Märkte / Makro

In Grün verkaufen sich Bonds besser

Auch im Anleihenmarkt wollen immer mehr Emittenten auf der Nachhaltigkeitswelle reiten. Doch nicht alles ist grün, was sich grün nennt.

Der Trend zum nachhaltigen Investieren ist ungebrochen. Was sich im Aktienmarkt speziell bei Fondsprodukten etabliert hat, macht sich auch im deutlich grösseren Kreditmarkt breit. Immer mehr Anleihen tragen die Bezeichnung «Green Bond» oder «Klima-Bond». Die Idee: Der Erlös grüner Anleihen wird Projekten zugeführt, die dem Klimawandel entgegenwirken sollen. Das zumindest ist die Theorie (vgl. Kasten).

Im abgelaufenen Jahr erreichten die Emissionen im Green-Bond-Markt weltweit ein Volumen von 160,8 Mrd. $. Das ist im Vergleich zu den gesamten Bond-Emissionen (6,8 Bio. $) immer noch wenig. Das Segment hat sich aber gegenüber Vorjahr um drei Viertel vergrössert. Gemäss Schätzungen der Branchenorganisation Climate Bonds Initiative soll das Emissionsvolumen in diesem Jahr um 60% auf 250 bis 300 Mrd. $ weiterwachsen.

Spätzünderin Schweiz

Auch in der Schweiz hat sich mittlerweile ein kleiner Green-Bond-Markt etabliert. Die SIX betreibt sogar ein entsprechendes Handelssegment. Von einem Boom kann hierzulande aber noch nicht die Rede sein. Mit einem Nominalvolumen von 8,6 Mrd. Fr. fristet das Segment bislang ein Mauerblümchendasein.

Das könnte sich bald ändern. Im März gab Credit Suisse als grösste Schweizer Emittentin bekannt, ihren ersten Green Bond über 500 Mio. € auflegen zu wollen. Das Geld soll in US-Solarprojekte fliessen. Auf ein Emissionsdatum will sich die Bank nicht festlegen. Weitere Tranchen sind in Planung. Die UBS will derweil keine dedizierten Green-Bond-Strategien anbieten.

Die Schweiz ist in dieser Hinsicht eine Spätzünderin. Einheimische Emittenten sind erst 2017 auf den Plan getreten. Als erster Kanton lancierte Genf eine grüne Anleihe über 620 Mio. Fr. Sie fand reissenden Absatz. Weitere Tranchen sollen folgen. Die erste grüne Schuldverschreibung der Schweiz begab indes ein privates Unternehmen, der Abfallentsorger Helvetia Environnement. Der Bond über fünf Jahre hat keinen Investment Grade (Euler Hermes: BB-), wirbt dafür mit einem Coupon von 3,625%. Der Erlös soll für den Bau einer Abfalltrennanlage verwendet werden. Wie grün das Vorhaben ist, ist offen.

Ueli Goldener, Leiter Bondprodukte bei der SIX, sagt: «Es gibt keine spezifischen Zulassungskriterien. Die SIX führt keine eigene Nachhaltigkeitsüberprüfung der Bonds bzw. ihrer Emittenten durch.» Man verlasse sich bei der Identifizierung auf die Climate Bonds Initiative.

Der grüne Anstrich bietet Verkäufern wie Käufern klare Vorteile, urteilt René Hermann, Bond-Experte bei Independent Credit View: «Emittenten profitieren von der hohen Nachfrage, was in tieferen Risikoaufschlägen resultiert», sagt er. Gleichzeitig könnten institutionelle Investoren den wachsenden Nachhaltigkeitsansprüchen von Anlegern und Regulatoren gerecht werden.

Was auch hilft: Untersuchungen legen  nahe, dass grüne Bonds mit ähnlichen Maturitäten eine vergleichbare Performance aufweisen wie reguläre Anleihen. Für immer mehr Investoren mit grossen Bond-Portfolios ist es deswegen wenig schmerzhaft, einen Anteil in Anlagen mit nachhaltigem Anspruch (ESG – Environmental, Social, Governance) zu investieren. Das betrifft insbesondere die grossen Versicherer wie Allianz, Axa oder Swiss Re. Der Rückversicherer Swiss Re etwa hat letztes Jahr entschieden, fortan sein gesamtes Anlagenportfolio nach ESG-Kriterien anzulegen.

Auch die Politik trägt bei, die Nachfrage hochzuhalten. Im Januar veröffentlichte die EU-Kommission einen Bericht, in dem Anreize für den Finanzsektor formuliert werden, in Bereiche zu investieren, die helfen, die EU-Klimaziele zu erreichen. Auch staatliche Akteure werden dadurch animiert, in den Markt einzutreten. Nach Polen emittierte Frankreich 2017 einen Bond über 7 Mrd. €. Hongkong sieht ein Programm über umgerechnet 12,8 Mrd. $ vor. Als erstes afrikanisches Land hat Nigeria im Dezember eine grüne Anleihe mit fünf Jahren Laufzeit und 13,5%-Coupon aufgelegt.

Für die Eidgenossenschaft ist die Begebung von Green Bonds derzeit aber kein Thema. Gemäss einem Sprecher des Finanzdepartements sei das Schweizer Schuldenvolumen zu gering, um alternative Schuldverschreibungen zu begeben. Seitens Tresorerie stehe die Befürchtung im Raum, dass eidgenössische Green Bonds die Nachfrage nach regulären Eidgenossen kannibalisieren würden.

Mehr grau als grün

Im abgelaufenen Jahr war China – das Land mit dem höchsten Kohlendioxid-Ausstoss der Welt – die zweitgrösste Emittentin von Green Bonds. Von den 36,4 Mrd. $ an aufgelegten chinesischen Green Bonds sollen aber nur 22,5 Mrd. $ internationalen Standards entsprechen. «Jeder hat ein anderes Verständnis. Vieles, was als grün angepriesen wird, ist oft ziemlich grau», sagt Andrew Howard, Leiter Nachhaltigkeit bei Schroders. Ohne allgemein gültige Standards sei es deshalb unpassend, Green Bonds als eigene Anlageklasse zu sehen. Überhaupt genüge das Versehen mit einem grünen Label nicht, um die angestrebten Klimaziele zu erreichen, sagt Howard. Zudem ist die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien bei der Bonitätsbeurteilung von Emittenten an sich nichts Neues, gibt René Hermann zu bedenken.

Die Nachfragedynamik bei Green Bonds dürfte positiv bleiben. Dennoch könnte der Markt gemäss Einschätzung von Société Générale bald etwas unter Druck geraten. Grund ist die wachsende Rolle chinesischer Betriebe bei Neuemissionen. Das erhöht die Abhängigkeit der Green-Bond-Indizes von Industriezyklen und der Konjunkturentwicklung.

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