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Inflation erzwingt Arbeitsmarktreformen

Eine klügere Arbeitsmarktpolitik würde Arbeitswilligen in den USA mehr Möglichkeiten geben und gleichzeitig die Inflation bekämpfen. Ein Kommentar von Todd G. Buchholz und Michael Mindlin.

Todd G. Buchholz
«Senioren würden auf Steueranreize ebenso ansprechen wie auf Happy-Hour-Cocktails.»

In den letzten Jahren hat 1 Mio. Amerikaner im Ruhestand bevorzugt nach Golf- oder Tennisbällen gegriffen. Hätten sie stattdessen Hämmer, Schraubenschlüssel oder Bleistifte in die Hand genommen, hätten wir weniger Inflation. Schilder mit der Aufschrift «Hilfe gesucht» hängen überall – von Cafés bis hin zu Pharmafabriken. Die Industrieländer könnten eine der grössten Ursachen für Inflation beseitigen, wenn sie mehr Menschen dazu bringen würden, sich am Arbeitsmarkt zu beteiligen – besonders diejenigen an den beiden Rändern des Altersspektrums: ältere und jüngere Menschen.

Dank der unermüdlichen Druckerpresse der Notenbanken, massiver Staatsausgaben, Lieferstörungen und nun Wladimir Putin liegt die Inflation auf einem Niveau, das wir seit «Rocky II» (1979) nicht mehr kennen. Aber eine Arbeitsmarktpolitik der Angebotsseite könnte dazu beitragen, die beispiellosen 11,3 Mio. freien Stellen in den USA zu besetzen, während das Federal Reserve und die Notenbanken anderer Länder überlegen können, wie sie die Luft aus ihren aufgeblähten Bilanzen lassen.

Glaubt man den Massenmedien, scheint die US-Wirtschaft mit Energiebündeln gesegnet zu sein: Tom Brady bricht Touchdown-Rekorde mit 44, Clint Eastwood dreht Filme mit 89, und William Shatner fliegt mit 90 in den Weltraum. Aber trotz dieser erstaunlichen Aktionen hat sich der Anteil der amerikanischen Rentner in den letzten fünfzehn Jahren um ein Drittel erhöht.

Problem der Sozialversicherung

Gleichzeitig wachen über 20 Mio. Amerikaner im besten Arbeitsalter (25 bis 54) jeden Morgen auf, geniessen den Kaffeeduft und schauen sich vielleicht bis zum Mittagessen Katzenvideos auf TikTok an. In Umfragen teilen sie dem US-Büro für Arbeitsstatistik mit, dass sie «keinen Arbeitsplatz wollen». Computerspieler und Kryptofans auf dem Sofa machen zwar Xbox und Coinbase reich, aber eine niedrige Teilnahmequote am Arbeitsmarkt ist schlecht für die Gesamtwirtschaft – und das Land.

Eine kluge Arbeitsmarktstrategie der Angebotsseite hat drei Standbeine: Sie sollte einen Teil der «Arbeitsverweigerer» in Lohn und Brot bringen, indem sie Verzerrungen im öffentlichen Rentensystem korrigiert, die Seuche der Lizenzen zur Berufsausübung und der Inflation akademischer Abschlüsse bekämpft und die Auftragsarbeiter der Gig- und der Plattformökonomie von belastenden Regulierungen befreit.

Senioren würden auf Steueranreize ebenso ansprechen wie auf Happy-Hour-Cocktails. Leider werden Rentner, die im Alter wieder arbeiten wollen, von der Sozialversicherung mit einer Kürzung der monatlichen Rente bestraft. Eine 62 Jahre alte Rentnerin verliert für jeden Dollar, den sie über 19’560 $ Einkommen hinaus verdient, 2 $ an Zuwendungen. Das Urban Institute hat berechnet, dass ein durchschnittlich verdienender 60-Jähriger etwa 15% implizite Einkommenssteuer zahlt und dass sich dieser Anteil mit 66 Jahren auf mehr als 30% erhöht. Warum also sollte man im Alter arbeiten?

Jugendliche arbeiten zu wenig

Angesichts des Geburtenrückgangs in Amerika wird jeder Rentner heute von nur 2,7 aktiven Arbeitnehmern finanziert – eine Rate, die sich bis 2035 vermutlich auf 2,3 Aktive pro Rentner verschlechtern wird. Länder wie Frankreich, Italien oder Japan sind in dieser Hinsicht sogar noch schlimmer dran. Um dieses Ungleichgewicht zu beheben, sollten die Steuern auf Renten und Pensionen, wenn die Empfänger eine bestimmte Anzahl von Jahren gearbeitet haben, abgeschafft werden. Nach beispielsweise 45 Arbeitsjahren hätte eine Person «voll eingezahlt» und könnte weiterhin arbeiten, ohne dafür bestraft oder besteuert zu werden. Zu viele energische Senioren ziehen viel zu früh in «aktive» Communities und spielen Karten, obwohl sie vielleicht lieber Stechkarten abstempeln würden.

Ausserdem sollte die Regierung bessere Anreize für junge Menschen schaffen. In Italien waren vor der Covid-Krise fast 30% der Altersgruppe zwischen 20 und 34 Jahren weder in Ausbildung noch in einem Arbeitsverhältnis. Seit 2000 ist die Erwerbsquote in den USA bei den 16- bis 24-Jährigen 17% gefallen. Im Jahr 2000 hat noch über die Hälfte der Teenager während des Sommers gearbeitet – heute tut es nur noch ein Drittel. Auf der Strasse Hotdogs zu verkaufen, mag keine Bereicherung für einen akademischen Lebenslauf sein, verschafft aber lebenslange Fähigkeiten wie Selbstdisziplin und Zeitmanagement. Ausserdem erreichen gemäss einer Studie der Northeastern University Schüler höherer Klassen mit niedrigem Einkommen mit höherer Wahrscheinlichkeit einen Abschluss, wenn sie arbeiten.

Mit einer klügeren Arbeitsmarktstrategie auf der Angebotsseite würden 16- bis 24-Jährige, die in die staatliche Rentenkasse einzahlen, im Alter doppelt so viel Rente bekommen wie die heutigen Rentner. Eine 20-Jährige, die 2022 rund 15’000 $ verdient und etwa 1200 $ an Sozialbeiträgen einzahlt, würde im Rentenalter so behandelt, als hätte sie 30’000 $ verdient.

Lizenzepidemie

Ein weiteres grosses Problem ist, dass Arbeitnehmer aller Altersgruppen, die neue Aufgabenfelder suchen, staatlich verordnete Hürden wie beispielsweise teure Lizenzanforderungen bewältigen müssen. Für fast ein Viertel der Arbeitsplätze in der EU und den USA benötigt man eine Lizenz. In den Fünfzigern lag dieser Anteil noch unter 5%. Lizenzen für Chirurgen oder Piloten sind natürlich sinnvoll, aber ist es fraglich, warum der Bundesstaat Arizona Friseure dazu zwingt, 1600 Ausbildungsstunden zu absolvieren. Ein Polizist in Phoenix benötigt hingegen nur 1040 Stunden Ausbildung. Offensichtlich ist der Umgang mit einem Fön viel gefährlicher als der mit einer Handfeuerwaffe.

Diese Lizenzepidemie treibt die Kosten für Arbeitnehmer und Konsumenten in die Höhe. In einer Welt der Gig-Ökonomie und des Online-Lernens erscheint sogar die Notwendigkeit eines Universitätsabschlusses überholt. Laut der Beschäftigungsplattform Indeed denken 72% der Arbeitgeber, die Absolventen eines Programmier-Workshops seien «wahrscheinlich genauso gut vorbereitet und leistungsfähig wie Kandidaten mit Universitätsabschluss in Computerwissenschaften». Eine Führungskraft bei Google erklärte, ein Hochschulabschluss sei «als Einstellungskriterium wertlos». Da überrascht es nicht, dass IBM mitgeteilt hat, die Hälfte ihrer US-Arbeitsplätze sei nun für alle Kandidaten mit den passenden Fähigkeiten offen, und auch Ernst & Young aus Grossbritannien hat die Türen für Nichtakademiker geöffnet. Um in einem Technologiejob zu glänzen, muss man mit den neuesten technischen Innovationen Schritt halten – was kaum eine Spezialität von etablierten Professoren ist, die jedes Jahr die gleichen Vorlesungen halten. Auch staatliche Stellen könnten davon profitieren, wenn sie nicht unbedingt Diplomanden, sondern die besten Kandidaten einstellen würden.

Gig-Ökonomie fördern

Schliesslich muss die Regierung damit aufhören, die Gig-Ökonomie zu untergraben. Gig-Arbeiter tragen, wenn sie ein leerstehendes Apartment, einen geparkten Wagen oder einen unbenutzten Lastwagen aktivieren, zur Inflationsbekämpfung bei. Diese Freiberufler zu Angestellten zu machen, raubt ihnen die Flexibilität und treibt die Preise in die Höhe. New York City hat den Gewinn der Lieferdienste beschränkt, was den Stadtbewohnern nur schadet. Parlamentskommissionen in der Europäischen Union, Australien und Kanada haben Unternehmen wie Airbnb oder DoorDash den Kampf angesagt.

Eine klügere Arbeitsmarktpolitik würde Arbeitswilligen mehr Möglichkeiten geben und gleichzeitig die Inflation bekämpfen. Ausserdem könnte sie dazu beitragen, das runde Drittel der Kleinunternehmen, die während der Pandemie schliessen mussten, wieder ins Leben zu rufen. Für gesunde Menschen könnten das Rentenalter und andere ehrenvolle Taten wie Xbox-Spiele oder Tennis noch etwas warten.

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