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Infrastruktur lockt institutionelle Investoren

In der Schweiz ist der Ausbaubedarf im Energiesektor gross. Der Weg für Direktanlagen soll frei gemacht werden.

Der Ausbau der Infrastruktur ist ein Milliardengeschäft. In Industriestaaten ist der Erneuerungsbedarf gross, und in Schwellenländern entstehen die Einrichtungen für Transport, Kommunikation, Gesundheit, Energie- und Wasserversorgung erst. Versicherungen, Pensionskassen und Staatsfonds treten zunehmend als Investoren auf den Plan. In der Schweiz sind Anlagen in Infrastruktur bisher nur eingeschränkt möglich. Das könnte sich aber bald ändern.

Der Schweizerische Versicherungsverband fordert mehr Spielraum, um künftig einfacher in Infrastrukturanlagen oder im Gesundheitssektor investieren zu können. Dafür wäre eine Änderung der Rechtsvorschriften nötig. Eine Motion will genau dieses Anliegen aufgreifen. Nationalrat und BDP-Präsident Martin Landolt schlägt vor, die für Versicherungen und Pensionskassen zulässigen Investments um «direkte und indirekte Anlagen in Infrastruktur» zu ergänzen. Die Beratung im Parlament steht noch aus.

Ein Beispiel für die Bedeutung institutioneller Investoren ist der Energiesektor. Der Anteil von Versicherern, Pensionskassen und Staatsfonds an Beteiligungen und Übernahmen (M&A) hat sich 2012 gegenüber 2011 auf weltweit 29% verdoppelt, wie eine Untersuchung von PwC zeigt. Der Wert der Deals Institutioneller betrug 44 Mrd. $. In Europa rechnet die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft mit einer Wiederbelebung des Marktes, auch weil sich Rahmenbedingungen in den Schlüsselmärkten Deutschland und Grossbritannien klären.

Gemeinsame Transaktionen            

Wie ein solches Investment aussehen kann, hat eine Transaktion Ende 2012 gezeigt. Der spanische Energiekonzern Iberdrola (IBE 7.242 -0.11%) verkaufte Windparks auf dem französischen Festland für mindestens 350 Mio. € an den US-Konzern General Electric (GE 10.09 0.5%) (40%), an Meag – eine Anlagegesellschaft der Versicherer Münchener Rück (MUV2 203.7 -0.24%) und Ergo (40%) – sowie an den französischen Energiekonzern EDF (20%). Im Vorjahr war die Deutschlandtochter von Swiss Life (SLHN 411.7 -0.82%) – die gesetzliche Einschränkung gilt nur für Versicherer und Vermögen im Inland – an der Mehrheitsübernahme des Übertragungsnetzbetreibers Amprion durch ein Konsortium Institutioneller beteiligt.

Solche Anlagen sind für Schweizer Pensionskassen und Versicherer derzeit nur über Umwege möglich. «Sie dürften aber künftig auch im Inland eine grössere Rolle spielen», sagt Marc Schmidli, Partner bei PwC Schweiz. Die langen Zeithorizonte im Energiesektor sieht er als Pro-Argument. «Pensionskassen und Lebensversicherungen brauchen Ertragsprofile über Jahrzehnte, weshalb die Investitionen in Infrastruktur und speziell Energie für sie attraktiv sind», so Schmidli.

Versorger am Limit

Die Strombranche kann das Volumen allein nur schwer stemmen: Der Investitionsbedarf in Europa in Netz und Produktion wurde bereits vor dem Reaktorunglück in Fukushima und dem deutschen Atomausstieg bis 2020 auf mindestens 1 Bio. € veranschlagt. Gleichzeitig stehen Versorgern gemäss der Unternehmensberatung Capgemini (CAP 108.45 18.14%) in 27 EU-Ländern, der Schweiz und Norwegen weniger Mittel zur Verfügung. Zur operativen Verschlechterung trugen nicht nur schwache Konjunktur und Eurokrise, sondern auch neue Vorschriften bei. «Der Investitionsbedarf bringt selbst sehr grosse Energieversorger wie Eon (EOAN 9.638 -0.02%) oder RWE (RWE 22.26 -0.36%) an ihre Grenzen», sagt Andreas Weiler, bei Capgemini für den Stromsektor zuständig. Die Unternehmen seien zunehmend am Einstieg von Mitinvestoren interessiert. Für die Schweizer Stromwirtschaft bestätigt der Dachverband VSE das Interesse an solchen Finanzpartnern.

Aus deren Reihen sieht der Versicherer Swiss Life den Weg über indirekte Anlagen als «zu einschränkend» und verweist auf «unnötige Mehrkosten». Die geltende Aufsichtsverordnung lässt «alternative Finanzanlagen wie Hedge Funds und Private Equity» zu, aber nicht explizit Infrastrukturanlagen für das gebundene Vermögen. Die Gesellschaft würde eine Änderung der Bestimmungen begrüssen.

Mehr Wahlmöglichkeiten würden auch die Pensionskassen befürworten. «Es herrscht im gegenwärtigen Zinsumfeld ein gewisser Druck, gute Anlageideen zu finden», sagt Christoph Ryter, Präsident des Verbands Asip. Ob Direktanlagen in Infrastruktur Sinn machen würden, hängt nach Einschätzung Ryters von der Grösse einer Vorsorgeeinrichtung ab. «Für die durchschnittliche Schweizer Pensionskasse ist ein Investment in einen Fonds, der mehrere solcher Anlagen bündelt, die bessere Variante», erklärt er. Dafür brauche es keine neuen Regelungen. Für grosse Einrichtungen wären direkte Investments aber durchaus ein Thema.

Rendite und Risiko variieren in der Stromproduktion nach Projektfortschritt, Ähnliches gilt für die Art der Wertschöpfung (Erzeugung vs. Netz). Swiss Life beurteilt neben Transport- und Verteilnetzen für Strom und Gas auch die Produktion aus Wind, Photovoltaik und Wasserkraft als attraktiv, ebenso staatlich-private Gemeinschaftsprojekte im Verkehrsbereich und im sozialen Sektor (Schulen, Spitäler). Für ein solches Portfolio erwartet der Versicherer eine Rendite von 6 bis 8%.

Rendite muss stimmen

Nicht immer finden sich Industrie und Investoren: «Infrastrukturprojekte, die uns bisher vorgestellt wurden, haben unsere Renditenerwartungen nicht erfüllt», erklärt Asip-Präsident Ryter. Die Rendite müsse etwas höher sein als die direkte Netto-Cashflow-Rendite bei Immobilien, die derzeit 4 bis 4,8% betrage.

Das Schweizer Übertragungsnetz wird bisher von Investoren noch zurückhaltend beurteilt. «Der aktuelle Kapitalzins von 3,83% ist im Vergleich zum Vorjahr abermals reduziert worden und wirkt im europäischen Vergleich zu gering», sagt Capgemini-Berater Weiler. Das soll sich ändern: Der mit einer neuen Methode ermittelte (höhere) Zins für 2014 wird gemäss Bundesamt für Energie bis Ende März bekanntgegeben. In Verbindung mit rechtlicher Sicherheit wäre das Stromnetz für Investoren künftig attraktiver.

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