Meinungen

Inflations-Killer?

Die Bondrenditen sind in den USA auf Talfahrt, was suggeriert, dass Inflation kein Thema mehr ist. Das ist aber keine Entwarnung für den Aktienmarkt. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Jan Schwalbe.

« Anleger sollten ihre Positionen nicht zu stark hinterfragen und im Aktienmarkt investiert bleiben.»

Die Zinsen steigen kontinuierlich. Irgendwann wird das zu Leitzinserhöhungen führen. Das ist bzw. war bis vor Kurzem der Konsens. Doch ein Blick auf die jüngste Entwicklung am US-Bondmarkt macht stutzig. Die Rendite auf zehnjährige Treasury Notes tauchte zu Wochenbeginn auf unter 1,2%. Noch Ende März warfen die Papiere 1,75% ab. Ein massiver Wandel, der suggeriert, dass die Inflationsangst, die den Aktienmarkt lange in Atem hielt, verflogen ist. Hat der Aktienmarkt also wieder freie Bahn?

Ganz so einfach ist die Sache leider nicht, denn gleichzeitig bröckelten die Kurse zum Wochenbeginn an Wallstreet und in Europa. Das ist nicht zuletzt auf die Sorge zurückzuführen, dass die Weltwirtschaft aufgrund der hartnäckigen Ausbreitung der Deltavariante nicht so ungebremst wachsen wird, wie viele Indikatoren signalisieren.

Der Markt ist in einer sogenannten Risk-off-Phase, die Investoren in sichere Anlagen wie Staatsanleihen in Währungen wie Dollar und Franken treibt. Der Aktienmarkt steckt seit rund einem Monat in einer Seitwärtsbewegung und sucht seine Richtung. Es wird klar, das die Deltavariante nicht zu unterschätzen ist. Was heisst das nun für die Positionierung im Markt?

Grundsätzlich ist es in der Tat keine schlechte Entwicklung, dass die Sorgen wegen der Inflation nachlassen. Wenn sich der Markt Schritt für Schritt bewusst wird, dass die Erholung nicht ganz so rasant wird, ist das zu begrüssen. Anleger sollten ihre Positionen nicht zu stark hinterfragen und im Aktienmarkt investiert bleiben. Die Bewegung am Bondmarkt dürfte nur vorübergehend sein, die Renditen mittelfristig wieder anziehen. Die Sorge um früher als prognostiziert eintretende Zinserhöhungen ist aber vorerst mal vom Tisch.