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Internationale Auswirkungen der US-Steuerreform

Aufgrund der geplanten Reform der Unternehmensbesteuerung dürften künftige Gewinne in die USA zurückgeführt werden. Ein Kommentar von Martin Feldstein.

Martin Feldstein
«Die Gesetzesänderungen werden grosse Auswirkungen auf die internationalen Kapitalströme haben.»

Der Kongress der Vereinigten Staaten wird wohl innerhalb der nächsten sechs Monate eine grosse Steuerreform verabschieden. Obwohl die neuen Bestimmungen nur für amerikanische Steuerzahler gelten, werden sie Auswirkungen auf Unternehmen und Märkte weltweit haben. Die wichtigsten Änderungen werden weniger die einzelnen Steuerzahler als vielmehr US-Konzerne betreffen. Die Reform mit den offenkundigsten und direktesten internationalen Auswirkungen wird die geänderte Besteuerung ausländischer Tochtergesellschaften amerikanischer Konzerne sein.

Die bestehende Gesetzeslage in den USA ist einzigartig unter allen wichtigen Industrieländern. Man denke an das Beispiel der ausländischen Tochtergesellschaft eines US-Konzerns, die in Irland Gewinn erwirtschaftet. Sie zahlt die irische Körperschaftssteuer von 12%. Anschliessend kann der Nachsteuergewinn in Irland in Wertpapiere oder in Betriebe auf der ganzen Welt – mit Ausnahme der USA – reinvestiert werden.

Gewinn bleibt im Ausland

Führt die Muttergesellschaft des ausländischen Tochterunternehmens diesen Nachsteuergewinn in die USA zurück, um dort zu investieren oder die Mittel an Aktionäre auszuschütten, muss sie dafür die derzeit in den USA geltende Körperschaftssteuer von 35% auf den ursprünglich in Irland erwirtschafteten Gewinn vor Steuern bezahlen, wobei die bereits bezahlten 12% in Form einer Steuergutschrift in Abzug gebracht werden.

Aufgrund dieser Strafe von 23 Prozentpunkten auf die Rückführung des Gewinns entscheiden sich US-Konzerne in der Regel dafür, den Gewinn ihrer ausländischen Tochtergesellschaften nicht zurückzuführen. Das US-Finanzministerium schätzt die im Ausland erwirtschafteten kumulierten Gewinne der Tochtergesellschaften auf 2,5 Bio. $.

Der Kongress wird nun wohl die territoriale Besteuerung des Gewinns ausländischer Tochtergesellschaften von US-Konzernen beschliessen. Diese praktisch in allen anderen Industrieländern angewandte Methode der territorialen Besteuerung wird es US-Konzernen ermöglichen, den Nachsteuergewinn ihrer ausländischen Tochtergesellschaften zurückzuführen und dafür wenig oder gar keine zusätzlichen Steuern zu bezahlen.

Ausserdem wird der Kongress wahrscheinlich eine einmalige Steuer auf die im Ausland erwirtschafteten, aber nicht der amerikanischen Steuergesetzgebung unterworfenen Gewinne ausländischer Tochtergesellschaften im Ausmass von 2,5 Bio. $ beschliessen. Obwohl über die Details dieser Bestimmung noch nicht entschieden wurde, besteht die grundsätzliche Idee darin, eine Steuer in der Höhe von 10% auf die nicht besteuerten Gewinne aus dem Ausland zu erheben, wobei diese Steuer über einen Zeitraum von ein paar Jahren zu bezahlen ist. Im Gegenzug für diese neue Steuer könnte ein US-Konzern diese kumulierten Gewinne zu einem von ihm gewählten Zeitpunkt zurückführen.

Die Umstellung auf ein territoriales Steuersystem wird wohl bedeutende Auswirkungen auf das Verhalten von US-Konzernen haben. Ein grosser Teil der künftigen Gewinne ausländischer Tochtergesellschaften, die nach geltendem Recht im Ausland verbleiben würden, wird wahrscheinlich in die USA rückgeführt, wodurch sich die Investitionen in Europa und Asien verringern werden. Auch ein Teil der in der Vergangenheit im Ausland erwirtschafteten Gewinne von 2,5 Bio. $ wird wohl repatriiert werden.

Überdies hätten US-Konzerne keinen Anreiz mehr, den Gründungs- und Unternehmensstandort in andere Länder zu verlegen, um ihren im Ausland erwirtschafteten Gewinn an ihre Aktionäre auszuschütten. Gleichzeitig werden ausländische Gesellschaften einen Anreiz haben, ihren Sitz in die USA zu verlegen, wo sie die Vorteile eines US-Konzerns geniessen können, ohne die damit verbundene Strafsteuer bezahlen zu müssen.

Obwohl die Umstellung auf ein territoriales Besteuerungssystem die offenkundigsten Auswirkungen auf andere Länder hätte, könnte die geplante Senkung der Körperschaftssteuer noch grössere Wirkung zeigen. Der gesetzliche Steuersatz von 35% auf Unternehmensgewinne ist einer der höchsten in den Industrieländern. Der Gesetzesentwurf des Kongresses würde die Körperschaftssteuer auf 20% senken. Präsident Donald Trump forderte einen Steuersatz von 15%.

Ein niedrigerer Körperschaftssteuersatz und die Umstellung auf ein territoriales Besteuerungssystem würden den Kapitalstrom aus dem Ausland in Richtung Investitionen in US-Konzerne sowie von Kapitalinvestitionen hin zu selbst genutztem Wohneigentum und Landwirtschaft lenken. Dadurch würden die Produktivität und das Bruttoinlandprodukt (BIP) steigen und zu höheren Steuereinnahmen führen, die den direkten Effekt einer geringeren Körperschaftssteuer teilweise ausgleichen.

Weil aber die Einnahmen aus der Körperschaftssteuer derzeit bei etwa 1,6% des BIP liegen, würde die Halbierung des Steuersatzes bei derzeitigem Produktionsniveau die Einnahmen um etwa 0,8% des BIP oder 160 Mrd. $ jährlich verringern.

Im OECD-Durchschnitt

Die USA können sich einen derartigen Anstieg des Haushaltsdefizits nicht leisten. Da nur wenige Merkmale des Körperschaftssteuergesetzes geändert werden können, um den Einnahmenverlust zu begrenzen, dürfte die Körperschaftssteuer auf etwa 25% gesenkt werden. Damit läge sie erheblich unter dem derzeitigen Steuersatz und würde etwa dem OECD-Durchschnitt entsprechen.

In den letzten Jahrzehnten waren die Körperschaftssteuersätze auf der ganzen Welt rückläufig. Der Steuersatz in den USA betrug zuvor 50%, und die Werte in anderen OECD-Ländern lagen erheblich über dem derzeitigen Durchschnitt von 25%. Es ist durchaus möglich, dass die Senkung des Steuersatzes in den USA andere Industrieländer veranlassen wird, ihre Körperschaftssteuer zu verringern, um die relative Attraktivität für international mobiles Kapital zu erhöhen.

Die vom Kongress wahrscheinlich in den kommenden Monaten verabschiedete Gesetzgebung wird die Steuerbestimmungen für US-Unternehmen ändern, aber auch bedeutende Auswirkungen auf internationale Kapitalströme haben. Überdies könnte es auch beträchtliche Auswirkungen auf Steuergesetze auf der ganzen Welt geben.

Copyright: Project Syndicate