Märkte / Aktien

«In Wachstum steckt eine Menge Value»

Franz Weis, Manager des Comgest Growth Europe Fund, sagt im Interview mit «Finanz und Wirtschaft», auf welche Schweizer Aktien er setzt.

Herr Weis, welche Erwartungen hegen Sie für das Anlagejahr 2014?
Was die Konjunktur in Europa betrifft, wird es weniger schwierig. Das geringe Wirtschaftswachstum wird es den Unternehmen aber nicht leicht machen, die sehr hohen Gewinnerwartungen zu ­erfüllen. Für 2014 werden im Markt 12% Gewinnwachstum erwartet, wobei im Rückblick der vergangenen drei Jahre ­jeweils keine Steigerung realisiert werden konnte. Ich weiss nicht, woher diese plötzliche Beschleunigung kommen soll. Die Börse antizipiert bereits ein dynamisches Gewinnwachstum, der Aktienmarkt ist nicht mehr billig. Ich sehe keinen Grund, warum er im Jahr 2014 nach vorn springen sollte.

Sie glauben aber, mit Ihren Unternehmen besser abzuschneiden?
Ob besser oder nicht, weiss ich nicht. Wir werden absolut gesehen gut abschneiden, wenn unsere Gesellschaften ihr zweistelliges Gewinnwachstum aufrechterhalten. Seit der Aussage von EZB-Präsident Mario Draghi, alles zu unternehmen, um den Euro zu retten, entwickelten sich zyklische Unternehmen aufgrund des grösseren ­zyklischen Optimismus besser. Im Verhältnis dazu wurden Qualitätsaktien – wie unsere – günstiger. Angesichts der sehr hohen Unsicherheit punkto Konjunkturentwicklung und angesichts der geschrumpften Bewertungsprämie für Qualität und Wachstum glauben wir, dass wir gut positioniert sind. Es gibt keinen Grund, dass sich das zweistellige Gewinnwachstum der Unternehmen in unserem Fonds nicht proportional dazu in zweistellige Kursgewinne ummünzen liesse.

Sind Aktienanlagen wegen der Politik ­billigen Geldes alternativlos geworden?
Das würde ich nicht behaupten. Ich verstehe aber nicht, warum Investoren ge­genüber Aktien immer noch so vorsichtig eingestellt sind. Es gibt teilweise sehr gute Unternehmen, deren Dividendenrenditen höher liegen als die Renditen ihrer Anleihen. Aktien sind aber sicher nicht die einzige Investitionsmöglichkeit. Ich würde auch nicht pauschal sagen, dass europäische Titel attraktiver oder weniger attraktiv sind im Vergleich zu anderen Märkten. In grossen Anlageklassen zu denken, macht wenig Sinn, es gibt sicher überall Nischen, die attraktiv sind.

Sie setzen derzeit stark auf französische und Schweizer Aktien. Weshalb?
Wir pflegen einzelne Ideen und arbeiten nach der Bottom-up-Methode. Der hohe Anteil französischer Gesellschaften im Fonds liegt nicht an der französischen Wirtschaftspolitik, sondern an den vielen Unternehmen, die unsere Kriterien erfüllen. Meist handelt es sich um internationale Weltmarktführer. In einem so konzentrierten Portfolio wie dem unseren braucht es nur wenig, um auf einen überproportional hohen Anteil zu kommen. Ob wir damit über oder unter einer Benchmark liegen, kümmert uns ehrlich gesagt wenig. So haben wir noch nie eine Bankaktie gekauft.

Auf welche Schweizer Werte setzen Sie?
Wir finden Roche, Nestlé (NESN 123.32 +0.64%), Lindt & Sprüngli (LISN 105'200.00 -0.19%) oder Richemont (CFR 106.75 +0.23%) attraktiv. Nestlé ist ein sehr ­solides Unternehmen, das langfristig in der Lage sein sollte, einen zweistelligen Gewinnzuwachs zu erzielen.

Seit Mitte 2013 halten Sie auch Dufry.
Wir sahen zu rund 115 Fr. eine wunderbare Einstiegsgelegenheit. Wir suchen aber keine opportunistischen, neuen Ideen. Unsere Philosophie ist es, Unternehmen zu suchen, die über fünf Jahre oder länger prozentual zweistelliges Gewinnwachstum liefern, verbunden mit hoher Visibilität. Das heisst, mit hohen Markteintrittsbarrieren, Preissetzungskraft und grosser Unabhängigkeit vom Wirtschaftszyklus. Dufry (DUFN 35.95 -0.17%) verfolgen wir schon seit vielen ­Jahren und haben nun gesehen, wie einiges in die richtigen Bahnen geraten ist. Auch der Preis war attraktiv, so haben wir zugeschlagen.

ABB wären günstiger, kein Thema?
Nein, wir haben noch nie direkt zyklische Titel gekauft. Wir sind zwar in Industrials vertreten, darunter verstehen wir aber eher Dienstleister, die einen Bezug zur ­Industrie haben, etwa Experian, die Kreditanalyse macht, oder Capita, die Geschäftsprozesse auszugliedern hilft.

Worauf setzen Sie in Frankreich?
Man muss nicht unbedingt in exotische Unternehmen investieren, um hervorragendes Wachstum zu finden. Wir setzen auf Titel wie den Brillenhersteller Essilor, auf L’Oréal oder Dassault Systèmes.

Es fällt auf, dass kaum Titel aus Italien und Portugal in Ihrem Fonds vertreten sind.
Wir finden es schwieriger, dort Unternehmen zu finden, die unseren Qualitäts­ansprüchen genügen und auch noch kotiert sind. Das gilt auch für Grossbritannien, wo viele Banken, Rohstoffunternehmen und Versorger zu finden sind. Diese Branchen passen nicht in unser Konzept. Wir finden dort keine Preissetzungsmacht und keine langfristigen Wachstumsperspektiven. Die Bewertung allein sagt nicht viel. Ein günstiges Unternehmen, das kein Gewinnwachstum erzielt, kann jahrelang günstig bewertet bleiben – die Aktien kommen dann einfach nicht vom Fleck.

Wie gehen Sie in Ihrer Auswahl vor?
Wir investieren ungern in Werte mit Marktkapitalisierung unter 1 Mrd. €. Wir würden nie in ein Unternehmen investieren, von dem wir das Management nicht kennen. Wir sprechen auch mit Wettbewerbern, Zulieferern und Branchenexperten, um zu versuchen, neue Gefahren oder Möglichkeiten zu erkennen. Transparenz ist uns sehr wichtig – wir haben auch noch nie an einem IPO teilgenommen. Teils verfolgen wir ein Unternehmen drei, vier Jahre lang, bevor wir einen Investitionsentscheid treffen. Wir prüfen einige Quartale lang die Zwischenberichte, um zu sehen, ob das, was das Unternehmen uns sagt, wahr ist.

Viele Ihrer Titel sind nach gängigen Kriterien wie Kurs-Gewinn- oder Kurs-Buchwert-Verhältnis hoch bewertet. Kein Problem?
Wir sehen uns die Bewertung erst an, wenn das Unternehmen unsere Qualitäts- und Wachstumskriterien übertrifft. Der typische Value-Ansatz kommt bei uns nicht zum Tragen. Wir meinen aber, dass in Wachstum eine Menge Value steckt. Der Markt blickt mit sehr kurzfristiger Optik auf die Unternehmen, vielleicht nur auf das nächste Jahr. Dabei geht verloren, dass einige langfristig überdurchschnittliches Wachstum liefern. Mit Unternehmen, die mit einer Prämie zum Markt bewertet sind, lässt sich trotzdem noch eine über­legene Performance erreichen.

Sie halten auch SAP. Was, wenn der Softwareriese die Marge nicht ausweiten kann?
Wir achten sehr auf qualitative Elemente, die unabhängig von externen Faktoren wie Naturkatastrophen, Wirtschaftszyklen oder politischen und regulatorischen Entscheidungen sind. Damit sind grosse Margenüberraschungen viel seltener. SAP (SAP 93.24 -1.83%) ist relativ wenig zyklusabhängig und hat neue Produkte wie die In-Memory-Datenbank Hana oder Mobilitäts- und Cloud-Angebote, wodurch ein grosser Teil der zyklischen Einflüsse gemildert werden kann. Sie hat ein bereinigtes Wachstum im mittleren bis hohen einstelligen Bereich geliefert, was angesichts des schmalen Wirtschaftswachstums gar nicht so schlecht ist. Käme es zu einer Umsatzenttäuschung, ist das Unternehmen in der Lage, rasch durch Kostenanpassungen zu reagieren. Dieser Faktor spielt für uns eine grosse Rolle.

Wie wichtig ist die Dividende für die ­Gesamtrendite?
Sie ist ein Zeichen des Respekts gegenüber den Aktionären. Wir investieren in der ­Regel nur in etablierte Geschäftsmodelle mit sehr gesunder Bilanz und solidem Cashflow. Wichtiger ist uns aber, dass das Unternehmen in neue Markt- und Wachstumschancen investiert, auch wenn sich dies kurzfristig belastend auf die Ergebnismarge auswirken könnte.

Wie wichtig ist als Richtschnur die Rendite auf das investierte Kapital?
Wir achten sehr genau darauf. Wir sind etwas paranoid, weil wir immer befürchten, dass sich das Wachstum verlangsamt oder die Profitabilität verschlechtert. Das würde sich früher oder später in der Bewertung niederschlagen. Steuerliche Aspekte fallen da weniger ins Gewicht. Sollte etwa die Steuerbelastung in Frankreich steigen, gäbe es Möglichkeiten für die Unternehmen, darauf zu reagieren.

Es ist für Sie auch nicht entscheidend, dass ein besonders hoher Ergebnisanteil aus einer Schwellenländerregion stammt?
Nein, wir haben nie allein deswegen in ein Unternehmen investiert. Eine L’Oréal ist in den Schwellenländern 2013 fast gleich viel gewachsen wie 2012, ist also nicht von zyklischen Wachstumsimpulsen abhängig. Es ist enorm schwierig, korrekte Konjunkturprognosen zu erstellen. Für uns sind die Absatzchancen entscheidend. Unser Musterknabe ist Lindt, die in den USA stark wächst, weil Luxusschokolade dort noch eine sehr kleine Nische ist – sozusagen ein Schwellenmarkt.

Der Baranteil im Fonds liegt bei rund 3%. Sichern Sie sich ab?
Das ist nur die Summe, die übrig bleibt, wir machen keine taktische Allokation, Market Timing oder eine Absicherung mit Derivaten. Im Schnitt beträgt unser Anlagehorizont fünf Jahre, pro Jahr wird rund ein Drittel der Positionen ersetzt oder abgebaut.