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In Europa bilden sich Blasen

Noch wäre der deutsche Immobilienboom durch Zinserhöhungen beherrschbar. Doch die EZB macht das Gegenteil. Wenn die Blase platzt, wird es Ernst für den Euro. Ein Kommentar von Hans-Werner Sinn.

Hans-Werner Sinn
« Als das grösste Problem könnte sich erweisen, dass durch die Politik des billigen Geldes nun auch die bislang noch gesunden Volkswirtschaften des Eurosystems drogenabhängig werden. »

Die Massnahmen der Europäischen Zentralbank haben viele Beobachter schockiert. Da wird der Hauptrefinanzierungssatz auf null gesetzt, die monatlichen Anleihenkäufe werden um 20 Mrd. € aufgestockt, der Zins auf die Einlagen der Banken bei der Notenbank wird auf –0,4% gesenkt, und die EZB vergibt Kredite mit negativen Zinsen von ebenfalls bis zu –0,4%.

Es gibt viele vordergründige Erklärungen für diese Politik, doch im Kern handelt es sich um einen weiteren Versuch der EZB, sich dem Platzen der Blase entgegenzustellen, die der Euro in seinen ersten Jahren in den südeuropäischen Ländern hervorgerufen hatte, nachdem schon seine Ankündigung beim Gipfel von Madrid im Jahr 1995 die Zinsen hatte purzeln lassen. Die Zinssenkung trieb die Länder Südeuropas in eine inflationäre Kreditblase, die die Güter- und die Immobilienpreise relativ zu Deutschland und anderen nördlicheren Ländern explodieren liess und die Wettbewerbsfähigkeit lädierte. Als die Blase platzte, versuchte die EZB, die Rückkehr der total überhöhten Preise auf ihr Gleichgewichtsniveau mit der Druckerpresse und der Abgabe umfangreicher Haftungsversprechen gegenüber den Finanzinvestoren zu verhindern. Auch die neuesten Massnahmen der EZB sind so zu interpretieren.

Junkie-Ökonomien in Südeuropa

Diese Politik war zur Zeit der Lehman-Krise angemessen, weil die ganze Welt einen Kollaps erlitten hatte, doch als die Weltwirtschaft im Herbst 2009 wieder anzog, wurde sie zunehmend problematisch, weil sie in den südlichen Ländern strukturelle Reformen entbehrlich machte und die im Vergleich zum Norden notwendige Disinflation hinauszögerte, wenn nicht gar, wie in Portugal und Italien, vollständig verhinderte. Südeuropa war der Droge des billigen Kredits verfallen, doch statt den Entzug zu organisieren, besorgte die EZB Ersatzdrogen, als der normale Zustrom von Drogen in Form privater Kapitalzuflüsse versiegte und Kopfschmerzen einsetzten. Sie schuf Junkie-Ökonomien, die ohne Drogen nicht mehr leben können.

Einen ähnlichen Fehler hatte man in Japan gemacht, nachdem die Immobilienblase 1990 geplatzt war. Die japanische Notenbank hatte die Wirtschaft über zwei Jahrzehnte mit Geld zu Nullzinsen überschwemmt, und der japanische Staat betrieb ein so energisches Deficit Spending, dass die staatliche Schuldenquote von 67 auf mittlerweile 246% gestiegen ist, wobei der letzte Schub der zweifelhaften Abenomics-Politik des Premierministers Shinzo Abe zu verdanken war. Geholfen hat alles nichts, denn weder Geld- noch Fiskalpolitik können strukturelle Reformen ersetzen. Ganz im Gegenteil. Je mehr von den keynesianisch-monetaristischen Drogen ausgegeben wird, desto stärker erlahmen die Selbstheilungskräfte der Märkte und die Bereitschaft der Politik, der Wirtschaft und Teilen der Bevölkerung schmerzhafte Entziehungskuren zuzumuten.

Gefährliche Ansteckungseffekte

Aber das ist nicht der einzige Nachteil der EZB-Politik. Als das grösste Problem könnte sich erweisen, dass durch die Politik des billigen Geldes nun auch die bislang noch gesunden Volkswirtschaften des Eurosystems drogenabhängig werden. Anzeichen dafür gibt es bereits. So sind die Immobilienmärkte Deutschlands, Luxemburgs und Österreichs in der Krise ausser Rand und Band geraten, weil die Banken den Käufern das Geld hinterherwerfen. In Österreich sind die Immobilienpreise seit dem Ausbruch der Lehman-Krise um bald die Hälfte gestiegen, in Luxemburg um fast ein Drittel.

Selbst Deutschland, Europas grösste Volkswirtschaft, erlebt seit 2010 einen gewaltigen Immobilienboom. So sind die Preise der Immobilien in den Städten seitdem insgesamt um mehr als ein Drittel nach oben gegangen, und in den Grossstädten sind sie sogar um fast die Hälfte gestiegen. Ein Bauboom hat das Land erfasst, wie er seit der deutschen Vereinigung nicht mehr zu beobachten war. Nur noch Ladenhüter gehen heute über die Theken der Makler.

Noch wäre der deutsche Immobilienboom durch energische Zinserhöhungen beherrschbar, doch angesichts der wilden Entschlossenheit, mit der die EZB in die Gegenrichtung marschiert, muss man eine weitere Vergrösserung der Blase erwarten, bis sie gefährlich wird. Platzt sie, wie es Immobilienblasen zu tun pflegen, käme es zur Katastrophe für den Euro. Dafür würde die neue eurokritische Partei Alternative für Deutschland (AfD), die in den letzten Landtagswahlen solch fulminante Erfolge erzielen konnte, schon sorgen.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare

Pierre Zinggeler 12.04.2016 - 15:51
Herr Sinn sieht das glasklar und spricht auch über die Folgen dieser falschen Politik. Die EU hat ein Riesenproblem. Statt in den Ländern echte Reformen voranzutreiben, Schuldenbremsen einzuführen, sich zu disziplinieren und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen an die heutige Zeit anzupassen, gehen alle den einfacheren, aber eben falschen Weg. Man setzt lieber auf die Zauberfee EZB mit Jongleuren wie Mario Drahgi.… Weiterlesen »