Meinungen English Version English Version »

Ist globale Klimasolidarität unmöglich?

Fiskalische Solidarität ist bereits im Inland gering, grenzübergreifend scheint sie aussichtslos zu sein. Ein Kommentar von Willem H. Buiter.

Willem Buiter, New York
«Länder wie Indien und diejenigen in Afrika südlich der Sahara werden ihre wirtschaftliche Entwicklung nicht der Emissionsverringerung opfern.»

Trotz des klimapolitischen Wirbels auf dem diesjährigen Treffen des Weltwirtschaftsforums in Davos sind die ökologischen Aussichten der Welt düster. Es gibt drei Hindernisse: die Leugnung des Klimawandels, die Ökonomie der Verringerung von Treibhausgasemissionen und die Massnahmen zur CO2-Minderung, die dazu neigen, höchst regressiv zu sein.

Laut dem Weltklimarat IPCC müssen die globalen Kohlendioxidemissionen bis 2030 gemessen am Niveau von 2010 um 45% reduziert werden und dann bis 2050 völlig aufhören. Nur so haben wir eine realistische Chance, die globale Erwärmung auf 1,5% über dem vorindustriellen Niveau zu beschränken. «Wir brauchen schnelle Siege», warnt das Umweltprogramm der Vereinten Nationen in seinem jüngsten Emissions Gap Report, «oder das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens gerät ausser Reichweite».

Dies ist noch untertrieben. Selbst wenn die national bestimmten Beiträge (Nationally Determined Contributions, NDC) des Pariser Abkommens von 2015 erreicht werden, führt dies dazu, dass die Emissionen im Jahr 2030 um 38% zu hoch sein werden. Die globalen Durchschnittstemperaturen steigen dann bis 2100 wahrscheinlich um katastrophale 2,9 bis 3,4 Grad – und danach noch mehr. Um die Erwärmung auf lediglich 2 Grad zu beschränken, müssten die Ziele für die NDC etwa verdreifacht werden, und um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, sogar verfünffacht.

Sogar Trump sollte das Problem erkannt haben

Dies wird nicht geschehen. Der einzige Zeitraum, in dem sich die CO2-Emissionen einzupendeln schienen, war von 2014 bis 2016 – aufgrund schwachen weltweiten Wachstums. Laut dem Global Carbon Project sind die Emissionen seitdem wieder gestiegen – 2,7% im Jahr 2018 und 0,6% im Jahr 2019. Schlimmer noch, die Uno-Klimawandelkonferenz COP25 vom Dezember 2019 war ein völliges Fiasko: Dort gab es keinerlei neue Klimaversprechen oder klare Absichtserklärungen für den diesjährigen COP26-Gipfel in Glasgow.

Warum sträubt sich die Menschheit so sehr dagegen, sich selbst zu retten? Erstens werden die Prognosen der Klimawissenschaftler von vielen Menschen einfach nicht akzeptiert. Aber diese Leugnung ist das geringste der drei Hindernisse. Es wird immer eine Minderheit geben, die Tatsachen und Logik als unwillkommene Störung betrachtet. Sogar US-Präsident Donald Trump sollte endlich erkannt haben, dass der Klimawandel den Erfolg und die Profitabilität von Mar-a-Lago gefährdet.

Werden die wirklichen Kosten der klimabedingten Katastrophen zunehmend sichtbar, dürfte das Problem des Leugnens an Stellenwert verlieren. Tatsächlich kommt eine Umfrage der Yale University vom November 2019 zu dem Ergebnis, dass 62% der registrierten Wähler in den USA bereits jetzt einen Präsidenten unterstützen würden, der die «globale Erwärmung für den Fall, dass der Kongress nicht handelt, zu einem nationalen Notstand erklärt».

Globale Steuer auf Kohlenstoffemissionen

Die zweite grosse Herausforderung ist, dass die Treibhausgasemissionen das Paradebeispiel für weltweite externe Wirtschaftseffekte schlechthin sind. Der Klimawandel hält sich nicht an Grenzen. Sämtliche Emissionen werden irgendwann uns alle treffen. Dies bedeutet, dass es ein massives Trittbrettfahrerproblem gibt. Unter den momentanen Umständen wird es individuell betrachtet immer rational sein, andere ihre Emissionen reduzieren zu lassen, ohne es selbst zu tun. Der einzige Weg, dieses Problem zu lösen, besteht in kollektiver Rationalität oder klugem Eigeninteresse. Aber würde man angesichts der aktuellen Lage des Multilateralismus echte globale Bemühungen hin zum Gemeinwohl erwarten, wäre dies ein sehr hoher Anspruch.

Das dritte Hindernis besteht darin, dass von den effektiven Massnahmen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen überproportional die Armen betroffen sind (sowohl global als auch innerhalb der einzelnen Länder). Der Internationale Währungsfonds hat kürzlich ausgerechnet, dass der effektive weltweite Preis für CO2-Emissionen momentan bei lediglich 2 $ pro Tonne liegt. Um die globale Erwärmung auf weniger als 2 Grad zu begrenzen, brauchen wir bis 2030 aber einen effektiven Durchschnittspreis von 75 $ pro Tonne.

Ich stimme mit dem Harvard-Ökonomen Kenneth Rogoff überein, dass die beste Lösung des Klimaproblems wahrscheinlich in einer einheitlichen globalen Steuer auf Kohlenstoffemissionen besteht – zumindest ökologisch betrachtet. Aber mit einer solchen Steuer würden die durchschnittlichen Strompreise in den nächsten zehn Jahren kumulativ 45% steigen und die Benzinpreise 15%. Also wäre die Lastenverteilung sogar in den reichen Ländern schwer zu handhaben, wie die französische Regierung erkennen musste, als sie 2018 versuchte, eine moderate Benzinsteuer einzuführen. Schlimmer noch, seit den Achtzigern wurden die effektiven fiskalischen Umverteilungsmechanismen in den am höchsten entwickelten Ländern erheblich geschwächt.

Arme Länder tragen grösste Last

Darüber hinaus würde die grössere Verteilungslast einer globalen Kohlenstoffsteuer überproportional von den armen Ländern getragen, die auf eine schnelle Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten hoffen. Allein etwa 570 Mio. Menschen in Afrika südlich der Sahara haben keinen Zugang zu grundlegender Stromversorgung, und weltweit liegt diese Zahl eher bei 1,2 Mrd.

Dabei versteht sich von selbst, dass das längst überfällige Wachstum in den Entwicklungs- und Schwellenländern zu einer massiven Steigerung des Energieverbrauchs und der Treibhausgasemissionen führt. In Indien, China und vielen anderen Ländern werden wohl noch viele Jahre lang Kohlekraftwerke gebaut. Saubere und erneuerbare Energien aus Solar- und Windkraft werden die fossilen Energien in diesen Ländern zwar ergänzen, aber nicht ersetzen. Trotz der schnellen Fortschritte bei den Akkuspeichertechnologien bedeuten die Übergangsprobleme bei Wind- und Solarenergie, dass die fossilen und die nuklearen Energien auch weiterhin eine Rolle spielen.

Nehmen wir Indien, das für 7% der jährlichen weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich ist, wodurch es der weltweit viertgrösste Emittent ist – nach China (27%), den USA (15%) und der EU (10%). Dies ist so, obwohl der Pro-Kopf-Energieverbrauch Indiens nur ein Zehntel des amerikanischen beträgt. Sogar wenn sich dieser Wert bis 2030 verdoppelt, wird er immer noch bei lediglich der Hälfte dessen liegen, wo sich China schon 2015 befand.

Quadratur des Kreises

Länder wie Indien und diejenigen in Afrika südlich der Sahara werden ihre wirtschaftliche Entwicklung nicht der Emissionsverringerung opfern. Der einzige Weg hin zur Quadratur des Kreises besteht darin, Entwicklungs- und Schwellenländer, die sich in einer unvermeidlichen energieintensiven Entwicklung befinden, stärker finanziell zu unterstützen, damit sie es sich leisten können, die externen Effekte der Treibhausgase durch eine angemessen hohe Emissionssteuer zu internalisieren.

Leider sind grosse und langfristige internationale Hilfsprogramme sehr unbeliebt. Angesichts dessen, dass die fiskalische Solidarität bereits im Inland zu wünschen übrig lässt, scheint eine grenzübergreifende Variante davon aussichtslos zu sein. Bis sich dies ändert, wird sich unsere selbst gemachte, existenzielle Krise nur noch verschlimmern.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare