Meinungen 15:03 - 31.03.2017

Industrie ist mehr als nur Fabriken

David Dorn
«Fallende Industriebeschäftigung und steigende Kriminalität hängen zusammen.»
Die Aufmerksamkeit, die vor allem amerikanische Politiker auf den Industriesektor richten, hat Gründe: Wenn Betriebe dichtmachen, können Regionen sozial zerfallen. Einfache Lösungen gibt es nicht. Ein Kommentar von David Dorn.
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Beschäftigte
Die Statistik versteht unter Beschäftigten besetzte «Stellen», was nicht identisch ist mit Erwerbstätigen, da eine erwerbstätige Person mehrere Stellen besetzen kann.
Volkswirtschaft
Von Ökonomen verwendetes Synonym für die Wirtschaft eines Landes beziehungsweise einen Wirtschaftsraum wie die EU .

Der Niedergang des Industriesektors war ein zentrales Diskussionsthema im vergangenen Wahlkampf um die amerikanische Präsidentschaft. Im Zuge der Automatisierung und der Globalisierung hat die dortige Industrie in den vergangenen 25 Jahren fast ein Viertel ihrer Arbeitsplätze verloren.

Zum AutorDavid Dorn ist Professor für internationalen Handel und Arbeitsmärkte am Volkswirtschaftlichen Institut der Universität Zürich.Noch dramatischer ist die Situation in einigen europäischen Ländern wie Grossbritannien, Frankreich und den Niederlanden, die allein im vergangenen Jahrzehnt über ein Fünftel ihrer Industriejobs eingebüsst haben. Die annähernd konstante Industriebeschäftigung in der Schweiz und Deutschland ist damit eher die Ausnahme als die Regel.

Eine Gemeinsamkeit aller dieser Länder ist jedoch, dass sich ihre Volkswirtschaften längst auf den Dienstleistungssektor spezialisiert haben. Der Anteil der Industrie an der Gesamtbeschäftigung liegt in der Europäischen Union nur noch bei 15% und in den USA bei 10%.

Der Rückgang der Industrie betrifft also nur einen kleinen Teil aller Beschäftigten, weshalb eine Schlagzeile der New York Times im vergangenen Herbst verwundert fragte: «Why Are Politicians So Obsessed with Manufacturing?» Weshalb zieht dieser Sektor eine überproportionale Aufmerksamkeit auf sich?

Im Fall der USA erhält man erste Antworten aus einer Autobiographie, die vergangenes Jahr an die Spitze der Bestsellerlisten gestürmt ist. Im Buch «Hillbilly Elegy» erzählt der junge Anwalt J. D. Vance, wie seine Grosseltern in den Fünfzigerjahren aus einer verarmten Bergbauregion in den Appalachen in die aufstrebende Kleinstadt Middletown im Staat Ohio zogen.

Der Grossvater fand Arbeit im lokalen Stahlwerk, das einen grossen Teil der Männer in Middletown beschäftigte. Dank dieser Arbeitsstelle gelang der Familie der Aufstieg in die Mittelklasse, mit eigenem Einfamilienhaus und regelmässigen Ferienreisen. Das Stahlwerk war nicht nur der wichtigste Arbeitgeber des Ortes, sondern finanzierte darüber hinaus auch kulturelle Anlässe, Schulen und Parks.

Auslöser gesellschaftlicher Misere

Der Niedergang der amerikanischen Stahlindustrie seit den Siebzigerjahren setzte dem Stahlwerk jedoch immer mehr zu. Während der Grossvater mit einer grosszügigen Pension in Rente ging, gab es immer weniger gut bezahlte Fabrikjobs für die Generation von Vances Eltern und für seine eigene, die in den letzten fünfzehn Jahren in den Arbeitsmarkt eingetreten ist.

In der Innenstadt des einstmals florierenden Middletown wurden immer mehr Geschäfte geschlossen und verbarrikadiert, die Parks verwahrlosten, die Strassen wurden gefährlich nach Einbruch der Dunkelheit.

Das zentrale Thema von J. D. Vances Buch besteht darin, dass dieser wirtschaftliche Niedergang Hand in Hand ging mit einem gesellschaftlichen Zerfall. Er beschreibt junge Menschen, die wegen der schlechten wirtschaftlichen Perspektiven in der Stadt Middletown kaum mehr in ihre Ausbildung und Karriere investieren.

Die gesellschaftliche Misere wird verstärkt durch eine Ausbreitung von Alkohol- und Drogensucht und damit einhergehender Kriminalität. In der Folge wachsen immer mehr Kinder – wie Vance selbst – in vaterlosen Familien auf, da die Eltern entweder geschieden sind oder der Vater inhaftiert ist.

In den Buchbesprechungen zu Vances Biographie wurde kontrovers darüber diskutiert, ob die persönlichen Erlebnisse des Autors nur Einzelschicksale spiegeln oder ob sie repräsentativ sind für den Niedergang des amerikanischen Mittelstands. In einer neuen Forschungsarbeit habe ich zusammen amerikanischen Kollegen gezeigt, dass der Niedergang des Industriesektors tatsächlich zu einer Veränderung der sozialen Strukturen geführt hat.

Ausgangspunkt der Analyse ist die Beobachtung, dass der Industriesektor vor allem für Männer attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten bietet. Während das Geschlechterverhältnis im Dienstleistungssektor ausgeglichen ist, entfallen zwei Drittel aller Jobs in der Industrie auf Männer, und die Arbeitsstellen in der Industrie zahlen im Durchschnitt 20% höhere Löhne.

In den geografischen Regionen, in denen die Globalisierung den Industriesektor besonders stark zurückgedrängt hat, ist gleichzeitig der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen am deutlichsten zurückgegangen, und Männer verdienen nun häufig weniger als gleichaltrige Frauen. Dies führt zu einem markanten Rückgang der Eheschliessungen, da entweder die Männer Mühe damit haben, eine besserverdienende Partnerin zu akzeptieren, oder da die Frauen weniger Interesse haben an Männern mit geringem Einkommen.

Die Attraktivität der Männer im Heiratsmarkt sinkt jedoch nicht nur wegen fallender Einkommen. Mit dem Niedergang der Industrie verschlechtert sich auch ihr gesundheitliches Verhalten. Dies schlägt sich in dramatischer Form darin nieder, dass bei jungen Männern die Sterblichkeit steigt, besonders wegen Alkoholvergiftung und Überdosierung von Opiaten.

Gleich drei Forscherteams haben zudem einen Zusammenhang zwischen fallender Industriebeschäftigung und steigender Kriminalität aufgezeigt. Wiederum sind es junge Männer, die überdurchschnittlich betroffen sind – sowohl als Täter wie auch als Opfer von Verbrechen.

Die geringere Verfügbarkeit von Männern, die einen stabilen Arbeitsplatz und weder Probleme mit Drogen noch mit Kriminalität haben, drückt nicht nur die Heirats-, sondern auch die Geburtenrate. Während vor allem die Geburten von verheirateten Frauen zurückgehen, steigt der Anteil der Geburten von unverheirateten Frauen und von Müttern im Teenageralter dagegen. Dies trägt dazu bei, dass immer mehr Kinder bei einer alleinerziehenden Mutter aufwachsen. Da diese Haushalte einem besonders grossen Armutsrisiko ausgesetzt sind, wächst ein grösserer Anteil der Kinder in Haushalten unter der Armutsgrenze auf.

Für die «Obsession» der Politik in Bezug auf den Industriesektor gibt es also durchaus gute Gründe. Die geringere Beschäftigung in den Fabriken führt gerade in denjenigen Orten, in denen es nur wenige alternative Erwerbsmöglichkeiten gibt, nicht nur zu geringeren Einkommen, sondern auch zu Zerfallserscheinungen in der Gesellschaft.

Sanders für Soziales, Trump für Jobs

Wie kann man den betroffenen Menschen helfen? In den parteiinternen Nominationsverfahren vor dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf schlugen die überraschend erfolgreichen Kandidaten Bernie Sanders und Donald Trump unterschiedliche Strategien vor.

Der linke Kandidat Sanders wollte den Wohlfahrtsstaat der USA auf ein europäisches Niveau ausbauen, um die Einkommensverluste der Globalisierungsverlierer abzufedern. Trump hingegen versprach den Menschen die Rückkehr der Industriearbeitsplätze und somit die Rückkehr ihres früheren Lebens – eine Aussicht, die verlockend ist für diejenigen Menschen, die nicht nur ihre Arbeitsstelle, sondern auch ihre Ehe, ihre Gesundheit und ihre Sicherheit verloren haben oder ihren Verlust befürchten.

Genauso wie Trump propagieren derzeit auch populistische Parteien in Europa eine Strategie der Eindämmung von Güterhandel und Migration, wodurch darniederliegende Industriebrachen wieder in betriebsame Fabriken verwandelt werden sollen.

Mit Protektionismus kann aber besonders der Stellenverlust durch Automatisierung nicht ausgeglichen werden, und auch die bereits erfolgte Schwächung von gesellschaftlichen Strukturen kann nicht einfach ungeschehen gemacht werden. Der Niedergang des Industriesektors hat Probleme hervorgerufen, die schwierig zu lösen sind. Es ist aber immerhin zu begrüssen, dass diese Probleme von der Politik wahrgenommen und diskutiert werden.

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