Zum Thema: Detroit drückt wieder kräftig aufs Gaspedal

Im goldenen Hinterland der amerikanischen Automobilindustrie

Der tiefe Fall der Automobilstadt Detroit zählt zu den tragischsten Kapiteln der US-Wirtschaftsgeschichte. Jenseits der Stadtgrenze boomt es allerdings, als hätte es eine Krise nie gegeben.

Die Automobilindustrie ist einer der kräftigsten Motoren für Innovation. Kaum ein anderer Ort profitiert davon mehr als Oakland County. Der Agglomerationsbezirk im Norden Detroits zählt zu den weltgrössten Zentren für Automobiltechnologie und blüht vor Prosperität. Es geht ihm wirtschaftlich so gut, dass er bei Kreditprüfern sogar ein besseres Renommee geniesst als die amerikanische Regierung.

Wer aus Detroit nordwärts fährt und den Highway M-102 überquert, ist plötzlich in einer anderen Welt. Entlang der Schnellstrasse, die auch als 8 Mile Road bekannt ist, verläuft nicht nur die offizielle Stadtgrenze. Sie ist auch eine der schärfsten Demarkationslinien zwischen Arm und Reich in den Vereinigten Staaten.

Auf der einen Seite befindet sich Detroit, das sich vom jahrzehntelangen Abschwung zwar aufrappelt, aber noch immer mit Problemen wie hoher Kriminalität und unzuverlässiger Grundversorgung kämpft. Auf der anderen Seite der 8 Mile Road liegt Oakland County, wo das durchschnittliche Haushalteinkommen mit rund 70 000 $ pro Jahr das Landesmittel weit übertrifft und die Wirtschaft wieder so rund läuft, als hätte es die grosse Krise in der US-Autoindustrie nie gegeben.

Kontraste und Konflikte

«Der Konkurs von General Motors (GM 35.70 +1.39%) und Chrysler war natürlich auch für uns ein schwerer Rückschlag. Dennoch haben wir uns davon nicht entmutigen lassen», sagt L. Brooks Patterson. Der geschäftige Regierungschef von Oakland County ist in der Öffentlichkeit zur polarisierenden Symbolfigur für den sozialen und wirtschaftlichen Kontrast zwischen Stadt und Agglomeration geworden. Das vor allem auch deshalb, weil er mit abfälligen Bemerkungen über Detroit immer wieder für erhitzte Gemüter sorgt.

Heute ist der kolossale Zusammenbruch der US-Automobilindustrie für Oakland County längst Geschichte. Wie in Detroit schoss die Arbeitslosenquote damals zwar steil nach oben. «Allein im Jahr 2009 gingen in unserem Bezirk annähernd 60 000 Jobs verloren», erinnert sich Patterson, der sein Amt seit 1992 unangefochten ausübt und nach einem schweren Automobilunfall im Rollstuhl sitzt.

Inzwischen ist die Arbeitslosigkeit deutlich gesunken und bewegt sich mit 4,2% unter dem Landesdurchschnitt. Viele der Einwohner, die in der Krise anderswo einen Job suchen mussten, kehren zurück. Dass der Vorort mit einer Bevölkerung von über 1,2 Mio. Menschen boomt, macht sich auch am dichten Verkehr bemerkbar, in dem es zu Stosszeiten noch langsamer vorwärtsgeht als bei den ersten Internetverbindungen über die Telefonleitung.

Dass Oakland County floriert, ist das Verdienst einer cleveren Standortpolitik. Der Bezirk bezeichnet sich selbst als das «Gehirn der US-Autoindustrie». Die Branche hat mehr als ein Drittel aller Forschungs- und Entwicklungsstätten im Grossraum Detroit hier angesiedelt. Das grösste Technologiezentrum betreibt Fiat Chrysler Automobiles im Bezirksort Auburn Hills, wo sich der US-Sitz der Gruppe befindet. Zu den wichtigsten Arbeitgebern zählen ausserdem General Motors, Nissan und Zulieferer wie Magna und Delphi.

Roboter willkommen

Hinzu kommen zahlreiche verwandte Branchen wie Material- und Automationstechnik. So sind mit ABB (ABBN 28.81 +0.21%), Fanuc (FANUY 16.29 -0.34%), Kuka (KU2 82.50 +0.00%) und Yaskawa alle grossen Hersteller von Industrierobotern präsent. Insgesamt zählt der Bezirk mehr als tausend ausländische Unternehmen aus fast vierzig Nationen. Sie haben allein in den letzten zwei Jahren rund 1,5 Mrd. $ in Fabriken und Arbeitsplätze investiert, wobei die meisten aus Japan und Deutschland kommen. Aus der Schweiz sind ausser ABB unter anderem Autoneum (AUTN 113.60 +0.00%), Sika (SIKA 254.80 -0.86%), Sulzer (SUN 66.35 +0.38%) und der Finanzriese UBS (UBSG 17.85 +0.37%) vertreten.

Anders als in Detroit muss man sich in der Agglomeration daher keine Sorgen um die Finanzen machen. Unter Bezirken vergleichbarer Grösse zählt Oakland County zu den zehn wohlhabendsten der USA.

Als Detroit 2013 mit 18 Mrd. $ den grössten Konkursfall einer amerikanischen Stadt anmeldete, sorgte das zwar auch am Bezirkshauptsitz in Pontiac für etwas Nervosität. Folgen hatte es aber kaum. Standard & Poor’s stellt Oakland County seit 1998 ununterbrochen ein Triple-A-Rating aus. Auch die Ratingagentur Moody’s gibt dem Bezirk die höchste Bonitätsnote. Er weist somit eine bessere Kreditwürdigkeit auf als das US-Schatzamt, dem das Triple-A-Rating 2011 entzogen wurde. «Gemäss Moody’s sind wir das am besten bewirtschaftete County Amerikas», bemerkt der 77-jährige Bezirkschef Patterson stolz.