Meinungen

Indien wird zu Unrecht unterschätzt

Chinas Entwicklungsweg ist straffer organisiert und gradliniger als der bisweilen chaotisch anmutende indische, der sich allerdings als nachhaltiger entpuppen könnte. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Ernst Herb.

«Indiens kleine Reformschritte sind ein guter Schutz gegen desaströse politische Abenteuer.»

Das Resultat der indischen Parlamentswahlen dürfte am Freitag vorliegen. Nach einem sechswöchigen Urnenmarathon, der verdeutlicht, wie langsam politische Prozesse in der weltweit grössten Demokratie ablaufen. Den Hintergrund bildet eine von einem jahrelangen Reformstau verursachte schwierige wirtschaftliche Lage.

Das Wachstum der drittgrössten asiatischen Volkswirtschaft ist innerhalb von drei Jahren von beinahe 9 auf 4,4% eingebrochen. Zur Jahresmitte 2013 hat ein weiterhin bestehendes Zahlungsbilanzdefizit das Land sogar an den Rand einer Finanzkrise gebracht. Sollten die Wahlen keinen klaren Sieger hervorbringen und der Regierungsbildung innenpolitisch lähmende Koalitionsverhandlungen vorausgehen, so könnten sich erneut Krisenängste breitmachen.

Rückstand wächst

So gesehen scheint Indien immer weiter hinter die Entwicklungsdiktatur China zurückzufallen, wo Reformen seit mehr als dreissig Jahren zielstrebig vorangetrieben werden. Für eine solche Sichtweise gibt es gute soziale wie auch wirtschaftliche Argumente. Im Reich der Mitte konnten in den vergangenen zwei Jahrzehnten rund 400 Mio. mehr Menschen aus der Armut befreit werden als im Land des Ganges. Auch verlottert in weiten Teilen Indiens die Infrastruktur, während China mit modernsten Eisenbahnen, Seehäfen oder auch Verwaltungsgebäuden glänzen kann. Nicht zuletzt verfügt China auch über weit mehr Einrichtungen der höheren Bildung, moderne Spitäler oder auch Einkaufszentren als Indien.

Die rasante Modernisierung hat China nicht zuletzt dank der  Tatsache geschafft, dass staatlich kontrollierte Unternehmen beinahe unbegrenzten Zugang zu Krediten haben. Auch konnte das Land in den vergangenen Jahren ein Mehrfaches an ausländischen Direktinvestitionen anziehen als Indien, was den Technologietransfer ungemein beschleunigt hat. Doch offen bleibt, ob Chinas vom Staat dominiertes Entwicklungsmodell auch mittel- und langfristig überlegen sein wird.

Das nicht nur, weil Indiens Demokratie aus westlicher Sicht der autoritären chinesische Regierungsform vorzuziehen ist. Denn Indien kämpft heute mit Nachteilen, die im Grunde genommen Vorteile sind. Wohin die Reise geht, zeigen schon einmal private indische Unternehmen wie der Softwaregigant Infosys (INFY 11.07 1.28%), der Autobauer Tata Motors (TTM 8.56 3.38%) oder der Arzneimittelkonzern Sun Pharmaceutical auf, die sich in ihren Sparten erfolgreich auf dem Weltmarkt durchsetzen konnten. Chinesische Grosskonzerne hingegen verdanken ihren Erfolg meist der staatlichen Rückendeckung auf dem Binnenmarkt. Der erstaunliche Exporterfolg basiert bis heute zu einem grossen Teil auf ausländischen Gesellschaften.

Indiens Demokratie ist dem innovativen unternehmerischen Denken weit förderlicher als die autoritäre chinesische Staatsform. Dazu gehören auch die Presse- und die Redefreiheit, dank denen neue Ideen weit kritischer auf ihre Tauglichkeit geprüft werden können als in China. Das wiederum regt die Innovation an. Das 1,3 Mrd. Einwohner  zählende China hat mit Mandarin nur eine offizielle Sprache, was Minderheiten benachteiligt. Indien hingegen ist ein Vielvölkerstaat, in dem verschiedenste ethnische Gruppen vor allem auch dank dem grossen Mass an lokaler Autonomie an ihrer Eigenart festhalten können. Unterschiedliche Kulturen gehen Herausforderungen anders an, was wiederum das experimentelle Denken fördert.

Am Ganges sorgen zudem Hunderte von privaten Tages- und Wochenzeitungen und mehr als 500 Fernsehkanäle für eine oft unübersehbare Meinungsvielfalt. In den Augen ausländischer Beobachter mag das zeitweise als das reine Chaos erscheinen. All das ist jedoch ein fruchtbarer Boden für eine lebhafte Zivilgesellschaft, in der Unternehmer, Feministinnen, Umweltschützer oder auch Gewerkschaften lautstark auf reale oder vermeintliche Probleme aufmerksam machen.

Die sozialen Schattenseiten, ob es nun Korruption, sexuelle Gewalt gegen Frauen oder Umweltsünden sind, werden in aller Öffentlichkeit ausgebreitet. Das sorgt zwar für schockierende Schlagzeilen. Gerade dies aber trägt dazu bei, dass Indien heute einen vom Ausland meist übersehenen tiefgreifenden gesellschaftlichen Erneuerungsprozess durchläuft. Eine treibende Kraft dazu sind die demokratischen Institutionen. In China hingegen, wo die konfuzianische Ethik den Bürger schon vor der Machtergreifung der Kommunistischen Partei zum Untertanen machte, ist Harmonie oberstes Gebot.

Das ist – abgesehen von der staatlichen Zensur – ein Grund dafür, dass schwerwiegende soziale und politische Probleme, an denen es auch in China nicht fehlt, wenn immer möglich schamhaft versteckt werden. Damit steigt aber auch die Gefahr, dass sich die aufgestauten Probleme eines Tages in einem gewaltsamen Umsturz gegen die herrschende Partei entladen werden.

Auch in Indien läuft der von der Zentralregierung vorangetriebene gesellschaftliche Reformprozess nur langsam vonstatten und wird darüber hinaus von der Justiz und den Teilstaaten oft noch blockiert. Das treibt Unternehmer gerade auch aus westlichen Demokratien bisweilen fast zur Verzweiflung. Deswegen heben sie die im Vergleich dazu äusserst kurzen Entscheidungswege im straff regierten China nicht selten als lobendes Beispiel hervor.

Schutz vor Willkür

Doch Langsamkeit kann sich dann als Vorteil herausstellen, wenn damit Bürger wie auch Investitionen besser vor staatlicher Willkür geschützt werden. Vor allem werden politische Fehler langsamer  gemacht. Fehlentwicklungen können deswegen auch leichter gestoppt und allenfalls rückgängig gemacht werden. China hat seit der Machtergreifung der  Kommunistischen Partei vor mittlerweile 65 Jahren wiederholt gefährliche gesellschaftliche Experimente erzwungen, die enormes Leid über das Land und seine Bürger gebracht haben.

Die mit bemerkenswerter Geschwindigkeit vorangetriebene wirtschaftliche Öffnung Chinas erweist sich vorerst als Erfolg. Das schliesst jedoch nicht aus, dass die autoritäre Führung das Reich der Mitte in Zukunft einmal mit ähnlicher Effizienz in den Abgrund stossen wird.

Indiens kleine Reformschritte hingegen sind ein guter Schutz gegen desaströse politische Abenteuer. Das heisst nicht, dass sich am Ganges nichts bewegt. Die Analphabetenrate der unter zwanzig Jahre alten Bevölkerung etwa hat sich seit 2001  auf mittlerweile  rund 10% halbiert. Damit wächst am Ganges eine neue Generation selbstbewusster Bürger heran, die Indien in eine bessere Zukunft führen werden.

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