Meinungen

Ist Deflation unausweichlich?

Eine Gesundung der Weltwirtschaft setzt Verständnis der Ursachen des Problems voraus. Schulden müssen abgebaut werden, staatliche Leistungen ebenso, und die Wirtschaft braucht mehr Freiraum. Ein Kommentar von Felix W. Zulauf.

Felix W. Zulauf
«Wie haltbar ist die Fiktion eines funktionierenden Kredit- und Wirtschaftssystems?»

Noch vor wenigen Jahren war Deflation nicht vorstellbar. Die volkswirtschaftlichen

«Experten» vertraten einhellig die Meinung, dass dies in modernen Volkswirtschaften nicht mehr möglich sei, denn man habe aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Heute weist eine zunehmende Zahl von Volkswirtschaften negative Veränderungsraten der Konsumentenpreise gegenüber dem Vorjahr aus.

Zudem zeigen die zyklischen Bewegungen der Teuerung seit etwa vierzig Jahren laufend niedrigere Höchst- und niedrigere Tiefstpunkte, also einen definierten Abwärtstrend. Deflation ist einfach das natürliche Zurückschlagen des Pendels nach einer grossen Inflation im Wirtschaftszyklus über eine längere Zeit. Aber Deflation war immer ein verbotenes Wort, weil es sofort mit der grossen Wirtschaftskrise der Dreissigerjahre in Verbindung gebracht wird.

Kaufe heute, zahle morgen, lautete die Devise vieler Wirtschaftssubjekte über Jahrzehnte, um dem Kaufkraftverlust der inflationären Zeit zu entgehen. Die Folgen sind bekannt, eine zunehmende Verschuldung unseres globalen Wirtschaftssystems absolut und in Prozent der Wirtschaftsleistung.

Wir unterscheiden jedoch zwischen produktiven und unproduktiven Schulden. Produktive Schulden sind Kredite, um Investitionen zu finanzieren, die nach Zinsdienst und Amortisation noch einen Ertrag abwerfen. Unproduktive Schulden dienen lediglich dem Vorbezug von Gütern und Dienstleistungen, die man sich heute aus dem normalen Einkommensstrom nicht leisten kann.

Schulden und Überalterung bremsen

Wenn der Berg an unproduktiven Schulden zu gross wird, dann führt das eines Tages dazu, dass eine zunehmende Zahl von Schuldnern ihre Schuldenkapazität ausgeschöpft hat. Von diesem Moment an gibt es Schwierigkeiten für das ganze Wirtschaftssystem, weil erstens trotz niedrigem Zinsniveau immer weniger Wirtschaftssubjekte in der Lage sind, neue Schulden aufzunehmen, um zu konsumieren oder zu investieren, und  weil zweitens immer mehr Geld aus dem normalen Einkommen für Zinsdienst und Amortisation verwendet werden muss.

Damit wird die Endnachfrage in einer Volkswirtschaft strukturell geschwächt. Beginnt gleichzeitig die Bevölkerung zu überaltern und in der Gesamtzahl zu stagnieren oder zu schrumpfen, so potenzieren sich die Bremsfaktoren für eine Volkswirtschaft.

Da die Marktwirtschaft in den meisten Industrieländern zunehmend von einer wachsenden Staatswirtschaft verdrängt wird, kann sich unser System schon seit längerer Zeit nicht mehr bereinigen, denn die schmerzlichen Anpassungen werden mit immer mehr staatlichen Interventionen «bekämpft». Daraus entsteht eine strukturelle Überschuldung und Nachfrageschwäche. Je mehr die Behörden eingreifen, umso grösser werden die strukturellen Probleme und Bremsen.

Der technologische Fortschritt und Innovationen wirken ebenfalls deflationär, weil mit der Zeit manches effizienter und kostengünstiger produziert werden kann und die Maschine, besonders seit der Digitalisierung, die Löhne für menschliche Arbeitskräfte in Schach hält. Darum wachsen in diversen Industrieländern die realen Einkommen des Mittelstands seit geraumer Zeit nicht mehr.

Beeinflusst wird dies auch durch die Globalisierung, die zu Druck auf die Löhne in den Industrieländern geführt hat. Natürlich ist es nicht so, dass die Preise für alle Güter und Dienstleistungen fallen. Dort, wo der Staat über den Markt dominiert, werden die Preise künstlich hoch gehalten. Das sieht man in staatsnahen Bereichen wie der Gesundheit oder der Landwirtschaft.

Die globalen Schulden sind von 87 Bio. $ im Jahr 2000 auf 141 Bio. $ im Jahr 2007 und 199 Bio. $ Mitte 2014 gestiegen. Gleichzeitig hat die Welt seit der grossen Finanzkrise im Jahr 2008 die grössten je verabreichten fiskal- und geldpolitischen Stimuli gesehen. Die Geldschöpfung der Notenbanken rund um die Welt ist im Ausmass von mehr als 10 Bio. Fr. Gegenwert gewachsen.

Trotzdem lahmt die Weltwirtschaft und weist heute die historisch niedrigsten Wachstumsraten ausserhalb einer Rezession auf. Zudem fällt die Teuerung in allen Volkswirtschaften und notiert in manchen Ländern bereits im Minusbereich – auf dem niedrigsten Stand seit Generationen. Etwas scheint also völlig anders zu laufen, als die «Experten» erwartet hatten.

Natürlich spielt der fallende Ölpreis auch eine Rolle. Aber es fallen seit einigen Jahren ja nahezu alle Rohstoffpreise. Zudem würde der Ölpreis nicht sinken, wenn die Nachfrage wachsen und das Angebot stagnieren würde. Aber das Gegenteil ist der Fall, wie das im deflationären Prozess üblich ist. Aufgrund der Nachfrageschwäche werden Preise gesenkt, teilweise auch über Währungsabwertung. Andere wollen die daraus resultierenden Einnahmenrückgang mit erhöhter Produktion kompensieren. Das ist ja gerade der deflationäre Prozess.

Die expansive Geldpolitik in den Industrieländern hat über die letzten zwei Jahrzehnte zu einem grossen Kapitalexport in die Schwellenländer geführt und dort einen gigantischen  Investitions- und Kreditboom ausgelöst, der nun zu Ende ist. Entsprechend wurden dort, auch unter Annahme eines anhaltenden Wachstums Chinas von 10%, grosse Investitionen vorgenommen.

Der private Sektor der Schwellenländer hat heute bereits eine höhere Verschuldung in Prozent der Wirtschaftsleistung als in den Industrieländern. Doch Chinas Wachstum wird sich in den kommenden Jahren verlangsamen – die Weltwirtschaft steht netto vor Überkapazitäten in manchen Branchen. Deshalb springen Investitionen der Privatwirtschaft nicht im erhofften Ausmass an.

China wird angesichts der wachsenden Probleme im Immobilienmarkt dieses Jahr verstärkt gezwungen sein, mit grosszügiger Geldversorgung das Bankensystem kräftig zu stützen. Dann wird sich konsequenterweise die chinesische Währung abwerten, die gegenüber den anderen asiatischen Währungen massiv aufgewertet wurde, seit Japan die Abwertung des Yens forciert. Wenn der grösste Exporteur der Welt seine Währung 10 bis 20% abwertet, dann werden die Preise für global handelbare Güter weiter unter Druck kommen. Schon jetzt beträgt der Preisverfall in Dollar gerechnet etwa 10%, wobei historisch bei Abschlägen von 5 bis 6% die Warnsignale für zukünftige Wirtschaftskrisen aufleuchten.

Real- und Finanzwirtschaft divergieren

Es ist unklar, wie lange die Behörden die Fiktion eines intakt funktionierenden Kredit- und Wirtschaftssystems aufrechterhalten können. Seit einiger Zeit laufen die Trends in der Realwirtschaft in einem deflationären und in der Finanzwirtschaft in einem inflationären Prozess gegenläufig. Je weiter sie sich voneinander entfernen, umso grösser werden die Risiken für Märkte und Realwirtschaft.

Was müsste für eine Gesundung getan werden? Dazu wären Einsicht der Behörden und Verständnis der Ursachen des Problems notwendig. Dann müssten die überschuldeten Wirtschaftssubjekte (inkl. Staaten) saniert und restrukturiert und Leistungsversprechen aller Art der Realität angepasst werden.

Dieser Prozess müsste unterstützt werden durch angebotsorientierte Stimuli, etwa den Abbau  bremsender Vorschriften und Gesetze, um dem Privatsektor wieder mehr unternehmerischen Spielraum zu geben. Staatliche Subventionen und die Besteuerung aller Wirtschaftssubjekte müssten zurückgefahren werden. Nur die wirklich sozial Schwächsten sollten staatlich gestützt werden.

Die grosse Umverteilung, wie sie zunehmend in den Industrieländern grassiert, müsste gestoppt und abgebaut werden. Unterstützend könnten dafür Investitionen in die Infrastruktur lanciert werden. Selbst ein begleiteter Prozess würde kaum schmerzlos ablaufen. Doch wenn weitsichtige politisch und wirtschaftspolitisch Verantwortliche ihn steuern, wäre er weniger gefährlich als ein ungeordnetes Abdriften in eine Krise.

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