Gefahr, dass eine wieder bessere Konjunktur den Reformwillen erstickt, der ohnehin nicht gross ist, und so Europa das Sorgenkind bleibt?
Reformen gelingen nur mit Einsicht und  Unterstützung der Bevölkerung. Ich sage nicht, dass wir schon so weit sind. Aber das  Verständnis, dass es so nicht weitergehen kann, beginnt zu wachsen. Und eine stärkere Wirtschaft hilft, Reformschmerzen besser zu ertragen. Das ist weniger schlimm, als am Schluss alles zu verlieren. Diese Einsicht beginnt zu dämmern, was mich hoffnungsvoll stimmt, denn der Wandel kommt von unten.

Und wenn’s nicht so kommt?
Dann ist politische und soziale Instabilität, die Abkehr vom Mit- zum Gegeneinander, der Preis dafür. Europa braucht andere Regeln, ein Mehr an Autonomie. Sonst wandern, um in der Wirtschaft zu bleiben, noch mehr Unternehmen beispielsweise aus der Biotechnologie in die USA ab, weil sie sich dort besser finanzieren und entfalten können. In Amerika dauert es durchschnittlich fünf Wochen, bis jemand, der seinen Job verloren hat, einen neuen findet. In Europa sind es Monate. Es braucht neue Anreize, am Arbeitsmarkt, bei der Unternehmensfinanzierung, im Gesundheitssystem, in der sozialen Sicherheit, beim Transfer von veralteten zu zukunftsträchtigen Sektoren. Frankreich oder Italien müssen keine Wirtschaft nach deutschem Vorbild bauen, mit einem starken Mittelstand. Frankreich ist stark in Services, im Engineering, in der IT, bei Software. Jedes Land muss eine seine eigenen Stärken fördern. Weniger Verwaltungsregionen mit dafür mehr Vollmachten, wie jetzt in Frankreich vorgeschlagen, das ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Weshalb interessieren sich französische für Schweizer Unternehmen?
Aus zwei Gründen schauen sie sich im Ausland um: für eine stärkere Positionierung am Weltmarkt und für die steuerliche Optimierung. Auch beim Zusammengehen von Lafarge mit Holcim (HOLN 45.38 +1.61%) ist nicht auszuschliessen, dass der  Steuersitz von Lafarge eines Tages in der Schweiz sein wird. Industrielle wie fiskalische Gründe spielen auch bei Saint-Gobain und der Stimmenmehrheit an Sika (SIKA 325.00 +0.06%) eine Rolle. In den Niederlanden und in Irland lassen sich schon länger französische Unternehmen nieder, und der Trend wird weitergehen. Deshalb braucht Frankreich eine Steuerreform.

Wie soll Euroland den horrenden Staatsschuldenberg bewältigen?
Auch darauf gibt es nur eine Antwort:  wirtschaftliches Wachstum. Und weil die europäische Wirtschaft auf absehbare Sicht nicht mehr an das Potenzialwachstum von 3% und mehr herankommen wird, ist ausserdem Sparen angesagt. Sparen bei den öffentlichen Ausgaben, deshalb braucht es mehr Effizienz im Gesundheitswesen und notgedrungen Abstriche bei den Sozialversicherungen. Man kann nicht so tun, als würde man noch in der alten Welt leben.

Was tut der Investor in diesem Umfeld?
Flexibilität und Diversifikation sind das A und O, denn das Marktklima kann rasch umschlagen, von Bonds zu Aktien, von Europa zu den USA, zu den Schwellenländern und zurück. Aus Schweizer Sicht sind kurzlaufende Europapiere eine gute Alternative zu Cash: mehr Zins und über den Franken-Euro-Peg die Währung gratis abgesichert. Auch pfandbesicherte Schuldtitel, ABS, sind attraktiv, seit die EZB diese Papiere einsammelt, und – aus den USA – erstrangig besicherte Darlehen, Senior Banking Loans, die flexibel verzinst werden.

Sie haben noch nichts zu Aktien gesagt.
Oh, Aktien sind eine hervorragende Anlage, viele Unternehmen ertrinken fast in Liquidität und kaufen eigene Titel zurück. Auf vier bis fünf Jahre bevorzuge ich Europa. Ich bin überzeugt, dass es die Wende schafft. Aus schwierigen Situationen hat Europa noch immer herausgefunden.