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Inflation ist noch das geringere Übel

Ein anhaltender moderater Inflationsschub ist nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste. Im Gegenteil: In den meisten Regionen sollte man froh darüber sein. Ein Kommentar von Kenneth Rogoff.

Kenneth Rogoff
«Unglücklicherweise befinden wir uns noch lange nicht an dem Punkt, an dem politische Entscheidungsträger hinsichtlich der Inflationsrisiken kalte Füsse bekommen sollten.»

Die wichtigsten Zentralbanken der Welt äussern sich weiterhin besorgt über die inflationären Auswirkungen ihrer Massnahmen zur Rezessionsbekämpfung. Das ist ein Fehler. Gemessen an den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Risiken des fortgesetzten langsamen Wachstums nach einer Jahrhundert-Finanzkrise ist ein anhaltender moderater Inflationsschub nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste. Im Gegenteil: In den meisten Regionen sollte man froh darüber sein.

Vielleicht ist das Argument für eine moderate Inflation (von etwa 4 bis 6% jährlich) heute nicht so zwingend wie zu Beginn der Krise, als ich dieses Thema zum ersten Mal behandelte. Vor dem Hintergrund des staatlichen Widerwillens gegen erzwungene Abschreibungen und angesichts massiv überbewerteter realer Hauspreise und exzessiver Reallöhne in einigen Sektoren wäre eine moderate Inflation damals überaus hilfreich gewesen.

Freilich war man sich zu diesem Zeitpunkt einig, dass eine robuste V-förmige Erholung praktisch vor der Tür stand und es töricht wäre, über ketzerische Inflationslehren nachzudenken. Aufgrund meiner Forschungsarbeit für mein im Jahr 2009 gemeinsam mit Carmen M. Reinhart veröffentlichtes Buch «Diesmal ist alles anders» war ich allerdings anderer Meinung. Nach der Untersuchung früherer schwerer Finanzkrisen bestand sehr wohl Anlass zur Sorge, dass der Rückgang der Beschäftigung katastrophal ausfallen und die Erholung aussergewöhnlich langsam über die Bühne gehen würde. Eine korrekte Einschätzung der mittelfristigen Risiken hätte zur Rechtfertigung meiner Schlussfolgerung von Dezember 2008 beigetragen, die folgendermassen lautete: «Zur Bewältigung der aktuellen Jahrhundert-Finanzkrise wird jedes vorhandene Instrument gebraucht.»

Fünf Jahre später befinden sich öffentliche und private Schulden sowie die Auslandverschuldung in vielen Ländern auf Rekordhöhe. Nach wie vor besteht die Notwendigkeit enormer relativer Lohnanpassungen zwischen der Peripherie und dem Zentrum Europas. Doch das scheint den wichtigsten Zentralbanken der Welt entgangen zu sein.

In den Vereinigten Staaten hat das Federal Reserve durch Andeutungen über ein mögliches Ende der quantitativen Lockerung (QE) die Anleihenmärkte in Aufregung versetzt. Der vorgeschlagene Ausstieg scheint Ausdruck eines Waffenstillstandsabkommens zwischen Falken und Tauben des Fed zu sein. Die Tauben bekamen massiv Liquidität, aber angesichts der sich nun verbessernden Wirtschaft bestehen die Falken auf einem Ende der Lockerung.

Keine gewöhnliche Rezession

Dabei handelt es sich um eine moderne Variante des klassischen Rezepts, die Geldpolitik zu straffen, bevor die Inflation zu stark wird, auch wenn sich der Beschäftigungssektor noch nicht vollständig erholt hat. William McChesney Martin, Präsident des Fed in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, witzelte einst, dass es die Aufgabe der Zentralbank sei, «die Bowle wegzuräumen, sobald die Party in Schwung kommt».

Das Problem ist, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Rezession handelt und viele Menschen überhaupt noch nichts von der Bowle abbekommen haben, geschweige denn zu viel davon. Ja, es bestehen legitime technische Bedenken, dass die quantitative Lockerung die Vermögenspreise verzerrt, aber das Platzen von Blasen ist momentan einfach nicht die Hauptgefahr. Derzeit haben die USA die besten Chancen auf eine reale und nachhaltige Erholung von der Finanzkrise. Und so, wie manche Zentralbanken in den Zwanziger- und Dreissigerjahren übermässig am Goldstandard festhielten, wäre es heute eine Katastrophe, wenn die Erholung durch das übermässige Strapazieren von Antiinflationsparolen scheitern würde.

Japan steht vor einer anderen schwierigen Frage. Der neue Gouverneur der Bank of Japan (BoJ), Haruhiko Kuroda, hat klare Signale an die Märkte gesendet, wonach die BoJ nach Jahren beinahe inexistenten Preiswachstums auf eine jährliche Inflation von 2% abzielt.

Doch nun, da die längerfristigen Zinsen leicht steigen, scheint die BoJ zu bremsen. Was haben Kuroda und seine Kollegen erwartet? Wenn die BoJ die Inflationserwartungen erfolgreich anheben soll, müssen die langfristigen Zinsen wohl eine entsprechend höhere Inflationsprämie spiegeln. Solange nominale Zinsen aufgrund der Inflationserwartungen steigen, ist diese Steigerung Teil der Lösung und nicht des Problems.

Die BoJ müsste sich natürlich zu Recht Sorgen machen, würden die Zinsen infolge höherer Risikoaufschläge und nicht aufgrund höherer Inflationserwartungen steigen. Die Risikoaufschläge könnten sich beispielsweise erhöhen, wenn sich unter Anlegern Unsicherheit breitmacht, ob Kuroda zu seinem Bekenntnis steht. Wie immer in der Geldpolitik besteht die Lösung in einer klaren, konsistenten und eindeutigen Kommunikationsstrategie.

In der Eurozone wäre Inflation nützlich

Die Europäische Zentralbank befindet sich in einer völlig anderen Lage. Da sie ohnehin schon ihre Bilanz nutzt, um die Kreditkosten in der Peripherie der Eurozone zu senken, ist man hinsichtlich einer geldpolitischen Lockerung vorsichtig. Doch eine höhere Inflation würde die dringend nötige Anpassung der europäischen Geschäftsbanken beschleunigen, in deren Büchern Kredite zu einem weit höheren als dem aktuellen Marktwert aufscheinen. Ausserdem böte eine höhere Inflation auch den Hintergrund, vor dem die Löhne in Deutschland steigen könnten, ohne dass sie in der Peripherie fallen müssten.

Jede der wichtigsten Zentralbanken der Welt kann plausible Argumente für Vorsicht vorbringen. Und die Zentralbanker bestehen zu Recht auf Strukturreformen und glaubwürdige Pläne für langfristig ausgeglichene Haushalte. Doch unglücklicherweise befinden wir uns noch lange nicht an dem Punkt, an dem politische Entscheidungsträger hinsichtlich der Inflationsrisiken kalte Füsse bekommen sollten. Statt die Bowle wegzuräumen, sollte man lieber noch etwas nachschenken.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare

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Joachim Körner 19.06.2013 - 15:31

Aufschlussreich ist der letzte Absatz.
Dedeutet er doch im Klartext: Da die Politiker ihre Aufgaben nicht erledigen, sollten wir uns besaufen.
Joachim Körner, Hamburg