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Insolvenzverwalter rechnet mit Zerschlagung von Wirecard

Beim Zahlungsabwickler hat sich bereits eine Vielzahl von Investoren gemeldet, die unter anderem Interesse am Erwerb des Kerngeschäfts haben.

(Reuters) Bei Wirecard (WDI 3.2265 4.08%) sind erneut die Ermittler angerückt. Seit dem Morgen durchsucht die Staatsanwaltschaft fünf Objekte des insolventen Zahlungsabwicklers – darunter den Firmensitz in Aschheim bei München und zwei Gebäude in Österreich, wo der entlassene Vorstandschef Markus Braun wohnt.

Insgesamt seien zwölf Staatsanwälte sowie 33 Polizisten und IT-Fachleute vor Ort mit österreichischen Kollegen, teilte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch mit. Es gehe um die Vorwürfe, die Grundlage der Ermittlungen gegen Braun und weitere Beschuldigte seien, also unrichtige Angaben und Marktmanipulation in mehreren Fällen. Der Firmensitz wurde deswegen bereits am 5. Juni durchsucht.

Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft ergänzte, neben des Vorwurfs der Bilanzfälschung und Marktmanipulation werde auch Betrug in Betracht gezogen. Es gebe Ermittlungen gegen Braun, den entlassenen Vorstand Jan Marsalek sowie die noch amtierenden Vorstände Alexander von Knoop und Susanne Steidl.

Ausserdem gebe es mögliche weitere Tatverdächtige. Wirecard sowie der neue Vorstandschef James Freis und Insolvenzverwalter Michael Jaffe kooperierten. Von Wirecard war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. Auch Brauns Anwalt war nicht erreichbar.

Wirecard musste vergangene Woche Insolvenz anmelden, nachdem in der Bilanz ein Loch von 1,9 Mrd. € aufgetaucht war. Das Geld wurde auf Treuhandkonten in Asien vermutet, wo sie nun aber nicht zu finden sind. Nun steht der im Leitindex Dax (DAX 12528.18 -0.64%) gelistete Zahlungsabwickler vor der Zerschlagung.

Jaffe sagte nach einer Sitzung des Gläubigerausschusses, es gebe einige Interessenten für das Kerngeschäft und bestimmte Sparten. Insidern zufolge gehören Finanzinvestoren dazu, aber auch Rivalen wie die französische Worldline, bei der die Schweizer Börsenbetreiberin SIX grösste Aktionärin ist.

Bereits mehrere Interessenten für Wirecard-Teile

Die Gläubiger hätten grünes Licht für die Mandatierung von spezialisierten Investmentbanken gegeben, die sich um den Verkauf der einzelnen Firmenteile kümmern sollen, sagte Jaffe. Die US-Tochter Wirecard North America, die Wirecard 2016 übernommen hat, stellte sich bereits selbst zum Verkauf.

Die Tochter sieht sich selbst als finanziell unabhängig von der insolvent gegangenen Wirecard AG. Bisher sind ausser der Muttergesellschaft kaum Tochterfirmen in die Insolvenz gegangen. Weitere Anträge sind Jaffe zufolge jedoch nicht auszuschliessen.

«Vordringlichstes Ziel im vorläufigen Insolvenzverfahren ist es, den Geschäftsbetrieb der Konzerngesellschaften zu stabilisieren», erklärte Jaffe. Das gelte für die Abwicklung von Kreditkartenzahlungen – etwa für Visa (V 195.67 0.98%) und Mastercard (MA 265 3.52%) – und für alle übrigen, davon unabhängigen Geschäftsbereiche. «Dazu werden intensive Gespräche mit Kunden, Handelspartnern und den Kreditkartenorganisationen geführt.» Auch die Geschäfte bei der – noch nicht insolventen – Wirecard Bank liefen weiter. Die BaFin hat dort einen Sonderbeauftragten eingesetzt, damit kein Geld an die AG abfliesst.

Aufklärungsarbeit hinter verschlossenen Türen

Der Bilanzskandal, der den gesamten deutschen Finanzmarkt erschüttert und wegen dem Investoren Milliarden verloren haben, ist im Tagesverlauf auch Thema im Bundestag. Der Präsident der Finanzaufsicht BaFin, Felix Hufeld, muss den Abgeordneten Rede und Antwort stehen. Der Behörde wird vorgeworfen, bei Kontrollen versagt zu haben.

Unter anderem von Hufelds Auftritt hinter verschlossenen Türen des Finanzausschusses wird abhängen, ob er weiter oberster deutscher Finanzaufseher bleibt. Der 59-Jährige, der seit 2015 an der Spitze der Bonner BaFin steht, hat im Zusammenhang mit der Wirecard-Pleite bereits von einem «Desaster» gesprochen und Fehler der Behörde eingeräumt: Man sei nicht effektiv genug gewesen, einen solchen Fall zu verhindern.

Ex-Vorstandschef Braun wurde inzwischen komplett von der Gehaltsliste gestrichen. Sein Anstellungsvertrag sei mit sofortiger Wirkung gekündigt worden, teilte Wirecard am Dienstag mit. Braun war wegen des Skandals zurückgetreten als Chef, der Anstellungsvertrag war davon aber unberührt. Er hatte sich der Staatsanwaltschaft gestellt, ist aber wieder auf freiem Fuss nach einer Kaution von 5 Mio. €.

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