Märkte / Makro

IWF: Finanzmärkte könnten Weltwirtschaft erschüttern

Der Internationale Währungsfonds präsentiert seinen neuen Bericht zur globalen Finanzstabilität. Die Schwellenländer sind nun das schwächste Glied.

Es gibt Grund zur Sorge: «Die globale Finanzstabilität ist nicht gewährleistet und Abwärtsrisiken bestehen weiter», rapportiert José Viñals vom Internationalen Währungsfonds (IWF). Viñals ist Direktor der Abteilung Geld und Kapitalmarkt beim IWF. Er stellte heute den Bericht zur Globalen Finanzstabilität (GFSR) vor.

Die Risiken seien von den Industrieländern hin zu den Schwellenländern gewandert. «Das Wachstum verlangsamt sich dort das fünfte Jahr in Folge, der Rohstoff-Superzyklus und nie da gewesene Kreditbooms kommen zu einem Ende», sagt Viñals. Dagegen würden sich die Industrieländer robuster als im letzten Bericht präsentieren.

Drei Risiken sieht der IWF:
– die Anfälligkeit der Schwellenländer,
– das schwierige Erbe aus der Krise für die Industrieländer und
– die Belastungsfähigkeit der weltweiten Finanzmärkte.

1. Die Anfälligkeit der Schwellenländer
Die Schwellenländer sind um 3000 Milliarden $ überschuldet, schätzt der IWF. Viñals erklärt: Unternehmen in Schwellenländern seien Konjunkturschwächen nun stärker ausgeliefert. Die Emerging Markets seien Kapitalabflüssen und einer Verschlechterung ihrer Kreditbonität ausgesetzt. Besonders China müsse einen schwierigen Balanceakt meistern, sagt der IWF-Direktor: «Das Land muss zu einem konsumgetriebenen Wachstum finden und dabei die Konjunktur nicht zu stark abkühlen lassen.» Gleichzeitig müsse «die hohe Verschuldung geordnet abgebaut werden und das System marktbasierter werden.»

Die Anfälligkeit sieht man beim Kreditzyklus. Während die Eurozone ihre Bankbilanzen repariert und sich die USA in der Expansionszone befindet, wurde in den Schwellenländern die Spitze des Zyklus erreicht oder schon überschritten.

Grafik2_Kreditzyklus

Quelle: Internationaler Währungsfonds

2. Das schwierige Erbe der Industrieländer
Die Industrieländer müssten ihre Finanzstabilität und Wirtschaftswachstum sicherstellen. Die Eurozone habe bei der Anfälligkeit der Staaten und Banken weitere Arbeit zu leisten. Der geplante Zinsanstieg in den USA sei eine wichtige Umstellung für die weltweiten Finanzmärkte.

3. Belastungsfähigkeit der Märkte
«Märkte können Schocks vergrössern», sagt Viñals. «Sie sind Quelle von Volatilität und Ansteckungen, wenn die Marktliquidität niedrig ist.» Der IWF kommt zum Schluss, dass die Liquidität der Märkte weniger widerstandsfähig geworden sei. «Die äusserst lockere Geldpolitik hat dazu geführt, dass die Risikoprämien in vielen Märkten stark gesunken sind», schreibt der IWF in seinem Bericht. So könnte die angepeilte Erhöhung der Leitzinsen in den USA diese Risikoprämien schnell steigen lassen.

Wie anfällig die Märkte geworden sind, zeigt diese Grafik. Seit der Finanzkrise ist die Korrelation (Gleichläufigkeit) zwischen Anlageklassen deutlich höher als vor der Krise. Je roter die Grafik, desto höher ist die Korrelation. Die Gleichläufigkeit zwischen Anleihen, Aktien, Schwellenländeranlagen und Rohstoffen ist nun ständig so hoch, wie es früher nur in Krisenzeiten der Fall war.

5_AnfälligkeitMärkteQuelle: Internationaler Währungsfonds

Nicht nur die Gleichläufigkeit der Märkte macht dem IWF Sorgen. Auch Anlagefonds könnten die Finanzmarktstabilität gefährden. Sie würden Anleihenfonds immer mehr Derivate verwenden und damit ihr Exposure hebeln. 13% der weltweiten Anleihenfonds würden schon Derivate verwenden, mit einem Anlagevolumen von 900 Mrd. $. Falls Verluste auf die Anleihen anfallen, würden diese durch die Derivate vervielfacht. Die Fonds wären gezwungen noch mehr als ohne Derivate zu verkaufen und damit einen Teufelskreis aus fallenden Kursen und weiteren Verkäufen anheizen.

Erschütterung der Finanzmärkte

Der IWF hat ein Risiko-Szenario durchdacht, wie sich eine Erschütterung der Finanzmärkte weltweit auswirken könnte.

Das Szenario besteht aus drei Faktoren:

1. Die Risikoprämien vergrössern sich abrupt.
2. In den Schwellenländern gibt es Kreditausfälle.
3. Die Risikobereitschaft nimmt weltweit ab.

1. Die Risikoprämien
Eine Risikoprämie ist die Zusatzrendite, die Anlagen mit mehr Risiko einbringen. Steigen die Prämien, sinken gleichzeitig die Preise für riskante Anlageklassen. Der IWF erwartet, dass in diesem Umfeld die Liquidität der Finanzmärkte austrocknet – das verstärkt die Folgen des Anstiegs der Prämien. Im Szenario des Währungsfonds wird angenommen, dass die Renditen für langfristige Staatsanleihen und Unternehmensanleihen bis zu einem Prozentpunkt ansteigen würden. Gleichzeitig würden die Aktienkurse um 20% einbrechen.

2. Die Schwellenländer
In den Schwellenländern steigen die Ausfallraten der Kreditnehmer. Die Häufigkeit, dass dort Kredite ausfallen, würde je nach Land bis zu 4,5 Prozentpunkte ansteigen. Insgesamt steigt die Quote der Zahlungsausfälle um 2 Prozentpunkte.

3. Wirtschaftliches Risiko wird gescheut
Die Realwirtschaft reagiert auf die Finanzmärkte. Privatinvestitionen nehmen weltweit um 0,5% ab. Der private Konsum sinkt um 0,125%.

Die Effekte eines solchen Szenarios würden sich auf die Konjunktur auswirken. Die Staatshaushalte müssen grössere Defizite fahren, und die Zentralbanken müssen noch einmal – soweit möglich – die Zinsen senken. Die Banken müssen mit einer schwächeren Kapitalausstattung zurechtkommen. Im Vergleich zum Basisszenario fällt die weltweite Wirtschaftsleistung bis 2017 um 2,4% niedriger aus. Die Preise für Energierohstoffe fallen um 23%, die anderen Rohstoffe um 12%.

Die Karte zeigt die Entwicklung der Wirtschaftsleistung bis 2017 zum Basisszenario. Besonders stark wären Südeuropa und Japan betroffen.

Output2017

Quelle: Internationaler Währungsfonds

Gleichzeitig sinkt die Eigenkapitalausstattung der Banken in den Schwellenländern. Ein Rückgang von mehr als 3% für Brasilien, die Türkei, China und Indien ist sehr viel. Die Eigenkapitalquote beträgt etwa für die grossen chinesischen Banken um die 12%. Die Finanzinstitute wären gezwungen, Kapital aufzunehmen oder ihre Kreditvergabe zu kürzen.

Banken

Quelle: Internationaler Währungsfonds

Die Verschuldung vieler Staaten würde weiter steigen. Besonders stark wäre Japan betroffen, das schon die grösste Staatsverschuldung der Welt aufweist.

Schulden

Quelle: Internationaler Währungsfonds

Märkte sind Risiko für die Weltwirtschaft

Das Risikoszenario des Währungsfonds kann Angst machen. Denn es braucht nicht einmal einen grossen Schock, um die fragile Weltwirtschaft zu erschüttern. Eine Neuordnung an den Finanzmärkten reicht laut dem IWF-Szenario aus, die Welt in eine neue Rezession zu stürzen. Der IWF warnt damit indirekt vor den Nebenwirkungen der lockeren Geldpolitik der meisten Zentralbanken. Denn sie ermöglichte erst eine immer grössere Risikobereitschaft der Investoren – und sorgt so für zu hohe Preise an den Finanzmärkten. Scheuen die Anleger eines Tages das Risiko, können die Märkte radikal reagieren.