Meinungen

In der energiepolitischen Sackgasse

Die Schweiz stellt ohne jede Not die Sicherheit der eigenen Stromversorgung in Frage. Schon bald drohen Engpässe, und das ehrgeizige Klimaziel bleibt unerreichbar. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf

«Von wo künftig der zusätzlich benötigte Strom kommen soll, ist völlig offen.»

Wer sich den «Energy Trilemma Index» des Weltenergierats anschaut, wähnt die Schweiz in einem Stromparadies. Seit Jahren schon steht das Land stets an der Spitze. Der Index zeigt auf, wie die einzelnen Länder in der Elektrizitätsversorgung mit den konkurrierenden Zielen Versorgungssicherheit, Erschwinglichkeit und Umweltschutz umgehen.

Mit ihrem fast CO2-freien Strommix aus gut 58% Wasserkraft und knapp 33% Kernkraft (2020) ist die Schweiz weitgehend unschlagbar. Das war schon vor zehn und mehr Jahren so. Nur der Anteil der Kernkraft hat seit der Stilllegung von Mühleberg vor eineinhalb Jahren rund 5% abgenommen.

Zäsur in der Energiepolitik

Dennoch war die Katastrophe von Fukushima vor gut zehn Jahren eine Zäsur in der Schweizer Energiepolitik. Zur Erinnerung: Am Vorabend von Fukushima lagen drei Gesuche für eine Rahmenbewilligungen für neue Kernkraftwerke vor. Die Betreiber von Mühleberg, Beznau und Gösgen planten den Ersatz der bestehenden Werke. Die Gesuche waren gut unterwegs und stiessen auf erstaunlich wenig Kritik.

Die damalige Planung sah vor, 2013 eine Volksabstimmung durchzuführen und die Ersatzwerke dann rasch zu realisieren. Sie wären nun im Bau und würden die Versorgungssicherheit der Schweiz mit Strom weit über ein halbes Jahrhundert hinaus garantieren.

Das änderte sich am 11. März 2011 schlagartig. Nach Fukushima ging ein Aufschrei durch die Schweiz (und andere Länder). Drei Tage nach der Katastrophe von Fukushima sistierte die damalige Energieministerin Doris Leuthard die laufenden Verfahren für die Gesuche. Für sie war mit Fukushima das unkontrollierbare Restrisiko der Kernkraft virulent geworden – eine fundamental falsche Annahme.

Das, zumindest vorläufige, Ende der Kernkraft in der Schweiz war damit besiegelt, die Gesuche wurden nie mehr aufgegriffen. Im Gegenteil: Im Rahmen der Energiewende und der Volksabstimmung 2017 wurde der Bau neuer Kernkraftwerke gar verboten. Damit hat die sich gerne liberal gebende Schweiz faktisch ein Technologieverbot im Gesetz verankert.

Die Energiestrategie 2050 sieht langfristig als Ersatz für die wegfallende Kernenergie die Stromerzeugung aus Sonne, Wind, Wasser und Geothermie. Nur wird das so nicht funktionieren. Sonne und Wind liefern Flatterstrom, das heisst die Erzeugung ist von der Witterung abhängig. Damit lässt sich die Leistung der Kernkraftwerke, die die so wichtige Bandenergie liefern, also die konstante Grundlast abdecken, nicht ersetzen. Das ist nur möglich, wenn genügend grosse und effiziente Stromspeicher zur Verfügung stehen. Das aber ist weder heute noch in absehbarer Zukunft der Fall.

Überdies sind Sonne und Wind äusserst ineffiziente Energiequellen. Sie kommen auf das ganze Jahr gesehen auf Kapazitätsauslastungen von rund 20% für Wind und lediglich etwa 12% für Photovoltaik. Im Vergleich dazu kommt ein Kernkraftwerk auf eine Auslastung von in der Regel deutlich über 80%. Produzieren Wind und Sonne nicht, braucht es zum Ausgleich sehr rasch zuschaltbare Back-up-Kapazitäten. Die Fixkosten verdoppeln sich damit.

Die Wasserkraft hätte rein theoretisch und von den geografischen Gegebenheiten her noch ein grosses Potenzial. Mit Blick auf die politischen Realisierungschancen allerdings ist sie so gut wie ausgeschöpft. Davon können die Kraftwerke Oberhasli (KWO) im Berner Oberland ein Lied singen. Seit Jahren versuchen sie, die bestehende Grimselstaumauer zu erhöhen und so die Produktionskapazitäten markant zu steigern.

Proteste von Seiten von Umweltschützern – ja, von denjenigen, die die Energiewende propagieren – haben das Projekt gebremst, ein Bundesgerichtsentscheid hat das seine dazu beigetragen. Dasselbe Schicksal scheint das geplante Projekt ebenfalls der KWO an der Trift zu ereilen. Nach anfänglichen guten Fortschritten wurde es auch gebremst. Gemäss Auskunft der KWO liegen derzeit beide Projekte auf Eis und warten auf Richtplanentscheide des Kantons Bern.

Der Baubeginn an der Trift ist, wenn überhaupt, erst 2025 realistisch, es könnte frühestens 2033 in Betrieb genommen werden. Grimsel und Trift sind die zwei am weitesten fortgeschrittenen Projekte zum Ausbau der Wasserkraft in der Schweiz. Die in der Energiestrategie 2050 auch enthaltene tiefe Geothermie ist hierzulande faktisch vom Tisch.

In der Strategie ist zudem vom Energiesparen die Rede und es werden konkrete Sparziele vorgegeben. Hier kommen nun die Klimakonferenz von Paris 2015 sowie die darauf basierenden Klimaziele der Schweiz ins Spiel. Bis 2030 will die Schweiz den Ausstoss von Treibhausgasen im Vergleich zu 1990 um 50% reduzieren. Für 2050 wird die volle Dekarbonisierung angestrebt. Das bedingt, dass etwa der Verkehr und die Heizungen weg von fossiler Energie gehen.

Das könnte, rein technisch, allenfalls möglich sein. Folge ist jedoch ein im Vergleich zu heute massiv erhöhter Stromverbrauch. Mit der Wasserkraft und den vier noch in Betrieb stehenden Kernkraftwerken erzeugt die Schweiz heute und für den aktuellen Verbrauch zumindest im Sommer genügend Strom. Allerdings ist sie im Winter auf Stromimporte angewiesen, die bis zu einem Drittel des Bedarfs gehen können, je nach Witterung.

Grösster Stromlieferant heute ist Deutschland, vor Frankreich. Nur sind diese Importe keineswegs mehr gesichert: Deutschland legt bis Ende des kommenden Jahres die noch verbleibenden sechs Kernkraftwerke still. Frankreich hat das Werk Fessenheim in der Nähe von Basel schon vom Netz genommen – die Schweiz bezog von dort Strom.

Da Deutschland und Frankreich die geringere Stromproduktion in erster Linie für sich beanspruchen werden (denn auch dort steigt der Verbrauch), dürften sich für die Schweiz schon bald Versorgungsprobleme stellen, und zwar nicht erst in den Dreissigerjahren, wie oft angeführt wird. Mit ersten Problemen ist schon in diesem Jahrzehnt zu rechnen.

Die Elektrizitätskommission ElCom macht seit Jahren schon auf die Winterlücke aufmerksam und verlangt eine entsprechende Zusatzproduktion. Angesichts der absehbaren Nachfragesteigerung könnte der Strom künftig auch im Sommer knapp werden, zumal das Stromabkommen mit der EU, das einen erleichterten Zugang zu den EU-Elektrizitätsmärkten bringen würde, vorerst nicht zur Debatte steht. Nach dem Tod des Institutionellen Rahmenabkommens will die EU davon derzeit nichts wissen.

Von wo künftig der zusätzlich benötigte Strom kommen soll, ist völlig offen. Langsam dämmert es selbst gewissen Umweltschutzkreisen, dass Dekarbonisierung ohne Kernkraft nicht zu haben ist. Allerdings ist diese Option für die Schweiz nur langfristig relevant. Ein Zurückkommen auf das Verbot neuer Kernkraftwerke würde zunächst eine langwierige Gesetzesrevision bedingen. Danach würden Bewilligung, Planung und Bau wohl mindestens zwanzig Jahre in Anspruch nehmen.

Option Gaskraftwerke

So steht als Option mittelfristig nur noch Gas zu Debatte. Allerdings sind Gaskraftwerke für private Investoren unattraktiv, wenn sie nur produzieren dürfen, wenn Sonne und Wind nichts liefern. Das würde nur mit staatlicher Hilfe oder gleich direkt durch den Staat selbst funktionieren, womit die Planwirtschaft im Energiesektor perfekt wäre. Zudem stossen auch Gaskraftwerke grosse Mengen von CO2 aus. Um die Klimaziele zu erreichen, würde die Schweiz damit in die fossile Stromproduktion einsteigen und die Klimaziele vollends zur Illusion werden lassen – das ist an Absurdität fast nicht zu überbieten.

Die Schweiz wurde nicht aus dem Stromparadies vertrieben, vielmehr hat sie es dem eigenen Triebe gehorchend verlassen. Sie hat sich, ohne jede Not, in eine Sackgasse manövriert, aus der ein vernünftiger Ausweg nur schwer zu finden sein wird. Sie hat das Paradies eingetauscht gegen äusserst komplizierte und interventionistische Gesetze, gegen eine neue Subventionswirtschaft, gegen mehr Umweltbelastung, gegen steigende Preise und gegen Unsicherheiten in der Stromversorgung. Viel schlechter kann ein Deal gar nicht sein.

Leser-Kommentare

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Roland Heinzer 03.08.2021 - 17:34
Bravo, endlich wieder einmal Klartext. Mit falschen Annahmen wurde das Volk überzeugt einem AKW Verbot zuzustimmen. Wo soll der zusätzliche Strom herkommen für die Elektroautos, Elektroroller und Fahrräder , Wärmepumpen, Ausbau des ÖV, Computer und Smartphones? Aus der Steckdose? Dabei ist es bereits heute unmöglich bei einem Neubau für Steckdosen zum Aufladen von Elektroautos in Garagen eine Bewilligung zu erhalten.… Weiterlesen »
Mark Flückiger 03.08.2021 - 17:40
Wie wahr! Der fatale Fehlentscheid des BR unter Federführung von BRin Leuthard und der überhastete Volksentscheid einer fehlgeleiteten Bevölkerung werden schwerwiegende Folgen haben. Kommt dazu, dass das Hauptargument, die ungelöste Frage einer sicheren Deponie der Kernkraftrückstände (nicht Abfälle!) für 10’000 Jahre, völlig realitätsfremd ist. Das ist völlig unnötig. Wer weiss denn schon, welche wissenschaftlichen Kenntnisse und technischen Möglichkeiten dereinst verfügbar… Weiterlesen »
Stefan Wick 03.08.2021 - 17:40

Danke an Frau Leuthard und dem Stimmvolk.

Martin Mäder 03.08.2021 - 22:37

Einmal mehr eine glasklare Analyse! Wie – zum Donner – bringt man das bloss in die Hirni unserer opportunistischen, zeitgeistgeilen, selbstgefälligen, pomadigen Bundespolitiker?

Peter Wigant 04.08.2021 - 05:08
Peter Morf hat – leider- in allen Punkten Recht. Die Haltung des Bundesrats erinnert mich an Admiral Nelson, der das Fernglas vor sein blindes Auge hielt und sagte :”Ich sehe nichts”. Was der Bundesrat, angeführt von Doris Leuthard der Schweiz vor 10 Jahren eingebrockt hat, ist, gelinde ausgedrückt, ruinös. Jetzt sollte der Bundesrat Mut zeigen und den damaligen Entscheid zum… Weiterlesen »
Urs Haeny 04.08.2021 - 11:11

Was schon lange befürchtet wurde, wird zur Tatsache: Der Schweizer Ausstieg aus der Kernenergie war nicht historisch – er war hysterisch.

Roland Heinzer 04.08.2021 - 15:03

auf den Punkt gebracht!
wenn man etwas nicht mehr versteht, dann beginnt man zu glauben, der Glaube gibt dann Halt. Die Glaubenskriege waren die schrecklichsten Kriege in der Geschichte.

Donat Fenner 04.08.2021 - 14:44
Der Wasserzins besteht aus einer Leistungs- und einer Energieabgabe. Wegen der Leistungsabgabe wurden die meisten Wasserkraftwerke mit einer zu kleinen Leistung gebaut. Bei Hochwasser oder bei Revisionen geht dann jedes Mal Wasser, das nicht durch die Turbinen fliesst verloren. Beim momentanen Hochwasser geht seit Wochen etwa jede zweite MWh die in einem Laufwasserkraftwerk produziert wird verloren. Das Wasser fliesst einfach… Weiterlesen »