Das Gesundheitswesen ist mit zahlreichen Innovationen konfrontiert. Wie das Forum der «Finanz und Wirtschaft» zu diesem Thema am Mittwoch gezeigt hat, verläuft die Entwicklung aber sehr unterschiedlich. Während Spitäler teilweise noch darum kämpfen, die Kommunikation mit Ärzten von Fax auf E-Mail umzustellen, ist die Innovation bei den Medikamenten so gross, dass die Akteure teilweise überfordert sind. Es würden so viele Wirkstoffe entwickelt, dass es schwierig sei, den Überblick zu behalten, waren sich die zwei Teilnehmer am Keynote-Podium «Der Weg von innovativen Medikamenten zum Patienten» einig.

Patrick Amstutz, CEO der auf Onkologie spezialisierten Molecular Partners (MOLN 17.42 0.81%), erklärte, wie für einige neuartige Wirkmechanismen die klinische Entwicklung abgekürzt werde. Das erfordere auch die Anpassung der Zulassungsreglemente. Hier hinken die EU und die Schweiz den USA und Japan hinterher, ergänzte Remo Christen, der bei Roche (ROG 288.15 -0.41%) für die Verhandlungen mit dem Bundesamt für Gesundheit und den Krankenkassen zuständig ist.

Revolutionäre Einmalbehandlungen, die Krankheiten heilen können, bei denen die Patienten zuvor oft jahrelang regelmässig Medikamente einnehmen mussten, fordern zudem das bisherige System der Preisberechnung heraus. Auch hier sollten demnächst Lösungen vorliegen, gab sich Christen zuversichtlich. Er plädierte ausserdem dafür, dass die Pharmaindustrie ihren Teil beitragen soll, etwa indem sie die ersten Behandlungen selbst übernimmt und die Krankenkasse erst zahlen muss, wenn das Medikament beim Patienten auch anschlägt.

Schwierige politische Konsensfindung

Einiges länger als in der Medikamentenentwicklung dauert es in der Regel, bis sich Innovationen in anderen Bereichen des Gesundheitswesens durchsetzen. Nationalrätin Ruth Humbel (CVP/AG) schilderte, wie regelmässig politische Vorstösse von allen Seiten zerpflückt und verhindert werden. Das Krankenversicherungsgesetz (KVG) lasse den staatlichen und den privaten Anbietern eigentlich viel Raum, selbst Lösungen zu finden. Bei vielen Tarifen sei das aber nicht gelungen. Erst dann sei der Bundesrat mit einer Verordnung (Tarmed) eingeschritten.

Trotz des Bundesgesetzes obliege das Schweizer Gesundheitswesen im Wesentlichen aber den Kantonen. Sie handelten nicht immer uneigennützig. So seien die Listen zu den Behandlungen, die ambulant statt stationär durchgeführt werden sollen, auch politisch motiviert. Für die ambulanten Behandlungen zahlen die Kantone anders als für die stationären nichts. Einige Kantone sorgten sich auch zu wenig um die Effizienz ihrer Institutionen. «In der Schweiz behandeln fünfzig Spitäler Bauchspeicheldrüsenkrebs, die Hälfte davon hat keine zehn Fälle pro Jahr», sagte Humbel.

Kantone in der Pflicht

Spitaldirektorin Orsola Lina Vettori (Spital Zollikerberg) wandte ein, dass das im Kanton Zürich schon gut bereinigt worden sei und viele komplizierte Eingriffe nur noch im Unispital, im Triemli, im Kantonsspital Winterthur und in der Hirslanden-Klinik durchgeführt würden. «Der Kanton will nun aber auch Vorschriften für einfachere Eingriffe wie Hüftoperationen machen», sagte Vettori. Das gehe zu weit, befand sie, und Humbel stimmte ihr zu.

Auf die Frage, ob kleinere Spitäler überhaupt eine Zukunft hätten, entgegnete Vettori, ihr Spital weise bei vielen Behandlungen deutlich tiefere Kosten aus als einige der grossen Stadtzürcher Spitäler. Stephan Pahls von der Hirslanden-Gruppe schilderte das Beispiel einer winzigen Klinik im luzernischen Meggen mit nur zwanzig Betten, die sein Unternehmen betreibt. «Die hat ihre Berechtigung, weil sie quasi als Überlaufbecken für die St. Anna Klinik in der Stadt Luzern dient.» Er gab sich überzeugt, dass Spitäler in Zukunft mehr zusammenarbeiten werden. So könnten regionale Verbünde geschaffen und teure Geräte gemeinsam angeschafft werden. Ärzteteams würden in mehreren Krankenhäusern arbeiten.

Nötige Innovation in den Anreizsystemen

Um Zusammenarbeit und darum, wie Technologie die Effizienz steigern könnte, ging es in einem weiteren Panel. Marcel Napierala, CEO von Medbase, die zur Migros gehört und ein breites Spektrum an Gesundheitsdienstleistungen anbietet, fasste seine bisherigen Erfahrungen so zusammen: «Die Zusammenarbeit mit verschiedenen Spitälern läuft gut und Synergien werden gesucht.» Schwierig seien teilweise die regulatorischen Bedingungen, welche die Zusammenarbeit nicht wirklich fördern würden. Fabian Vaucher, der den Apothekerverband PharmaSuisse präsidiert, beklagte ein Silodenken, das die Kooperation zwischen den Leistungserbringern erschwere. Das sei aber im KVG angelegt. «Ein behandelnder Arzt erhält einen bestimmten Tarif, wenn er einen bestimmten Patienten behandelt.» Wenn er sich mit einem Apotheker austausche, erhalte niemand etwas. Das Gesetz sollte deshalb so angepasst werden, dass Anreize zur Zusammenarbeit entstehen.

Reiner Eichenberger, Professor für Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Uni Freiburg, bemängelte, dass die Krankenkassen zu wenig Spielraum hätten. Die Kassen, die günstige Lösungen angeboten hatten, seien fast alle eingegangen. Sie hätten gesunde Junge angezogen, mit denen sie wegen geringer Abrechnungen zu wenig einsparen konnten. Nötig wäre es hingegen, chronisch Kranke in billigere Modelle überzuführen. Weil der Selbstkostenanteil bei 1000 Fr. gedeckelt sei, sei der Anreiz für sie aber nicht gross genug.

Höhere Kosten wegen technologischen Fortschritts?

Wenig Begeisterung herrschte auf dem Podium über das elektronische Patientendossier (EPD). Unter der Ägide des Bundes entstanden, sollte es eigentlich eine effizientere Behandlung ermöglichen. Napierala befürchtete hingegen, es könne als Sammlung von Pdf-Dokumenten enden, die kaum jemand ansehen werde. Denn ein Mehrnutzen sei noch nicht ersichtlich. Barbara Züst von der SPO Patientenschutzorganisation argumentierte, wenn das EPD nur zwischen den Leistungserbringern eingesetzt werde, greife es zu kurz. Die Patienten sollten miteinbezogen werden. Man müsse sie aber erst befähigen, die Möglichkeiten auszuschöpfen. Napierala wandte ein, dass viele Leistungserbringer, besonders Ärzte, nicht verstehen würden, weshalb sie teilnehmen sollten, weil das EPD für sie freiwillig sei und ein Mehrnutzen nicht erkannt werde.

Eichenberger warnte, dass dieses Patientendossier entgegen der Absicht nicht zu weniger, sondern zu mehr Kosten führen werde. Denn immer, wenn etwas aus Patientensicht einfacher und «billiger» werde, würde das auch zu mehr Konsum führen. Wenn etwa die Daten einer Untersuchung zentral zur Verfügung stünden, könne einfacher eine Zweitmeinung eingeholt werden.

Züst widersprach und sagte, die Patienten seien durchaus in der Lage, zu lernen und sich verantwortungsvoll zu verhalten. Sie müssten dazu aber auch geschult werden.

Das Panel konnte keine greifbaren Ideen entwickeln, wie die Zusammenarbeit und die Effizienz verbessert werden können. Einig war man sich aber, dass der technologische Wandel kommt und die Zusammenarbeit künftig erleichtert.

Erstmals Prix d’excellence santeneXt verliehen

Konkrete Ansätze präsentierte unter anderem Christian Greis von der Uni Zürich. Mit dem Spin-off Derma2go hat er eine App entwickelt, die Patienten mit Dermatologen verbindet. Das Konzept könnte auf andere Behandlungsbereiche ausgeweitet werden. Im Rahmen der erstmaligen Verleihung des Prix d’excellence santeneXt stellten zudem die drei Finalisten ihre Entwicklungen vor. Sie bringen alle mehrere Akteure zusammen, um Abläufe im Gesundheitswesen effizienter zu gestalten und für den Patienten zu vereinfachen.

Die Gewinner des Preises, der vom Pharmaverband Interpharma und von der Krankenkasse Swica ins Leben gerufen wurde, Sascha Bayer und Dimitri Kohler, haben ein Programm entwickelt, mit dem Kostengutsprachen einfach und schnell abgewickelt werden können. Ein weiteres eingereichtes Projekt optimiert die Medikamenteneinnahme für Patienten, die zahlreiche Substanzen zu sich nehmen müssen. Das WeCare Medical Network schliesslich will interdisziplinäre Gesundheitszentren zusammenschliessen und dazu beitragen, weg von einem volumenbasierten Vergütungsmodell zu kommen und hin zu «Zahlung für Leistung».

Es tut sich einiges in Sachen Innovation, die Instrumente dazu dürften in den nächsten Jahren immer zahlreicher und ausgeklügelter werden.

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