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Innovation und Ungleichheit

Wenn junge und benachteiligte Menschen zufriedenstellende Arbeitsplätze bekommen sollen, müssen Regierungen und Arbeitgeber Verwantwortung übernehmen. Ein Kommentar von Stefano Scarpetta.

Stefano Scarpetta, Paris
«Aus praktischen und politischen Gründen sind Umverteilungsprogramme, obwohl von entscheidender Bedeutung, nicht ausreichend, um allein inklusives Wachstum herzustellen.»

Sind die Gewinne aus dem Wirtschaftswachstum sehr ungleich verteilt, werden soziale Bindungen brüchig. Diejenigen, die an Boden verlieren, besonders junge Menschen, reagieren möglicherweise zunächst mit Frustration, die später in Zorn umschlägt. Das war auch einer der Schlüsselfaktoren hinter den Aufständen des Arabischen Frühlings. Und wie die Proteste in Chile, Brasilien, Israel, der Türkei und Indien gezeigt haben, nehmen soziale Spannungen aufgrund von Ungleichheit auf der ganzen Welt zu.

Natürlich ist die Einkommensungleichheit weltweit seit Jahrzehnten angestiegen. Sogar als viele Entwicklungs- und Schwellenländer Millionen Menschen aus extremer Armut befreien konnten, bestand unter der Oberfläche immer die Wahrnehmung, dass Wirtschaftswachstum grössere Ungleichheit bedeutete. Doch nun verleihen steigende und anhaltende Arbeitslosigkeit sowie Unterbeschäftigung der zunehmenden Ungleichheit eine neue Dynamik, wie die OECD im Juli der G20 berichtete.

Nach der Finanzkrise des Jahres 2008 beträgt die Jugendarbeitslosenrate in den Industrieländern durchschnittlich 16% und übersteigt in manchen europäischen Ländern sogar 40%.

Herausforderung: Inklusives Wachstum

Infolge dieser Entwicklung ist die Herausforderung des inklusiven Wachstums an die Spitze der globalen wirtschaftspolitischen Agenda gerückt.

Laut Angaben des Global Agenda Outlook des Weltwirtschaftsforums werden die zunehmenden Einkommensungleichheiten nach den Spannungen im Nahen Osten der zweitwichtigste Trend des Jahres 2014 sein.

Die Gründe für Einkommensunterschiede sind vielfältig und reichen von qualifikationsbedingten Vorteilen aufgrund des technologischen Fortschritts bis hin zu Korruption. Doch ungeachtet der Gründe kann es überaus hilfreich sein, die Menschen wieder in produktive und lohnende Jobs zu bringen. Das erfordert grosse und vielschichtige Anstrengungen der Regierungen, der Arbeitgeber und zivilgesellschaftlicher Gruppen.

Zunächst bedeutet es, den Menschen Zugang zu hochqualitativer Bildung und Gesundheitsversorgung zu bieten: eine gesunde, gebildete Person ist auf dem Arbeitsmarkt vermittelbar. In vielen Ländern bleibt dies eine grosse Herausforderung. Doch die in manchen Ländern niedrigen Einkommens bereits erreichten Fortschritte lassen grosses Potenzial erahnen.

Man denke an Brasilien, das in den ersten zehn Jahren des neuen Jahrtausends einen langen Boom erlebte, im Zuge dessen die Einkommensungleichheit tatsächlich zurückging. Ein Faktor, der zu dieser Entwicklung beitrug, war die so genannte bolsa familia (Familienförderung), die nun bereits seit einem Jahrzehnt besteht. Eine monatliche Summe wird direkt an Mütter ausbezahlt, vorausgesetzt, die  Kinder besuchen die Schule und werden regelmässig zu medizinischen Untersuchungen geschickt.

Dieses innovative Programm ist nicht nur eine Investition in das Humankapital von Millionen Kindern, sondern ermöglicht den Müttern auch berufstätig zu ein. Derart gut konzipierte staatliche Förderungen sozial vorteilhaften Verhaltens können Millionen Menschen aus der Armut befreien.

Allerdings sind Bildung und Gesundheit lediglich die ersten Schritte. Aus praktischen und politischen Gründen sind Umverteilungsprogramme, obwohl von entscheidender Bedeutung, nicht ausreichend, um allein inklusives Wachstum herzustellen.

Aus gutem Grund wird oft angeführt, dass die immer weiter auseinanderklaffende Einkommensschere grösstenteils Ausdruck des technologischen Wandels sei, der in vielen Ökonomien zum Verlust von niedrig und auch höher qualifizierten Arbeitsplätzen führt und die Gewinne aus verbesserter Produktivität den hochqualifizierten Eliten zuführt. Aber die digitale Revolution kann ebenfalls inklusives Wachstum ermöglichen. Mit Internet-Anwendungen und anderen Fortschritten in der Kommunikation kann Wissen und Information zu Millionen armer Menschen gelangen.

Man denke an Babajo.com, einer von einem indischen Microsoft-Forscher etablierten Plattform, die bessere Arbeitschancen auf dem informellen Sektor des Landes vermittelt, indem sie Arbeitgeber und Arbeitssuchende über das Internet, mobile Apps, SMS und Sprachnachrichten verbindet. Ebenso führten in Kenia im Zuge der Ausbreitung der Mobiltelefone Netzbetreiber die Anwendung M-pesa ein, die es jeder Person mit einem Mobiltelefon ermöglicht, Geld rasch und kostengünstig zu überweisen – vor allem für die kleinsten Unternehmen ein Segen.

Beide Beispiele – und davon gibt es noch viele weitere – sind nicht auf staatliche Initiativen zurückzuführen, sondern entstanden im privaten Sektor. Und das weist auf einen weiteren Teil der Lösung hin: verbesserte Effizienz auf dem Arbeitsmarkt. In vielen Ländern mit hohen Arbeitslosenraten gelingt es Arbeitgebern nicht, Kandidaten mit geeigneten Qualifikationen zu finden. Die Lösung besteht aus zwei Teilen: besserer Marktinformation und besseren Verbindungen zwischen Ausbildung und Arbeitswelt.

Auf Online-Jobsuche spezialisierte Webseiten erleichtern die Einstellung von Arbeitskräften. Doch der erfolgreiche Übergang von der Schule in die Arbeitswelt sollte bereits beginnen, wenn die Beschäftigten von morgen noch sehr jung sind. Frühkindliche Bildung ist von entscheidender Bedeutung, muss allerdings von der Ausbildung an qualitativ hochwertigen Schulen gefolgt sein, wo ausreichend berufsbezogene Orientierung und Beratung stattfindet. Die Belege sind eindeutig; Länder, die in diesen Bereichen investieren, weisen bessere Ergebnisse auf, als Länder die sich in dieser Hinsicht langsamer bewegen.

Vorbildliches Lehrlingssystem

Obwohl die meisten Länder eine Entwicklung in Richtung «Wissensgesellschaft» anstreben, darf damit die technische und berufsorientierte Ausbildung nicht unter die Räder kommen. Im Gegenteil: In Industrieländern werden viele Qualifikationen gebraucht und eine qualitätsvolle technische Ausbildung, besonders wenn ihr wirksame Programme zur Lehrlingsausbildung folgen, kann einen sanften Übergang von der Schule in das Arbeitsleben gewährleisten. Deutschland, Österreich, die Schweiz und andere entwickelte Länder werden dafür zurecht gelobt. Die Jugendarbeitslosenrate liegt in Deutschland unter 8% und der regelmässige Nachschub von qualifizierten Arbeitskräften hilft, den Erfolg des Landes als Exporteur zu erhalten.

Natürlich kann dieses Modell nicht auf jedes Land übertragen werden – es bedarf  nämlich eines hohen Grades an Vertrauen zwischen Arbeitskraft und Geschäftsleitung, um nur einen Grund zu nennen. Doch manche Strategie kann in geänderter Form auch anderswo angewandt werden. Die G-20-Länder haben kürzlich umfassende Richtlinien für eine qualitativ hochstehende Lehrlingsausbildung verabschiedet. Jedes Mitgliedsland sollte sich die am besten geeignete Strategie innerhalb dieses breit angelegten Rahmenwerks zunutze machen.

Virtuelle Trainingsprogramme beispielsweise ermöglichen Lehrlingen auf teuren Maschinen zu üben, ohne dabei in den Produktionsprozess eingebunden zu sein – und ohne die Gefahr, die Geräte zu beschädigen. In ähnlicher Weise bieten Kurse im Internet, die so genannten Massive Open Online Courses (MOOCs) – ein weiterer rasch wachsender Ansatz in der Berufsausbildung – erstklassige Unterweisung für eine breite Öffentlichkeit zu geringen Kosten.

Es bestehen viele innovative Ansätze, um den Nutzen des Wachstums gerechter zu verteilen und es kommt auch ständig zu neuen Entwicklungen. Doch all das deutet auf eine grundlegende Wahrheit hin: Wenn junge und benachteiligte Menschen zufriedenstellende und lohnende Arbeitsplätze bekommen sollen, müssen Regierungen, Arbeitgeber, Bildungsinstitutionen und zivilgesellschaftliche Gruppen eine wichtige Rolle einnehmen. Davon hängt die langfristige Tragfähigkeit unserer Ökonomien ab.

 

Copyright: Project Syndicate.