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IWF: Umverteilung schadet Wachstum nicht

Ökonomen des Internationalen Währungsfonds untersuchten den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Wirtschaftswachstum. Eine gleichere Einkommensverteilung ist besser.

Alexander Trentin

Die Ungleichheit bei der Einkommensverteilung nimmt in vielen Ländern zu. So ist der zur Messung von Einkommensungleichheit herangezogene Gini-Koeffizient in den USA in den vergangenen Jahrzehnten stetig gestiegen. Je höher der Gini-Koeffizient, desto Ungleicher die Einommensverteilung (von 0 bis 1).

Graph of Income Gini Ratio for Households by Race of Householder, All Races

Quelle: St. Louis Fed

Viele Ökonomen sehen ein «Winner Takes It All»-Prinzip am Werk. Mit mehr Technologie und fortschreitender Globalisierung können hochqualifizierte Arbeitnehmer immer mehr verdienen, während niedrig qualifizierte immer schlechter entschädigt werden.

Die Frage, ob ein Staat mehr vom Einkommen umverteilen sollte, wird dadurch brisant. Ein Hauptargument gegen die Umverteilung ist, dass es das Wirtschaftswachstum beeinträchtigen könnte. So könnten höhere Steuern und Abgaben, die für die Umverteilung notwendig sind, die Leistungsbereitschaft senken.

Nun haben sich Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) dem Thema angenommen. In einer neuen Studie betrachten sie über verschiedene Länder den Zusammenhang zwischen Umverteilung, Gleichheit und Wachstum. Zwei Grafiken nehmen ihr Fazit eigentlich schon vorweg.

1. Je gleichmässig verteilter das Einkommen (nach der Umverteilung durch Steuern und direkte Zahlungen) ist, desto höher das Wachstum über die nächsten zehn Jahre.

Die Punktewolke über verschiedene Länder und Zeiten zeigt die negative Korrelation zwischen Wachstum und Ungleichheit:

Quelle: Ostry, Berg und Tsangarides (2014)

2. Es lässt sich kein negativer Zusammenhang zwischen Umverteilung und Wachstum nachweisen. Wenn überhaupt, ist die Korrelation positiv. Die Trendlinie ist fast vollständig gerade.

Quelle: Ostry, Berg und Tsangarides (2014)

Diese Zusammenhänge in der Punktewolke sind natürlich nur naiv betrachtet. Doch auch unter Anwendung eines komplizierteren Modells kommen die Autoren zu einem ähnlichen Ergebnis. Ungleichheit beeinträchtigt das Wachstum einer Wirtschaft. Und Umverteilung hat keine negativen Folgen für das Wachstum.

Es kommt demnach auch nicht darauf an, ob die Umverteilung bei extremen oder weniger extremen Ungleichheitsgraden angewendet wird.

Doch die Autoren warnen, aus ihren Ergebnissen gleich einen Politikvorschlag zu konstruieren. So wurden zur Umverteilung nur Auswirkungen der Steuerbelastung und Direktzahlungen berücksichtigt. Indirekte Hilfen für einkommensschwache Bevölkerungskreise sind nicht eingeschlossen, etwa durch ein staatlich finanziertes Gesundheits- und Bildungsangebot.

Trotz dieser Einschränkung meinen die Ökonomen:

Nichtdestotrotz sehen wir ein wichtiges, positives Ergebnis unserer Sicht auf die grossen Zusammenhänge. Extreme Vorsicht bei der Umverteilung – und damit Nichthandeln – ist in vielen Fällen kaum passend. Im Mittel, über verschiedene Länder und Zeiträume, scheinen die Dinge, die von Regierungen typischerweise zur Umverteilung unternommen wurden,  keine schlechten Wachstumsergebnisse gebracht zu haben. Ausser sie waren extrem. Und die daraus entstandene Verkleinerung der Ungleichheit hat geholfen, ein schnelleres und länger anhaltendes Wachstum zu unterstützen, ganz abgesehen von ethischen, politischen und weiteren sozialen Betrachtungen.

Zumindest hat der IWF dem Plädoyer für mehr Umverteilung neue Munition gegeben. Das Thema wird wohl eine der wichtigsten Fragen für die Wirtschaftspolitik und die ökonomische Forschung bleiben.

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