Meinungen English Version English Version »

Indien kann es besser – viel besser

Zum grössten Teil sind Indiens aktueller Wachstumseinbruch und sein Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit keine Strukturprobleme. Sie können mit massvollen Reformen ins Lot gebracht werden, schreibt Raghuram Rajan.

Raghuram Rajan
«Indien muss nicht über Nacht zu einem Produktionsriesen werden, um seine aktuellen Probleme zu überwinden.»

Indische Kricket-Fans werden manisch-depressiv, wenn es um ihr Lieblingsteam geht. Sie erheben die Spieler auf einen gottgleichen Rang, wenn ihre Mannschaft gut abschneidet, und ignorieren dabei offensichtliche Schwächen. Doch wenn sie verliert, wie jede Mannschaft es manchmal tut, ist der Fall ebenso steil, und jede Schwäche wird analysiert. Tatsächlich ist die Mannschaft niemals so gut, wie die Fans sie erscheinen lassen, wenn sie gewinnt, noch ist sie jemals so schlecht, wie sie dargestellt wird, wenn sie verliert. Ihre Schwächen zeigten sich auch bei den Siegen, sie wurden jedoch übersehen.

Ein solches bipolares Verhalten scheint auf die Bewertungen der indischen Wirtschaft ebenso zuzutreffen. Dabei schwanken ausländische Analysten gemeinsam mit den Indern zwischen extremem Überschwang und Selbstzerfleischung. Vor ein paar Jahren wurde Indien alles nachgesehen. Kommentatoren sprachen von «Chindia», womit sie Indiens Leistung der seines nördlichen Nachbarn gleichsetzten. Heute dagegen wird Indien nichts nachgesehen.

Indien hat tatsächlich schwerwiegende Probleme. Das jährliche BIP-Wachstum hat sich im letzten Quartal erheblich verlangsamt, auf 4,4%. Die Verbraucherpreisinflation ist hoch, und das Leistungsbilanz- sowie das Haushaltsdefizit waren im letzten Jahr zu gross. Jeder Kommentator betont derzeit Indiens schlechte Infrastruktur, seine Überregulierung, den kleinen Produktionssektor und die Tatsache, dass den Arbeitskräften entsprechende Bildung und Fertigkeiten fehlen.

Das sind echte Defizite, gegen die etwas unternommen werden muss, wenn Indien stark und stabil wachsen soll. Doch dieselben Defizite existierten, als Indien ein schnelles Wachstum verzeichnete. Um zu erkennen, was jetzt notwendig ist, müssen wir verstehen, was die indische Erfolgsgeschichte gedämpft hat.

Zum Teil ist Indiens Konjunkturrückgang paradoxerweise auf die grossen fiskalischen und monetären Anreize zurückzuführen, die die indischen Entscheidungsträger nach der Finanzkrise 2008 der Wirtschaft gaben, wie es in allen aufstrebenden Märkten der Fall war. Der daraus resultierende Wachstumsschub führte zu einer Inflation, vor allem weil die Welt nicht in eine zweite Grosse Depression abrutschte wie zunächst befürchtet. Daher ist die Geldpolitik seither straff geblieben, wobei die hohen Zinsen zu einem Rückgang von Investitionen und Verbrauch geführt haben.

Überforderte Institutionen

Ausserdem waren die indischen Institutionen, die für die Zuteilung von Bodenschätzen, die Vergabe von Genehmigungen und den Landerwerb zuständig sind, während der Zeit des starken Wachstums überfordert. Indiens Ermittlungsbehörden, die Justiz und die Presse begannen damit, die Vorwürfe der grossangelegten Korruption zu untersuchen. Da die bürokratischen Entscheidungsträger risikoscheuer wurden, kamen viele grosse Projekte zum Stillstand.

Erst jetzt, wo die Regierung neue Institutionen schafft, um die Entscheidungsfindung zu beschleunigen und transparente Prozesse umzusetzen, wird die Fortsetzung dieser Projekte genehmigt. Sobald die Projekte wiederaufgenommen wurden, wird es eine Weile dauern, bis sie abgeschlossen sind, aber dann wird sich die Produktion erheblich steigern.

Und schliesslich hat sich das Exportwachstum verlangsamt, nicht in erster Linie weil indische Waren plötzlich nicht mehr wettbewerbsfähig waren, sondern weil das Wachstum in den traditionellen Exportmärkten des Landes abgenommen hat.

Die Folgen waren hohe interne und externe Defizite. Die Konjunkturpakete nach der Krise liessen das Haushaltsdefizit der Regierung von einem äusserst verantwortungsvollen Niveau 2007/2008 in die Höhe schnellen. Ebenso musste Indien, als grosse Bergbauprojekte gestoppt wurden, auf grössere Kohle- und Alteisenimporte zurückgreifen, während seine Eisenerzexporte zusammenschrumpften.

Eine Zunahme der Goldimporte setzte die Leistungsbilanz weiter unter Druck. Neureiche Verbraucher in ländlichen Gebieten legen ihre Ersparnisse immer häufiger in Gold an, einer vertrauten Wertanlage, während wohlhabende städtische Verbraucher, die über die Inflation besorgt waren, ebenfalls anfingen, Gold zu kaufen. Hätten sie Apple-Aktien gekauft statt eines Rohstoffs (egal, wie ersetzbar, liquide und marktgängig er ist), wären ihre Käufe ironischerweise als ausländische Investitionen behandelt worden statt als Importe, die das Zahlungsbilanzdefizit vergrössern.

Zum grössten Teil sind Indiens aktueller Wachstumseinbruch und sein Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit keine Strukturprobleme. Sie können mit massvollen Reformen ins Lot gebracht werden. Das soll nicht heissen, dass eine ehrgeizige Reform nicht gut oder gerechtfertigt wäre, um das Wachstum im nächsten Jahrzehnt aufrechtzuerhalten. Aber Indien muss nicht über Nacht zu einem Produktionsriesen werden, um seine aktuellen Probleme zu überwinden.

Die unmittelbaren Aufgaben sind profaner, aber auch besser zu bewältigen: Projekte müssen genehmigt, wenig sinnvolle Subventionen müssen abgebaut und mehr Möglichkeiten gefunden werden, um das Leistungsbilanzdefizit zu verringern und seine Finanzierung zu erleichtern. Im letzten Jahr hat die Regierung diese Agenda verfolgt, die bereits einige erste Ergebnisse zeigt. Beispielsweise verringert sich das Zahlungsbilanzdefizit stark aufgrund von mehr Exporten und weniger Importen.

Gar nicht so schlechtes Wachstum

Jeder kleine Schritt hilft, und viele kleine Schritte zusammen werden zu grossen Sätzen. Doch obwohl die Regierung gewiss schneller und früher hätte agieren sollen, versinkt die öffentliche Stimmung derzeit in einer Depression, während eine Kakophonie aus Kritik und Selbstzweifel den Weg nach vorne verdunkelt.

Tatsächlich wird Indiens BIP trotz dieser Defizite in diesem Jahr wahrscheinlich 5 bis 5,5% wachsen – das ist nicht umwerfend, aber bestimmt nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass sich das Land wahrscheinlich gerade an einem Tiefpunkt seiner wirtschaftlichen Produktivität befindet. Der Monsun war gut und wird den Verbrauch ankurbeln, vor allem in ländlichen Gebieten, die aufgrund der Verbesserungen des Strassentransports und der Kommunikationsverbindungen bereits stark wachsen.

Die Bankbranche hat zweifellos eine Zunahme an faulen Krediten erlebt, doch war dies oft das Ergebnis von Verzögerungen bei Investitionsprojekten, die ansonsten durchführbar sind. Wenn diese Projekte umgesetzt werden, erzeugen sie die Einnahmen, die benötigt werden, um die Kredite zurückzuzahlen. In der Zwischenzeit verfügen Indiens Banken über genug Kapital, um die Verluste aufzufangen.

Verschuldung ist tragbar

Auch Indiens öffentliche Finanzen sind stärker als die der meisten Schwellenländer, ganz zu schweigen von Schwellenländern in der Krise. Indiens Schuldenquote insgesamt folgt einem abnehmenden Trend: von 73,2% im Jahr 2006/2007 auf 66% im Jahr 2012/2013 (und die Schuldenquote der Zentralregierung beträgt nur 46%). Zudem lauten die Schulden auf Rupien und haben eine durchschnittliche Laufzeit von über neun Jahren.

Indiens Auslandschulden sind sogar noch günstiger. Sie liegen bei nur 21,2% des BIP (ein Grossteil im privaten Sektor), während die kurzfristigen Auslandschulden lediglich 5,2% des BIP betragen. Indiens Devisenreserven liegen bei 278 Mrd. $ (etwa 15% des BIP), genug, um das gesamte Leistungsbilanzdefizit mehrere Jahre lang zu finanzieren.

Dennoch kann Indien besser sein – viel besser. Der Weg zu einer offeneren, wettbewerbsfähigeren, effizienteren und humaneren Wirtschaft wird in den kommenden Jahren sicherlich holprig werden. Aber kurzfristig können viele rasche Erfolge erreicht werden. Wenn wir sowohl die Euphorie als auch die Verzweiflung aus den Äusserungen über Indien herausstreichen, genau wie aus den Äusserungen, die wir Inder über uns selbst machen, kommen wir der Wahrheit wahrscheinlich etwas näher.

Copyright: Project Syndicate.