Meinungen

Impfen kräftig fördern

Auf rein freiwilligem Weg ist der Herdenschutz kaum zu erreichen. In der einen oder anderen Form werden Bund und Kantone schliesslich nachhelfen müssen. Ein Kommentar von Stefan Felder.

Stefan Felder
«Grundsätzlich darf ein Arbeitgeber von den Beschäftigten eine Impfung verlangen.»

Impfen ist eine gute Sache. Falls der Impfstoff wirksam ist, was bei den Vakzinen gegen Sars-CoV-2 der Fall ist, sind Geimpfte mit hoher Wahrscheinlichkeit vor der Erkrankung Covid-19 mit ihren möglichen schwerwiegenden Folgen, einschliesslich Tod, geschützt. Wer sich impft, tut nicht nur etwas Gutes für sich selbst, sondern auch für die Gesellschaft, weil er dazu beiträgt, die knappe Ressource «Betten und qualifiziertes Personal auf den Intensivstationen» zu schonen. Verhindert die Impfung darüber hinaus Ansteckungen – das ist bisher noch nicht ausgemacht, aber wahrscheinlich –, dann ist sie eine noch feinere Sache. Wer sich impft, produziert zusätzlich einen externen Effekt, indem er auch andere nicht mehr durch Ansteckung gefährdet. Zwei gute Gründe also für Bund und Kantone, das Impfen zu fördern oder eventuell für bestimmte Gruppen sogar verpflichtend vorzuschreiben. Die gesetzliche Grundlage dafür bietet das Epidemiengesetz. Allein, von Impfzwang ist nichts zu vernehmen. Im Gegenteil, Bund und Kantone schliessen ihn explizit aus und setzen ausschliesslich auf Überzeugungskraft im Verbund mit Wissenschaft und Medien.

Ganz anders haben sich Bund und Kantone bei der Verordnung der Lockdowns in der ersten und der zweiten Welle der Pandemie verhalten. Die folgende Liste gibt nur einen Ausschnitt der Pflichten und Verbote: Schliessung von Geschäften und Restaurants, Maskenpflicht, Home-Office-Pflicht, Verbot öffentlicher Veranstaltungen. Freiwilligkeit beim Impfen, aber Zwang bei den Massnahmen: Wie geht das auf, zumal Lockdown-Massnahmen ungleich teurer sind als das Impfen?

Nach der sechsten Coronaumfrage der SRG von Anfang Jahr sind 41% der Schweizer Bevölkerung bereit, sich sofort impfen zu lassen, 35% sind noch unschlüssig, und 24% lehnen die Impfung ab. In der fünften Umfrage Ende Oktober waren lediglich 16% der Befragten ohne Einschränkung zum Impfen bereit. Die letzte Zahl deckt sich mit den niedrigen Impfraten gegen die saisonale Grippe. Bei Personen, die im Gesundheitsbereich tätig sind, beträgt die Durchimpfungsrate gegen Grippe nach einer durch das Bundesamt für Gesundheit beauftragten Umfrage 23%. Bei Personen mit regelmässigem Kontakt mit Risikopatienten liegt sie bei nur 8%.

Anreize schaffen

Weshalb ist die Impfbereitschaft so niedrig, obwohl die Impfung Schutz vor Ansteckung bietet? Die Ursache steht im Zusammenhang mit den bereits genannten Aspekten. Erstens berücksichtigen die Menschen nicht oder zu wenig, dass sie auch andere schützen, wenn sie sich impfen lassen. Zweitens können sie sicher sein, nicht wegen fehlender Impfung von einer Behandlung auf der Intensivstation ausgeschlossen zu werden, sollte dies wegen Covid-19 notwendig werden. Ein solcher Ausschluss wurde zwar vorgeschlagen, und eine Umsetzung wäre grundsätzlich möglich, jedoch politisch chancenlos. Weniger drastisch wäre es, Nichtimpfbereiten die Kosten ihrer Ansteckung zu übertragen. Durch eine solche Haftungsregel würde ein klarer finanzieller Anreiz für die Impfung gesetzt, kostet eine Behandlung auf der Intensivstation doch schnell einmal 100’000 Fr.

Um Herdenimmunität zu erreichen, braucht es bei Sars-CoV-2 eine Durchimpfungsrate von 60 bis 70% der Bevölkerung. Das sind keine 100%, weshalb auch kein generelles Impfobligatorium angezeigt ist. Menschen, die sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht impfen lassen wollen, müssen das nicht zwingend tun. Der Staat könnte sie aber mit einer Steuer belasten. Oder er hätte die entgegengesetzte Möglichkeit einer Impfsubvention. Er könnte das Vakzin nicht nur gratis abgeben, sondern es darüber hinaus mit einem finanziellen Zustupf verbinden: 500 Fr. für jeden, und wir dürften relativ rasch die notwendigen 5 Mio. Impfwilligen finden. Im Vergleich zu den immensen Kosten des Lockdown wären die 2,5 Mrd. Fr. für Impfsubventionen ein kleiner Betrag.

Die Impfwilligkeit kann auch angereizt werden, wenn Geimpfte von Coronaauflagen befreit werden, denen Nichtgeimpfte weiterhin unterliegen. Verfehlt ist in diesem Zusammenhang die öffentliche Diskussion über Impfprivilegien. Wenn ein Impfnachweis verifizierbar ist und Geimpfte nicht ansteckend sind, gibt es keinen Grund, ihnen ihre verfassungsmässig garantierten Rechte vorzuenthalten. So stellt eine kulturelle Veranstaltung exklusiv für Geimpfte kein Privileg dar, sondern ist durch die Vertragsfreiheit geschützt.

Ethikkommission gegen Obligatorium

Die Nationale Ethikkommission vermeidet in ihrer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme immerhin den Begriff «Privileg». Sie spricht sich jedoch gegen exklusive Veranstaltungen für Geimpfte aus, falls mit Maskenpflicht und Abstandsregeln ein ausreichender Schutz vor Ansteckung erreicht werden könne. Die zu erwartenden Ertragseinbussen des Veranstalters wegen Schutzmassnahmen und reduzierter Teilnehmerzahl sind ganz offensichtlich kein Thema, mit dem sich die Mitglieder der Ethikkommission beschäftigen wollen. Sie lehnen auch ein Impfobligatorium für bestimmte Personengruppen und besonders das Gesundheitspersonal ab. Letzteres sei im Zuge der Pandemie bereits in hohem Mass gefordert und leiste einen Einsatz zugunsten der Allgemeinheit. Ein Hinweis, der angesichts steigender Arbeitslosigkeit und zunehmender Konkurse wegen der Coronamassnahmen sonderbar anmutet. Und ja, das Gesundheitspersonal ist einem erhöhten Risiko ausgesetzt, aber das gilt auch umgekehrt.

Natürlich kann mit den externen Effekten des Impfens auch privatrechtlich umgegangen werden. Kürzlich hat ein St. Galler Altersheim eine Impflicht für das Gesundheitspersonal angeordnet, nachdem ein Fünftel der Bewohner an Covid-19 verstorben war. Der Altersheimchef zeigte sich überrascht, als ein Grossteil des Personals sich der Anordnung widersetzte, und liess verkünden, er sehe nicht vor, den Impfverweigern zu kündigen. Grundsätzlich darf ein Arbeitgeber von den Beschäftigten eine Impfung verlangen. Die Swiss beispielsweise denkt für ihr Flugpersonal darüber nach. Eine solche Anordnung ist nicht mit einem Impfzwang gleichzusetzen, weil ein Verstoss dagegen nur arbeitsrechtliche Konsequenzen nach sich zieht. Wer die Impfung ablehnt und damit andere Menschen am Arbeitsplatz gefährdet, verletzt die arbeitsvertragliche Sorgfalts- und Treuepflicht. Dies kann verwarnt werden oder gar mit der Kündigung des Arbeitsvertrags enden. Wie es auch anders gehen könnte, zeigt ein Spital in Houston, USA. Es bietet seinen 26’000 Angestellten je 500 $ an, falls sie sich impfen lassen.

Externer Effekt ist ein öffentliches Gut

Private Vereinbarungen sind ein wichtiges Element bei der Förderung des Impfens. Doch die Zahl der Branchen ist begrenzt, in denen Interesse und auch Aussicht besteht, per Anordnung oder finanzielle Abgeltung den Impfschutz zu erreichen. Mit privaten Entscheidungen allein werden wir keinen Herdenschutz bekommen, weil der externe Effekt einer Impfung ein reines öffentliches Gut darstellt, das man nicht privatisieren kann. Geimpfte schützen alle, die mit ihnen in Kontakt kommen, keiner kann von diesem Schutz ausgeschlossen werden. Private Märkte stellen öffentliche Güter nicht ausreichend zur Verfügung, sodass der Staat es übernehmen muss, die Herdenimmunität zu organisieren.

Die durchschnittliche Anzahl der Covid-19-Todesfälle ist in den letzten Wochen deutlich gesunken, nachdem sie Ende letztes Jahr im Zuge der zweiten Welle hochsprang. Auch liegen aktuell nur noch wenige Covid-19-Erkrankte in Intensivbetten. Damit sinkt für die Menschen leider aber auch der Anreiz, sich impfen zu lassen. Daher ist nicht damit zu rechnen, dass der freiwillige Weg funktionieren wird. In der einen oder anderen Form werden Bund und Kantone schliesslich eingreifen müssen, und ein Verzug führt lediglich zu höheren Kosten, Tote inklusive.

Leser-Kommentare

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Philipp Ulrich 15.03.2021 - 13:57

Unglaublich, diese Überheblichkeit des Ökonomen. Er sollte mehr auf sich selbst hören.

Stephan Zimmerli 15.03.2021 - 17:16

Weshalb nicht einfach zurück zu Eigenverantwortung?
Personen mit erhöhtem Risiko lassen sich in ihrem eigenen Interesse impfen. Lockdowns/Einschränkungen werden aufgehoben. Händewaschen und Abstand halten kann weiterhin nicht schaden. Und Schluss mit dem Spuk.

Roberto Binswanger 15.03.2021 - 17:28

Tönt ja gut und recht. Aber was tun, wenn man impfwillig ist, zur Risikogruppe 1 gehört, aber mangels Impfstoff vom Kanton auf Mai vertröstet wird?

Pascal Fuchs 16.03.2021 - 15:04
Ich teile die Grundhaltung von Herr Zimmerli zumThema „Eigenverantwortung“. Über Impfen oder Nichtimpfen zu debatieren ist unsinnig, jeder weiss sich „berechtigterweise“ seine eigene Meinung dazu bilden zu können. Wer der Risikogruppe zugehörig ist, oder Erkrankungsängste mit sich herumträgt, sollte die Möglichkeit bekommen sich zeitnah impfen zu lassen. Es muss ein Endtermin für diese „Schutzzeit“ geben, dann wird komplett geöffnet und… Weiterlesen »
Jean-Pierre Gigaud 19.03.2021 - 19:14
Solche Artikel gehören in das FuW-Schwesterblatt “Tages-Anzeiger”, wo der Mob der Corona-angefixten Journalisten den Diktatoren zu Bern aus der Hand frisst – ganz nach dem Motto: “Beiss nicht die Hand die dich füttert”. Beschränken Sie sich deshalb bei der Berichterstattung auf “Finanzielles und Wirtschaftliches” und lassen Sie sich vom Tagi nicht nochmals vor den Karren spannen (wo zum Glück in… Weiterlesen »
Ruedi Eggen 23.03.2021 - 08:06
Der Ökonom umschifft elegant die Tatsache, dass sich diese Impfstoffe noch in keinem Menschen länger als ein paar Monate befunden haben. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass überall Meldungen von “Komplikationen” aufpoppen. Da ja die medizinische Versorgung nicht überlastet ist, könnte eine Strategie sein, die Risikogruppen zu impfen und dann mindestens mal ein Jahr abwarten ob und wie der “Schuss”… Weiterlesen »