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In China vermisst niemand das Bargeld

In der Volksrepublik bezahlt man per Handy. Ein Duopol aus Alibaba und Tencent erntet die Vorteile. Die Zentralbank will eigenes elektronisches Geld anbieten.

Es ist ein warmer Spätsommerabend im Beihai-Park in der Mitte Pekings. An einem Verkaufsautomaten will eine Mutter – neben ihr der Mann und das zappelige Kind – eine Flasche Wasser kaufen. Die drei inspizieren die Maschine. Die Frau dreht sich empört um und warnt die Leute, die hinter ihr in der Reihe warten: «Der nimmt nur Bargeld!»

Der Verkaufsautomat ist veraltet. In der chinesischen Hauptstadt nehmen zwar auch neue Automaten vorerst noch Scheine, aber die allermeisten Kunden bezahlen mit einer App auf ihrem Handy. Viele junge Chinesen nehmen im Alltag kein Portemonnaie mehr mit – auch im öffentlichen Verkehr ist das Ticket meistens auf dem Handy. Und sogar mit Bank- und Kreditkarten kommt man oft nicht weit. Eine Folge ist grosse Nervosität, wenn die Batterie zur Neige geht. Deswegen gibt es in vielen Restaurants und Cafés tragbare Akkus zum Aufladen.

Nach Schätzungen werden 80% aller Zahlvorgänge von Konsumenten mit dem Handy abgewickelt. In keinem anderen Land sind mobile Zahlungen im Alltag so verbreitet. Barzahlungen sind für viele Geschäfte ein Problem: Kein Wechselgeld ist da. Vor einem Jahr ging Chinas Zentralbank mit einer Warnung an die Öffentlichkeit: Es sei illegal, Barzahlungen abzulehnen.

Allgegenwärtige QR-Codes

Das Bezahlen läuft über das Scannen von QR-Codes – ein Quadrat, das verschlüsselt die nötigen Informationen für die Zahlung enthält. Bei kleineren Läden, etwa dem Gemüsehändler an der Ecke, scannt man den QR-Code des Geschäfts und sendet ihm den Betrag. Bei Supermärkten wird der Code vom Handy des Käufers eingelesen und der Betrag belastet.

So gut wie alle Verkaufsstellen bieten Zahlungen mit Alipay, das zum Onlinekonzern Alibaba gehört, und WeChat Pay, betrieben vom Konkurrenten Tencent. Das Bezahlgeschäft ist damit ein Duopol. Mehr als neun Zehntel der mobilen Transaktionen werden über die beiden Plattformen abgewickelt. Die Zahl der Nutzer der zwei Applikationen hat vergangenes Jahr die Marke von 900 Mio. überschritten.

Der Trend weg vom Portemonnaie gilt auch für Zugangssysteme – etwa zu Universitäten oder Büros. Dort kann man sich per Gesichtserkennung ohne Karte ausweisen. Grosse Debatten um die Speicherung von biometrischen Daten gibt es nicht. Daher gibt es immer mehr Verkaufspunkte, bei denen – hat man sich einmal mit seinem Gesicht registriert – per Blick in die Kamera bezahlen kann.

WeChat ist auch dank der Bezahlfunktion viel wichtiger geworden, als man für eine gewöhnliche Applikation zum Chatten erwarten würde. Tencent hat das geschaffen, was Internet-Experten ehrfürchtig ein «Ökosystem» nennen – eine ganze Anzahl von Anwendungen, die auf WeChat basieren. Kleinanzeigen, Online-Shopping, Bahnbilletts oder Flugtickets können direkt gekauft werden. «Mini-Applikationen», kleine in WeChat laufende Anwendungen, machen bis zu einem Drittel der mobilen Benutzung aus.

Über die Applikation reserviert man sich etwa einen Termin beim Arzt. Auch die Funktionen von Mitgliedschafts- und Punktekarten werden über WeChat abgewickelt. Das kann nervig sein: Gerade hat man sich eine Cola im Laden gekauft, kommt auch gleich die Werbenachricht für das Brausegetränk. Für das Marketing ist dies ein gefundenes Fressen – viele Dienstleistungen und Produkte verlangen, dass man dem Anbieter die Daten des Nutzerprofils zur Verfügung stellt.

Fintech muss sich in Europa und den USA gegen die Vertriebskanäle etablierter Finanzinstitute erst noch durchsetzen. Anders in China: Finanzprodukte wie die Kreditvergabe und Anlagefonds sind in WeChat fest verschraubt. Kein Wunder, ist Facebook bestrebt, das Konzept von WeChat mit der geplanten Internet-Währung Libra zu kopieren. «Tencent betreibt das innovativste soziale Netzwerk der Welt», sagt Fondsmanager Justin Leverenz von Invesco gegenüber «Finanz und Wirtschaft».

Im Interesse des Staats

Aber während der kalifornische Social-Media-Konzern auf Widerstand von Regulierungsbehörden und Notenbanken stösst, unterstützt Peking das Online-Finanzwesen. Das erklärt der in Schweden forschende Sinologe Nicholas Loubere in einem Aufsatz: «Die Eingliederung von mehr Menschen ins digitale Finanzwesen ist Teil von Regierungsplänen zur Schaffung eines gesellschaftlichen Kreditpunktesystems, um eine ‹vertrauenswürdige Gesellschaft› aufzubauen.» Die Überwachungsmöglichkeiten der Regierung würden also gestärkt.

Aber es gibt auch Bedenken über zu viel Macht des Duopols von Alibaba und Tencent. «Wenn WeChat Pay mehr Nutzer und Konten an sich gebunden hat, wird es an Macht zur Preissetzung gewinnen», wird ein Angestellter der Clearing-Plattform Nets Union vom Wirtschaftsmagazin «Caixin» zitiert. Andere Plattformen und Finanzinstitute würden ausgeschlossen – «die Kosten tragen die Kunden».

Seit 2018 müssen Abbuchungen von Bankkonten über die zentrale Clearing-Plattform abgewickelt werden, statt direkt mit einzelnen Banken abzurechnen. Das soll kleineren Mobile-Payment-Anbietern den Markteintritt erleichtern. In die gleiche Richtung stossen Pläne, die allgegenwärtigen QR-Codes zu standardisieren. Als Reaktion, so berichtet Caixin, versuchten die etablierten Zahlungsanbieter, direkt Detailhändler an sich zu binden.

Das Bargeld der chinesischen Zentralbank wird immer weniger verwendet – als Antwort arbeitet sie an einer digitalen Version. Das überlegen sich Notenbanken weltweit, doch in China ist die Einführung wohl nur eine Frage der Zeit. Mu Changchun, verantwortlich für das elektronische Zentralbankgeld, meinte im August, man stehe «kurz vor der Einführung».

Digitales Bargeld hat Vorteile

Die Ankündigung war wohl voreilig. Aber die Vorteile sind klar, wie Mu in einer Serie von Podcasts erklärt: «WeChat und Alipay haben nicht denselben rechtlichen Status und Sicherheit wie Banknoten.» Elektronisches Zentralbankgeld hänge im Gegensatz zum bisherigen Mobile Payment nicht von Bankkonten ab. Und niemand werde es ablehnen dürfen. Zahlungen sollen auch offline möglich sein.

«Um unsere geldpolitische Souveränität und den rechtlichen Status der Währung zu wahren, müssen wir vorausplanen», betont Mu. Überraschend für die chinesische Debatte betont er den Datenschutz: «Man will auch etwas konsumieren, ohne dass es andere wissen. Wir müssen diese Privatsphäre schützen.»

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