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Inflation – die Aufholjagd des Fed

Nach der anfänglichen und anhaltenden Fehleinschätzung der amerikanischen Inflationsdynamik beginnen nun mehr Fed-Vertreter, die Situation in den Griff zu bekommen. Ein Kommentar von Mohamed A. El-Erian.

Mohamed A. El-Erian
«Die auf Umfragen basierenden Inflationserwartungen des New York Fed sind für einen ein- wie auch für einen dreijährigen Zeithorizont auf über 4% gestiegen.»

Die Inflation steht heute auf den Titelseiten der Zeitungen in aller Welt, und das aus gutem Grund. Die Preise für immer mehr Waren und Dienstleistungen steigen in einer Weise, die seit Jahrzehnten nicht mehr zu beobachten war. Dieser Inflationsschub, der mit tatsächlichen und befürchteten Versorgungsengpässen einhergeht, schürt sowohl bei Konsumenten als auch bei Produzenten Ängste. Sie droht auch, die Ungleichheit zu verschärfen und die dringend benötigte nachhaltige und integrative wirtschaftliche Erholung von der C0vid-19-Pandemie zu gefährden, und wird damit auch zu einem heissen politischen Thema.

Die Entscheidungsträger der Zentralbanken im Vereinigten Königreich und in den USA haben begonnen, sich von der Vorstellung einer «vorübergehenden» Inflation zu lösen (dieser ist bei der Europäischen Zentralbank schwächer ausgeprägt, was angesichts der weniger ausgeprägten Inflationsdynamik dort einleuchtet). Doch der Wandel ist noch lange nicht abgeschlossen und geht nicht schnell genug, besonders beim Fed, der mächtigsten und systemrelevantesten Währungsinstitution der Welt. Die Verzögerungen in der Verabschiedung von Massnahmen zur Steigerung der Produktivität und zur Erhöhung der Arbeitskräftebeteiligung durch den Kongress sind ebenfalls nicht hilfreich.

Die Gründe für den Anstieg der Inflation sind hinlänglich bekannt. Eine lebhafte Nachfrage trifft auf ein unzureichendes Angebot – eine Folge von unterbrochenen Transport- und Lieferketten, Arbeitskräftemangel und Energieknappheit.

Keine starre Kosten-Preis-Indexierung

Dieser Preisanstieg ist zwar beachtlich, doch kündigt er nicht die Rückkehr zu den zweistelligen Inflationsraten der 1970er Jahre an. Eine starre Kosten-Preis-Indexierung ist heutzutage seltener geworden. Die Ausgangsbedingungen für die Bildung von Inflationserwartungen sind weit weniger instabil. Zudem ist die Glaubwürdigkeit der Zentralbanken wesentlich höher, auch wenn sie derzeit auf die härteste Probe seit Jahrzehnten gestellt wird.

Dennoch wird die Inflation viel ausgeprägter sein, als die obersten Fed-Vertreter dachten, als sie den steigenden Preisdruck wiederholt als vorübergehendes Phänomen abtaten. Selbst heute unterschätzen ihre Inflationsprognosen – obwohl sie bereits mehrfach nach oben korrigiert wurden – noch immer, was auf uns zukommt.

Die auf Umfragen basierenden Inflationserwartungen, die von der New Yorker Federal Reserve zusammengestellt wurden, sind sowohl für einen ein- als auch für einen dreijährigen Zeithorizont auf über 4% gestiegen. Die kostentreibenden Inflationstendenzen weiten sich aus. Die Kündigungsrate unter den US-Arbeitnehmern ist auf einem Rekordhoch, weil sie es zunehmend wagen, ihren Arbeitsplatz zu verlassen, um sich eine besser bezahlte Stelle zu suchen oder eine bessere Work-Life-Balance zu finden. Es wird auch vermehrt von Streiks gesprochen. All dies wird noch dadurch verschärft, dass Konsumenten und Unternehmen ihre Nachfrage vorziehen, vor allem aus Sorge vor Produktknappheit und steigenden Preisen.

Gefahr für Entwicklungsländer

Die derzeitige Inflationswelle ist Teil eines allgemeinen strukturellen Wandels im weltweiten makroökonomischen Grundmuster. Wir sind von einer Situation mangelnder gesamtwirtschaftlicher Nachfrage zu einer Situation übergegangen, in der die Nachfrage insgesamt gut ist. So stiegen die Detailhandelsumsätze in den USA im September im Jahresvergleich 13,9% stärker als erwartet, was darauf hindeutet, dass es immer noch einige Bereiche mit aufgestauter Kaufkraft gibt, die in Nachfrage umgesetzt werden.

Das heisst keineswegs, dass es keine Probleme in der Zusammensetzung der Nachfrage gibt, die angegangen werden müssen. Ungleichheit, nicht nur bei Einkommen und Vermögen, sondern auch bei den Chancen, bleibt eine drängende Sorge.

Eine höhere und hartnäckigere Inflation unterstreicht diese Besorgnis, denn ihre Auswirkungen sind vielschichtig, wirtschaftlich, finanziell, institutionell, politisch und sozial. Diese Auswirkungen werden sich zunehmend ungleichmässig bemerkbar machen und die Armen besonders hart treffen. Auf globaler Ebene besteht die Gefahr, dass die Folgen des Inflationsanstiegs einige Entwicklungsländer mit niedrigem Einkommen von einem langfristigen wirtschaftlichen Konvergenzpfad abbringen.

Unternehmenskonzentration im Auge behalten

Umso wichtiger ist es, dass das Fed und der Kongress umgehend handeln, um sicherzustellen, dass die derzeitige Inflationsphase das Wirtschaftswachstum nicht unnötig untergräbt, die Ungleichheit verstärkt und die finanzielle Instabilität anheizt. Eine deutliche Verringerung der geldpolitischen Stimulierung, die immer noch im Hyper-Notfallmodus betrieben wird, ist notwendig, ungeachtet des unglücklichen Timings, das für den Übergang zum neuen politischen Rahmen des Fed gilt. Der amerikanische Gesetzgeber kann helfen, indem er Initiativen zur Steigerung des Angebots an Kapital und Arbeit energischer vorantreibt. Das bedeutet die Verabschiedung von Massnahmen zur Modernisierung der Infrastruktur, zur Steigerung der Produktivität und zur Erhöhung der Erwerbsquote.

Die politischen Entscheidungsträger sollten auch die aufsichtsrechtliche Regulierung und Überwachung des Finanzsektors verstärken, besonders des Nicht-Bankensystems. Angesichts des stärkeren Drucks auf die Gewinnmargen der Unternehmen und der überlegenen Fähigkeit grosser Firmen, Versorgungsstörungen zu bewältigen, werden sie die Unternehmenskonzentration genau im Auge behalten müssen.

Es ist eine gute Nachricht, dass nach der anfänglichen und anhaltenden Fehleinschätzung der amerikanischen Inflationsdynamik nun mehr Fed-Vertreter beginnen, die Situation in den Griff zu bekommen. Das Fed wäre gut beraten, den Rückstand noch schneller aufzuholen. Andernfalls gerät es unter eine Schuldzuweisung, die die Glaubwürdigkeit seiner Politik weiter untergräbt und sein politisches Ansehen unterminiert.

Copyright: Project Syndicate.

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