Märkte / Makro

Italiens Börsen unter Druck – Angst vor Neuwahlen

Investoren sind vom Scheitern der Regierungskoalition enttäuscht. Der Leitindex in Mailand erleidet einen deutlichen Verlust.

(Reuters) Aus Sorge um ein politisches Chaos in Italien haben Anleger dort am Dienstag die Flucht ergriffen. «Das ist kein guter Tag für italienische Wertpapiere», sagte Carlo Franchini, Chef der Geschäftskundensparte der Banca Ifigest. «An den Märkten macht sich die Angst vor Neuwahlen breit.»

Anleihenexperte Neil Mellor vom Brokerhaus BNY Mellon sieht die Entwicklungen in Italien als eines der grössten Risiken derzeit für die weltweiten Bondmärkte. Das Land hat eine der höchsten Schuldenquoten in Europa. Auch am Devisenmarkt war die Sorge spürbar: Der Euro verbilligte sich auf 1,1879 $.

Der Leitindex der Mailänder Börse sauste um 2,4% auf 23’950 Punkte nach unten stand vor dem grössten Tagesverlust seit den jüngsten Wahlen Anfang März. Unter den grössten Verlierern waren Aktien von Banken. Die italienischen Geldhäuser ächzen unter einem massiven Schuldenberg.

Sie könnten Experten zufolge durch politische Probleme und eine dadurch drohende wirtschaftliche Delle noch stärker in die Bredouille geraten. Bper Banca, Banco BPM, Finecobank, UBI Banca und Unicredit verloren zwischen 3 und 6% und waren unter den schwächsten Aktienwerten im Stoxx 600 (SXXP 394.67 -0.28%). Der italienische Bankenindex fiel 3% auf den tiefsten Stand seit drei Wochen.

Auch italienische Staatsanleihen flogen in hohem Bogen aus den Depots. Die Rendite der zehnjährigen Titel stieg im Gegenzug auf ein Sechs-Wochen-Hoch von 1,83%. Der Renditeabstand zur vergleichbaren Bundesanleihe kletterte auf den höchsten Stand seit drei Wochen. Zugleich zogen die Kosten für die Absicherung gegen einen Zahlungsausfall bei italienischen Anleihen ebenfalls deutlich an.

Die Bemühungen zur Bildung einer Regierungskoalition in Italien sind gescheitert. Präsident Sergio Mattarella warb für eine Expertenregierung, die bis Ende 2018 im Amt bleiben soll. Die populistische 5-Sterne-Bewegung und die rechtsextreme Lega lehnen diesen Vorschlag aber ab und fordern eine neue Wahl im Juli.

«Römisches Theater»

Anleihen-Experte Daniel Lenz von der DZ Bank führte in einer Studie mit dem Titel «Römisches Theater» aus, für die Märkte wäre die beste Lösung, wenn es zu einer Expertenregierung käme und diese möglichst lange im Amt bliebe. «Dies würde zum einen die politische Unsicherheit zumindest übergangsweise reduzieren, zum anderen könnte dies verhindern, dass eine weniger berechenbare Regierung populistischer Kräfte die Amtsgeschäfte führte.» Lenz riet dazu, italienische Bonds im Portfolio unterzugewichten, da bei Laufzeiten über fünf Jahren weitere Ausweitungen der Risikoaufschläge zu erwarten seien.

Auch Investmentstratege Lyn Graham-Taylor von der Rabobank riet zu Vorsicht, sollte es tatsächlich zu baldigen Neuwahlen kommen. Die 5-Sterne-Bewegung und die Lega hätten in Umfragen derzeit noch mehr Zuspruch von Wählern als beim Urnengang im März. Beide Parteien gelten als Euro-kritisch.

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