Eingeloggt Nicht eingeloggt Suche E-Mail Leseliste Aktiv auf Leseliste Drucken Uhr E-Mail Term-Tag Arrow Left Arrow Right Arrow Down Arrow Up Charts Lock Abo Circle Circle Open Six Exchange Six Exchange Facebook Twitter Linkedin Xing Googleplus Whatsapp
Meinungen

Indiens rätselhafte Statistiken

«Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Regierung die Wirtschaftsdaten aufpoliert, um gute Laune im Volk zu schaffen.»
Die indischen Konjunkturdaten sind mit Vorsicht zu geniessen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Ernst Herb.

Indien gilt als die weltweit am schnellsten wachsende grosse Volkswirtschaft. Das spiegelt sich auch in der Hausse der Börse Mumbai, die seit Anfang Jahr mit einem Plus von über 10% die beste Performance der zehn grössten Aktienmärkte weltweit verzeichnet. Allerdings geben die Investoren Indien einige Vorschusslorbeeren, denn gemäss der Ratingagentur Moody’s hat sich seit 2014 die Schere zwischen Aktienkursen und Unternehmensgewinnen immer weiter geöffnet.

Gleichzeitig sind auch Zweifel über die Qualität der offiziell ausgewiesenen Wachstumszahlen der drittgrössten asiatischen Volkswirtschaft aufgekommen. Solche Stimmen sind vor allem nach Bekanntgabe der Daten für das vierte Quartal 2016 lauter geworden, das vom Schock des von der Regierung am 8. November überraschend angekündigten Demonetisierungsprogramms geprägt war.

Obwohl in diesem vom Cash regierten Schwellenland fast über Nacht 86% des Bargeldes aus dem Verkehr gezogen wurden, soll das Bruttoinlandprodukt (BIP) in den letzten drei Monaten 2016 auf das Jahr hochgerechnet 7% gewachsen sein. Der Privatkonsum soll zwischen Oktober und Dezember sogar 10% gestiegen sein, was einer Verdoppelung gemessen am Vorquartal entspricht.

Diese Zahlen stehen im Gegensatz zu Indikatoren wie der Autoproduktion oder dem Passagieraufkommen der Eisenbahn. Diese haben abrupt nachgelassen, wie es in einer Analyse des unabhängigen Konjunkturforschungsinstituts Capital Economics heisst.

Für die Diskrepanz gibt es viele Erklärungen. So wäre es nicht das erste Mal, dass eine Regierung die Wirtschaftsdaten aufpoliert, denn eine ansprechende Konjunkturlage schafft im Volk gute Laune, fördert den Privatkonsum und zieht Investitionen an. Kurzfristig kann das also durchaus die gewünschte Wirkung zeigen. Allerdings sorgen in Indien die freie Presse, unabhängige Ökonomen und der offene Finanzmarkt dafür, dass solche Lügen aufgedeckt werden.

Es könnten denn auch unpolitische Faktoren zu den Ungereimtheiten geführt haben. So hat Indien einen grossen informellen Sektor, der naturgemäss statistisch nicht direkt erfasst wird, aber sich entlang der Wertschöpfungskette dennoch in offiziellen Daten wie etwa dem Strom- oder dem Treibstoffkonsum niederschlägt.

Auch wird in dem mit seinen 29 Teilstaaten sehr dezentralisiert verwalteten gigantischen Land mit seinen 1,3 Mrd. Einwohnern wirtschaftliche Tätigkeit uneinheitlich erfasst.  In Indien, das bis vor kurzem mit einer Inflationsrate von über 10% zu kämpfen hatte, wird zudem in offiziellen Statistiken nicht immer klar zwischen nominalen und realen Zahlen unterschieden. Das zeigt vor allem der Blick auf die Gewinne indischer Unternehmen, die ohne Berücksichtigung der Teuerung ausgewiesen werden, während die offiziellen BIP-Zahlen inflationsbereinigt dargestellt werden.

Investoren tun daher gut daran, auf die hinter den Zahlen stehenden Fakten achtzugeben.