Meinungen

Immune behandeln wie Geimpfte

Wer sich von Impfungen die Erlösung von Covid-19 erhofft, sollte die natürliche Immunität anerkennen. Ein Kommentar von Reiner Eichenberger und David Stadelmann.

Reiner Eichenberger und David Stadelmann
«Wer die natürliche Immunität nicht nutzt, zahlt einen riesigen Preis.»

Coronaimpfungen machen Fortschritte. Sie versprechen künstliche Immunität und erscheinen vielen als die Erlösung. In der Schweiz dürften die ersten Impfungen bestenfalls im Februar oder März stattfinden. Da sie aber knapp sein dürften, werden viele noch Monate ohne Impfung ausharren müssen, und das knappe Gut Impfung muss zugeteilt werden. Dabei sollten diejenigen bevorzugt werden, bei denen die Impfung am meisten bringt, also dadurch Risiken für sie selbst und andere am stärksten gesenkt werden. Wer genau das ist, ist noch unklar, weil unbekannt ist, inwiefern Impfungen die Risikogruppen effektiv schützen. Bekannt ist hingegen eine Gruppe, deren Impfung kaum etwas bringt: Die bereits natürlich Immunen müssen nicht nochmals künstlich immunisiert werden.

Mittlerweile belegen gute wissenschaftliche Untersuchungen (u. a. von Ania Wajnberg und Mitarbeitern in der Fachzeitschrift «Science»), dass natürliche Immunität dank neutralisierenden Antikörpern nach Genesung existiert und wenigstens mehrere Monate anhält. Darüber hinaus gibt es eine ­gewisse Immunität aufgrund von spezifischen T-Zellen (Takuya Sekine und Mitarbeiter in «Cell»). Diese Immunität schützt nicht nur Genesene, sondern sie ist auch die Grundlage für das Funktionieren von Impfungen. Deshalb gilt: Wer auf die künstliche Immunität der Impfung setzt, darf die natürliche Immunität durch Genesung nicht ignorieren.

Natürlich Immune früh zu impfen, ist eine Verschwendung der für andere dringender benötigten Impfungen. Sie spät zu impfen und bis dann trotzdem wie Noch-Nicht-Immune zu behandeln, ist wirtschaftlich, rechtlich und ethisch untragbar. Deshalb gibt es nur eines: Die natürlich Immunen müssen analog zu den künstlich Immunen behandelt werden. Wenn Geimpften wieder volle oder zumindest grössere Freiheit gewährt wird, muss das auch für natürlich Immune gelten, das am besten sofort, denn die natürlich Immunen sind ohne breite künstliche Immunität bereits jetzt die wertvollste Ressource im Kampf gegen das Virus.

Zertifikat à la Impfausweis

Seit Beginn der Pandemie vertreten wir wissenschaftlich und medial, dass Menschen mit nachgewiesener Immunität – sei es aufgrund einer belegten Infektion oder eines späteren Tests auf neutralisierende Antikörper oder spezifische Abwehrzellen – ein Immunitätszertifikat (wie ein Impfausweis) ausgestellt werden soll. Es soll befristet sein und entsprechend der Entwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Immunität aufdatiert werden. Die zertifiziert natürlich Immunen sollen wieder alle normalen Freiheiten erhalten. Derartige Immunitätszertifikate brauchen wir immer dringender.

Die üblichen Einwände sind jetzt erst recht Maku­latur. «Die natürliche Immunität ist unsicher»: In der ­Regel ist die natürliche Immunität vergleichbar mit der künstlichen durch Impfung. Das zeigt sich schon darin, dass die in den vergangenen Tagen gefeierte Impfung gemäss Unternehmensmeldungen einen Schutz von 90% bringen soll, was als ausserordentlich gut gilt. Doch die natürliche Immunität aufgrund nachgewiesener Antikörper scheint verlässlicher, denn trotz Millionen von bereits Genesenen ist die Zahl der nachgewiesenen Zweit­infektionen erstaunlich klein.

«Die Unterscheidung von Immunen und Nicht-Immunen ist schwierig»: Für viele Anwendungen (bspw. Einsatz in der Pflege, internationale Reisen, Besuch von Grossveranstaltungen) ist die Kontrolle von Immunitätszertifikaten ein minimaler Aufwand. Hingegen stellt sich bei differenziellen Verhaltensgeboten, etwa Aufhebung der Maskenpflicht, die Frage, wie natürlich Immune leicht erkennbar gemacht werden können. Diese Frage stellt sich aber genauso im Zusammenhang mit künstlich Immunen.

«Die Anerkennung der natürlichen Immunität führt zu einer Zweiklassengesellschaft»: Diese Aussage spiegelt politische Willkür. Der Sinn einer Impfung ist, Vorteile für die Geimpften und die Gesellschaft zu schaffen. Insofern führt auch die Impfung in eine «Zweiklassen­gesellschaft». Weshalb das im Fall künstlich Immuner gut, im Fall natürlich Immuner aber schlecht sein soll, ist nicht einsichtig. Derzeit werden natürlich Immune sogar diskriminiert: Sie haben teils eine schwere Erkrankung hinter sich, sind nun immun und dürfen trotzdem nicht zu einem normaleren Leben übergehen.

«Eine Bevorzugung der natürlich Immunen führt zu gezielten Selbstansteckungen»: Eine absehbare Impfung senkt die Wahrscheinlichkeit von Selbstansteckungen stark. Zudem sind allfällige Selbstansteckungen ein Zeichen dafür, dass die Last der Einschränkungen für viele Menschen weit grösser ist als die mit der Infektion verbundenen Risiken. Natürlich und künstlich Immunen werden zudem keine Vorrechte gewährt. Vielmehr werden sie nicht mit Einschränkungen belastet.

«Immunitätszertifikate bringen nichts, weil es zu ­wenig natürlich Immune gibt»: Immunitätszertifikate zielen nicht auf Herdenimmunität, sondern auf das gesellschaftliche und wirtschaftliche Wohl. In der Schweiz steigt die natürliche Immunität schnell, womit die Befreiung der Immunen immer wichtiger wird. Mitte ­November gab es rund 280 000 gemeldete Fälle und über 6000 neue Fälle pro Tag. Neben all den offiziell gemeldeten Genesenen gibt es eine grosse Dunkelziffer. So schätzte eine sorgfältige Studie für den Kanton Genf die Dunkelziffer der tatsächlichen Infektionen im Frühjahr um einen Faktor von rund zehn grösser als die gemeldeten Infektionen. Damit ist bereits jetzt die Zahl der natürlich Immunen höchst relevant. Von der Einsatzfähigkeit von immunitätszertifizierten Personen profitieren alle: direkt durch ihre Arbeitsleistung, indirekt über die normale Besteuerung von Einkommen und Konsum sowie dadurch, dass sie das Virus nicht weiter übertragen.

Pflegebereich entlasten

Bis zur breiten Verfügbarkeit von Impfungen wird die Zahl der natürlich Immunen noch steigen. Zwar könnte die Dunkelziffer heute niedriger liegen als in der ersten Welle, denn seither wird mehr getestet, doch trafen die Infektionen im Sommer v. a. Jüngere, bei denen die Dunkelziffer eher höher ist, und manche von ihnen dürften sich nicht mehr testen lassen, um der Quarantäne zu entgehen. Daher könnten die tatsächlichen Infektionen das Drei- bis Zehnfache der gemeldeten betragen. Wenn Impfungen schon Anfang Februar beginnen könnten und die Zahl der gemeldeten Infektionen von derzeit rund 6000 ab Dezember bis Ende Januar stetig auf 2000 gesenkt werden könnte, betrüge der Anteil der natürlich Immunen selbst bei einer niedrigen Dunkelziffer wenigstens 22% der Bevölkerung.

Wer in künstlicher Immunität durch Impfung die ­Erlösung sieht, sollte für Nutzung der natürlichen Immunität einstehen. Wer die natürliche Immunität nicht nutzt, zahlt einen riesigen Preis. Immer öfter treffen die Freiheitsbeschränkungen bereits Immune. Besonders absurd ist das in der Pflege: Es droht die Überlastung des Gesundheitswesens wegen Personalmangels, u. a. weil das Personal oft in Quarantäne ist und hohen Belastungen durch Schutzmassnahmen ausgesetzt ist. Dabei ist ein heute schon relevanter, wachsender Anteil der Pflegenden, der Gepflegten und der Angehörigen natürlich immun. Würden die natürlich Immunen effektiv identifiziert und für sie die Vorgaben vernünftig angepasst, würde der Personalmangel entschärft. Wer die natürlich Immunen ignoriert und nochmals künstlich immunisiert, verschwendet Ressourcen, verursacht menschliches Leid und belastet die Gesellschaft insgesamt. Deshalb: Die natürlich Immunen dürfen nicht schlechter behandelt werden als die künstlich Immunisierten.

Leser-Kommentare

Ruth Bühler 23.11.2020 - 14:03

Danke für diesen sehr guten Artikel.

Bernhard Hochuli 24.11.2020 - 15:48

Danke für den aufschlussreichen Artikel. Ich habe manchmal das Gefühl, in der Task Force sitzen die falschen Wissensträger?

Michael Graf 24.11.2020 - 16:55
Treffend und perfekt auf den Punkt gebracht! Danke! Gemäss BAG-Statistik sind bereits rund 3,5 % der Schweizer Bevölkerung als “laborbestätigte Fälle” definiert und gehören demzufolge nach meinem laienhaften Verständnis zu den natürlich Immunen. Allerdings kommt es mir so vor, als gehören diese über 250’000 Personen in der Schweiz schlichtweg nicht “zum Plan” und werden nirgends berücksichtigt. Da herrscht schlicht politischer… Weiterlesen »