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Im Hinterland von Texas bricht das Öl-Fieber aus

Die Schieferformation Eagle Ford in Gonzales birgt riesige Energiereserven. Die Bohraktivität ist sogar aus dem Weltraum sichtbar. Die regionale Wirtschaft erlebt einen Aufschwung.

Christoph Gisiger, Gonzales

Auf den Strassen von Gonzales herrscht reger Verkehr. Ein Sat­telschlepper nach dem anderen donnert durch das vor kurzem noch ­verschlafene Provinznest im Südosten von Texas. Die schweren Brummer transportieren Sand, Chemikalien oder Kon­struktionsmaterial zu den unzähligen Bohrfeldern weiter südlich. Sie sind die ersten Vorboten eines neuen Ölbooms, der die globale Energielandschaft erschüttern wird.

«Come and take it» – «komm und hol’s dir», prangt es auf dem Wappen von Gonzales. Der Leitspruch stammt aus der ­texanischen Revolution, als die rund anderthalb Fahrtstunden östlich von Austin gelegene Ortschaft um ihre Unabhängigkeit von Mexiko kämpfte. Mutig spotteten die Einwohner damals den mexikanischen Truppen zu, sich doch heranzuwagen und sich ihre Kanone zurückzuholen, die sie dem Städtchen noch vor dem Beginn des Krieges ausgeliehen hatten. Heute steht Gonzales abermals vor einem historischen Umbruch. Anders als vor zweihundert Jahren dreht er sich dieses Mal aber nicht um politische Freiheit, sondern um die enormen Ressourcen, die 1000 bis 4000 Meter unter der Erdoberfläche schlummern.

Dass es in der Gegend Öl und Gas gibt, wurde schon seit langem vermutet. Die Gemeinde mit kaum 20 000 Einwohnern befindet sich über der riesigen Eagle-Ford-Schieferformation, die sich von Laredo an der mexikanischen Grenze nordostwärts in Richtung San Antonio und Houston erstreckt. Bis vor wenigen Jahren galt es jedoch als unmöglich, die fossilen Vorkommen gewinnbringend aus dem Boden zu holen. Das änderte sich mit einem Schlag, als der unabhängige Energiekonzern Petrohawk Energy erfolgreich mit unkonventionellen Fördertechnologien experimentierte und im Herbst 2008 erstmals auf Öl stiess.

«Es ist das grösste Vorkommen in den USA, das in den letzten vierzig Jahren entdeckt wurde», sagt Bob Garrison von EOG Resources (EOG 89.62 -1.05%), dem mittlerweile grössten Förderer auf dem Platz. «Vor vier Jahren wurde in dieser Gegend praktisch kein Öl gewonnen. Heute ist es bereits über eine halbe Million Fass pro Tag. Hinzu kommen bedeutende Mengen an Gas und Gaskondensaten», berichtet Garrison weiter.

Fördervolumen steigt rasant

Eagle Ford (F 10.01 +1.62%) ist damit in kürzester Zeit zu einem der heissesten Fördergebiete auf dem Planeten avanciert. Auch aus dem

Weltraum ist es deutlich erkennbar und bei Nacht heller beleuchtet als manches urbane Zentrum in den USA. Wie die Bakken-Formation in North Dakota trägt es massgeblich dazu bei, dass die Produktion ausserhalb des Ölkartells Opec nirgends schneller wächst als in den Vereinigten Staaten. Gemäss der Internationalen Energieagentur IEA sind die Schiefervorkommen sogar derart ergiebig, dass die USA bis Ende des Jahrzehnts Saudi-Arabien als weltgrössten Ölproduzenten überholen könnten.

Welches Potenzial die Energiewirtschaft in Südtexas ortet, zeigt mitunter die Übernahme von Petrohawk. Der unabhängige Förderer wurde im Sommer 2011 durch den australischen Minen­konzern BHP Billiton (BHP 28.68 +1.8%) für 12 Mrd. $ aufgekauft. Ausser amerikanischen Energie­kolossen wie ExxonMobil (XOM 62.59 +0.95%), ConocoPhillips oder Chesapeake sind inzwischen auch Branchenschwergewichte aus China, Indien, Kanada und Südkorea vor Ort. Richtete sich der Fokus zunächst vor allem auf das Gas, sind die Konzerne nun primär hinter dem Öl her.

Den plötzlichen Boom hat Eagle Ford dem Durchbruch neuer Fördertechniken zu verdanken. Sie kommen derzeit auch bei einem Standort von EOG rund eine halbe Fahrstunde

ausserhalb des Ortskerns von Gonzales zum Einsatz. Vierundzwanzig Stunden während sieben Tagen in der Woche arbeitet hier ein Team von je fünf Männern im Schichtbetrieb. Sie versenken eine Bohrstange nach der anderen im Boden und graben so rund 12 bis 15 Meter pro Stunde in die Tiefe. Wie bei der traditionellen Ölförderung schraubt sich der Bohrkopf zunächst senkrecht in die Erde. Nach rund 3000 Metern dreht er dann aber stufenweise neunzig Grad ab und arbeitet sich rund anderthalb Kilometer waagrecht voran.

Dieser technische Fortschritt macht das Revival im US-Energiesektor überhaupt erst möglich. Ebenso wichtig ist der nächste Schritt,

bei dem ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck in den Schacht gepresst wird. Dadurch werden dünne Risse in den Fels gesprengt, durch die das Öl und Gas aus den feinen Poren des Schiefer­gesteins in den Bohrschacht ausströmen kann. Hydraulic Fracturing oder kurz Fracking wird dieser Prozess im Branchenjargon genannt. Entscheidend ist dabei, den richtigen Mix der Fracking-Substanzen zu finden, der für jeden Untergrund anders ist.

«Bei uns gibt es weder Feiertage noch Ferien», sagt Vorarbeiter Dan Fisher in der klimatisierten Kontrollstation des Bohrturms rund 5 Meter über Boden. Ein LCD-Bildschirm am Steuerpult in der Mitte des Raums gibt bis auf nur ­wenige Zentimeter genau den Standort des Bohrkopfs an. Wie in einem Videospiel wird dieser über einen Joystick ­gesteuert. «Nintendo-Rigs nennen wir diese Anlagen deshalb auch», meint Fisher. Ist die Arbeit erledigt, zieht er mit seiner Equipe umgehend zum nächsten Bohrloch weiter.

Konjunktur blüht auf

Mit dem Einmarsch der Energiekonzerne kehrt Leben in Ortschaften wie Gonzales ein.

Das Städtchen befindet sich über einem Abschnitt der Eagle-Ford-Formation, der besonders reich an Öl ist. Um die Logistik besser bewältigen zu können, wurde eben erst der Güterbahnhof ausgebaut, sodass nun täglich Hunderte von Waggons umgeladen werden können. Die Arbeitslosenrate ist zuletzt auf 3,4% gesunken und bewegt sich damit selbst unter dem Schnitt des Bundesstaats Texas, der in den USA ein wirtschaftliches Kraftzentrum ist.

Der Aufschwung zieht immer mehr Zuwanderer an. «Häuser, die über Jahre leer standen, sind jetzt verkauft. Gleich fünf neue Hotels werden derzeit gebaut», sagt Bürgermeister Bobby Logan. Auch Konsumgüterriesen wie Wal-Mart, Home Depot (HD 350.41 +1.85%) oder HEB schlagen Wurzeln und bringen weitere Geschäfte im Schlepptau mit sich. Als ärmere Gemeinde, in der die Hühner- und die Viehzucht eine wichtige Rolle spielte, hat Gonzales bislang von Transferüberweisungen im texanischen Schulsystem profitiert. «Ab dem kommenden Jahr müssen wir nun erstmals Geld einzahlen. Deshalb haben wir das Schulhaus noch schnell renoviert», sagt Logan.

Sorgen, dass der Ölrausch ebenso schnell vorbei sein könnte, wie er angefangen hat, macht er sich nicht

. Damit in der Eagle-Formation profitabel gefördert werden kann, genügt ein Ölpreis um 60 $ pro Fass, schätzen etwa die Energieanalysten von Bank of America (BAC 46.37 +2.88%). Zudem sinken die Kosten im Lauf der Zeit mit der wachsenden Erfahrung.

Thomas Tunstall, Ökonomieprofessor an der Universität von Texas in San Antonio, hat sich intensiv mit den Auswirkungen des Booms befasst. Er kommt in einer Studie zum Schluss, dass die Wirtschaftsleistung in den rund zwanzig Gemeinden der Eagle-Ford-Region 2011 dank dem Aufschwung im Energiesektor über 25 Mrd. $ gestiegen ist. Gleichzeitig sind 47 000 Jobs entstanden. «Und das ist erst der Anfang», ist sich Tunstall sicher. «2021 wird der Effekt gemäss einem moderaten Szenario rund 90 Mrd. $ zur Wirtschaftsleitung beitragen. Zudem rechnen wir mit annähernd 120 000 Arbeitsplätzen», ergänzt er.

Umweltbedenken sind vor diesem Hintergrund kaum ein Thema. Das, obschon die Energiebranche in anderen Teilen der USA auf Widerstand stösst. Der Bundesstaat New York beispielsweise hat bis auf weiteres ein Fracking-Moratorium verhängt, um mögliche Auswirkungen auf das Grundwasser ­abzuklären. Ein vorläufiger Stopp gilt ebenso in gewissen Regionen von Pennsylvania, die sich wie Teile von New York über der riesigen Marcellus-Schiefergasformation befinden.

«Hydraulic Fracturing wird hier in Texas seit über sechzig Jahren praktiziert. Bislang hat es noch nie einen dokumentierten Fall gegeben, bei dem das Frischwasser verschmutzt wurde», sagt dazu Barry Smitherman, Präsident der Railroad Commission of Texas. Entgegen ihrem Namen hat die Behörde längst nichts mehr mit Eisenbahn zu tun, sondern reguliert im ganzen Bundesstaat die Bohraktivitäten. «Wir setzen zudem strenge Auflagen durch, gemäss denen der Bohrschacht durch mehrere Schutzhüllen aus Stahl und Zement vom Fels isoliert wird», fügt Smitherman hinzu. Am meisten beschäftigt ihn derzeit, dass die Regierung in Washington zusehends bei der Regulierung mitreden will – ein Trend, der in Texas nicht nur beim Fracking auf energische Ablehnung stösst.