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Israel, ein Vorbild?

Mathias Binswanger

Wundersame Wandlung: Der vormals viel kritisierte Premierminister Benjamin Netanjahu wurde zur Lichtgestalt.
Foto: Thomas Coex (Getty Images)

Noch nie genoss Israel so uneingeschränkte Bewunderung wie in den letzten Tagen. Und das aus einem einzigen Grund: Israel ist dabei, sich zur führenden Impfnation zu entwickeln. Bereits über 15% der Bevölkerung haben eine erste Impfdosis erhalten, was das Tempo in allen anderen Ländern bei weitem übersteigt. Gross ist deshalb die Bewunderung. Israel zeigt uns, wie man es machen müsste, heisst es da, und wir alle sollten von Israel lernen. Der vorher viel kritisierte, unter Anklage stehende Benjamin Netanjahu scheint sich innerhalb kürzester Zeit in eine Lichtgestalt verwandelt zu haben.

Mit vorschnellen Lobeshymnen auf einzelne Länder, sollte man genauso vorsichtig sein, wie mit vorschneller Kritik an anderen Ländern. In Sachen Impfung steht Israel im Moment tatsächlich gut da. Das liegt zum einen an den politischen und geografischen Bedingungen. Das Land wird von einer starken Zentralregierung gesteuert. Das nationale Gesundheitsministerium entscheidet allein, es gibt keine Landesregierungen, die bei der Impfstrategie mitreden und sie umsetzen. Man kann also national planen in einem Land, wo die meisten Menschen in urbanen Zentren leben, in denen riesige Pop-up-Impflokale Impfungen in grossen Mengen erlauben.

Schlauer Schachzug? Glück!

Zum andern hat Israel in diesem Fall einfach auf das richtige Pferd gesetzt. Im Herbst schloss Israel in aller Eile einen teuren Deal mit Pfizer (PFE 39.03 +0.26%) ab: Dabei hat Israel pro Impfung offenbar 30 $ bezahlt (keine bestätigte Zahl), um sich entsprechende Impfdosen zu sichern. Das ist mehr als das Doppelte des von den EU-Staaten bezahlten Preises. Das heisst: Man hat viel Geld in ein sehr unsicheres Projekt gesteckt. Das lässt sich allerdings rechtfertigen mit dem Argument, dass damit in Zukunft mögliche Todesfälle verhindert werden können und ein längerer Lockdown noch viel höhere Kosten verursacht. Gehen wir einmal davon aus, dass 9 Mio. Israeli für 30 $ zweimal geimpft werden (es gibt auch Verträge mit anderen Anbietern), dann wäre dies eine Summe von rund 540 Mio. $. Die Hälfte davon, also etwa 270 Mio. wären dann der Aufpreis dafür, dass Israel besonders privilegiert beliefert wurde. Tatsächlich kein allzu hoher Betrag, der in der Schweiz nicht einmal ein Promille des BIP ausmachen würde.

Was die Impfungen betrifft, können wir Israel somit bewundern. Abgesehen von den Impfungen ist es allerdings kein Vorbild. Im Moment ist die Zahl der Neuinfektionen erstmals seit Ende September auf mehr als 8’000 pro Tag angestiegen. Deshalb wird jetzt, Impfungen hin oder her, ein weiterer strenger, zweiwöchiger Lockdown verfügt. Diese Zahlen sind bezogen auf die Zahl der Bevölkerung jetzt höher als in der Schweiz. Wir tendieren seit einiger Zeit allerdings dazu, die Situation in der Schweiz als besonders negativ einzustufen. Es gehört zum guten Ton, dem Bundesrat und den Kantonen in Sachen Pandemiebekämpfung Unfähigkeit und totales Versagen vorzuwerfen. Überall liest man Sätze wie «Warum hat man nicht sofort….?» «Man hätte schon lange wissen müssen, dass…», oder «Man hätte viele Menschenleben retten können, wenn….».

Ungleiche Pandemiebekämpfung

Doch genau die gleichen Sätze liest man auch in anderen Ländern wie etwa in Deutschland,
Österreich, Frankreich, dem Vereinigtes Königreich oder den USA. Auch dort ist Bashing der eigenen Regierung an der Tagesordnung. Wirklich positive Beispiele für Länder mit ernstzunehmenden Statistiken, die das Virus tatsächlich besiegt haben, gibt es nur wenige. Vor allem asiatische Länder wie China, Vietnam, Singapore, Taiwan oder Südkorea, werden da häufig genannt. Diesen Ländern ist gemeinsam, dass sie ihre Bürgerinnen und Bürger stark kontrollieren und überwachen. Auf diese Weise kann man ein Virus tatsächlich eindämmen. Nur sind Überwachung und Kontrolle auch dann noch präsent, wenn die Pandemie längst wieder verschwunden ist.

Ein starker Überwachungsstaat eignet sich also gut für eine effektive Pandemiebekämpfung. Demokratie, bürgerliche Freiheiten und Föderalismus entpuppen sich hingegen als Handicap. Diese Tatsache sollte man nicht vergessen, wenn man leichtfertig Ländervergleiche anstellt.