Wer angesagte Künstler kennenlernen möchte, besucht die Museen, die sich in den ehemaligen Industriezonen niedergelassen haben, oder Galerien, die von progressiven Leuten geführt werden. Man verlässt die Gegend des Grand Bazaar Sultanahmet und fährt über die Galata-Brücke Richtung Pera und Karaköy im modernen Beyoglu-Viertel.

Die ausserhalb der Touristenpfade gelegenen Quartiere erinnern an vergangene Zeiten, als Istanbul eine kosmopolitische Weltstadt war, wo sich Intellektuelle und Künstler aus dem Orient und fernen Ländern Asiens begegneten.

Hier werden jeweils die Ausstellungen der Istanbul Biennial organisiert, deren 16. Edition 2019 stattfinden wird. Der Anlass animiert das lokale Kunstschaffen, das allerdings auch ausserhalb der Biennale äusserst aktiv ist.

Blühende Kunstmetropole

Seit einem Jahrzehnt hat sich Istanbul als unverzichtbare und blühende Kunstmetropole etabliert. «Entscheidend war das Jahr 2010, als Istanbul europäische Kulturhauptstadt war. Für die Kunstszene war dies ein Wendepunkt», erklärt die Koordinatorin der Biennale, Elish Kamisli. Die folgenden Jahre bescherten den Istanbulern euphorische Zeiten.

Das Bruttoinlandprodukt verzeichnete ein Wachstum von 3 bis 10%, in der Riesenstadt mit den 12 Mio. Einwohnern öffneten neue Galerien und Museen ihre Tore, Kunstanlässe und Festivals folgten sich im schnellen Rhythmus.

Terrorismus, Staatsstreich und Repressionen setzten dieser Entwicklung ein abruptes Ende. Mit fatalen Folgen. Dann aber kehrte wieder Normalität ein, die Menschen hatten keine Lust, sich weiter einzuschliessen und sich von Angst terrorisieren zu lassen.

Zwar ist das Nachtleben weniger animiert als 2012, aber es pulsiert und braucht den Vergleich mit Paris nicht zu scheuen. Weit entfernt von vergleichbaren Anlässen hat sich die Biennale dank sorgfältigen Entscheidungen gleich zu Beginn 1987 hervorgetan. «Für die Ausgabe 2017 zeichnete als Kuratoren das dänisch-norwegische Künstlerduo Elgreen & Dragset verantwortlich, das mit seiner fiktiven Prada-Boutique in der Wüste von Marfa, Texas, berühmt geworden ist», erklärt Vincent Simon, Herausgeber des Pariser Magazins Palais von Palais de Tokyo.

Die geografische Lage von Istanbul erweist sich für die künstlerische Kreation als äusserst befruchtend. «Die Stadt ist westlich und orientalisch zugleich. Die Türkei nimmt auf dem politischen Schachbrett im Nahen Osten und darüber hinaus zwischen Orient und Okzident eine strategische Stellung ein.»

Rebellion gegen das Patriarchat

In der aktuellen, politisch angespannten Zeit wird die Biennale paradoxerweise sowohl von Erdogans Anhängern als auch Gegnern kritisiert. «Seine Partisanen werfen uns ein zu starkes politisches Engagement vor, für die andern sind wir zu wenig kritisch», sagt ein Mitarbeiter des Anlasses.

Während als Folge der politischen Verhärtung viele Kreative, Journalisten und Intellektuelle im Gefängnis sitzen, sind zeitgenössische Künstler weniger von Repressionen betroffen. «Die Behörden sind an der Kultur nicht interessiert, zeitgenössische Kunst liegt schlicht und einfach nicht in ihrem Fokus. Niemand denkt daran, die Aktivitäten dieses Mikrokosmos zu kontrollieren», meint ein Kadermitarbeiter der Biennale.

Besucher sind von der Leidenschaft und der intensiven geistigen Freiheit der lokalen Szene überrascht. Türkische Künstlerinnen behaupten sich mit einer seltenen Entschiedenheit, posieren etwa nackt in Videos, um so gegen das Patriarchat zu rebellieren.

Wie etwa die Feministin Canan, die eine berauschende Welt zwischen arabischen, persischen und biblischen Kosmologien kreiert. Sie gilt als eine der provokantesten Künstlerinnen ihrer Generation und arbeitet als Fotografin, Videofilmerin, Malerin und Bildhauerin. Nachdem sie ihre Kunst an der Frieze Art Fair in New York gezeigt hatte, erzielte sie letzten Herbst mit ihrer Ausstellung in der renommierten Galerie Arter einen Riesenerfolg.

Sonderauktion für türkische Kunst

Seit 2009 ist die zeitgenössische Kunst der Türkei international ein Begriff. In diesem Jahr organisierte Sotheby’s erstmals eine Sonderauktion für türkische Kunst. Dass die Szene attraktiv ist, beweist auch die Tatsache, dass 2016 gemäss Artprice die Türkei den 15. Rang im weltweiten Palmarès der Verkäufe einnahm.

Die Künstler, die sich auf eine strikte Trennung von Kirche und Staat berufen, beschäftigen sich mit Themen wie öffentlicher Raum, gesellschaftliche Gewalt, Gender und Minoritäten sowie Migration. Der Krieg im angrenzenden Syrien ist ein wichtiges Thema.

Der Einfluss von Berlin und London ist bald ebenso gross wie der von Teheran und Bagdad. Typisch für den Orientalismus sind intensive Farben und Techniken – Mosaike – und bei einigen Künstlern eine Poesie, die an 1001 Nacht erinnert.

Deutsch-türkische Fotograf sorgt für Skandal

Burhan Dogançay gilt als Patriarch der heutigen Kunstszene. 2013 im Alter von 84 Jahren gestorben, war er ein Pionier der Street Art, der schon ab 1960 Graffiti und Stadtmauern zu einem faszinierenden Phänomen machte. Der bekannte deutsch-türkische Fotograf Taner Ceylan sorgte für einen Skandal mit der hyperrealistischen Bearbeitung des berühmten Gemäldes von Gustave Courbet «Ursprung der Welt» und dessen realistischer Darstellung des weiblichen Geschlechts.

Ceylans Oeuvre erzielte bei Sotheby’s in London einen Rekordpreis. Die in Kalifornien lebende Canan Tolon malt mit organischen Materialien wie Gras oder Rost «abwesende Landschaften». In ihren abstrakten Bildern setzt sie sich mit den Themen Erinnerung und Zeit auseinander.

Zu erwähnen sind auch zwei Künstler, die an der letzten Biennale Aufmerksamkeit erregten. Die Plastikerin Gözde Ilkin, die Textilien zu Patchworks verarbeitet, die Ikonen wie die Beatles oder Szenen aus ihrem eigenen Leben darstellen.

Und Vokan Aslan, der mit recycelten Materialien seltsame Porzellanpuppen kreiert. Er sagt: «Istanbul ist für Künstler ein sehr inspirierender Ort, nicht zuletzt dank dem Bosporus, in dem das Wasser zweier Kontinente fliesst. Man kann es bedauern, dass die Regierung uns nicht unterstützt.

Anderseits müssen wir nicht kostbare Zeit mit dem Ausfüllen von Formularen verschwenden. Und wir fühlen uns so freier». Da die Kultur ohne jede öffentliche Unterstützung auskommen muss, ist die Kunstszene vollständig von Geldern abhängig, die von reichen Industriellen und Geschäftsleuten des Landes stammen.

Die türkischen Medien bezeichnen diese Mäzene überschwänglich als «Medici», in Erinnerung an die legendäre florentinische Kunstfördererfamilie im 15. Jahrhundert. So kann die Biennale dank Unterstützung der Familie Eczacibasi stattfinden, die in der Pharmazeutikund der Baubranche reich geworden ist.

Der Clan hat auch das erste Museum für zeitgenössische Kunst gegründet, das prachtvolle Istanbul Modern am Ufer des Bosporus. Die Familie Koç, Besitzerin des gleichnamigen Banken- und Industriekonglomerats, steht hinter dem Museum Pera und der Galerie Arter, während die Familie Sahenk ein historisches Gebäude im Herzen von Istanbul renoviert und darin das dynamische Kulturzentrum SALT untergebracht hat.

Auch die Familie Sabanci hat ein Museum eröffnet, das sowohl internationale Grössen der modernen Kunst wie den Chinesen Ai Weiwei oder den Inder Anish Kapoor als auch Werke von Monet oder Miró usw. ausstellt.