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Alibaba verliert Vordenker

Der Gründer des chinesischen Internetkonzerns tritt ab. Die Rolle Pekings dabei bleibt unklar.

Der Showmaster tritt ab. Mit Jack Ma (54) verliert der chinesische Internetkonzern Alibaba (BABA 146.98 2.91%) im nächsten Jahr seinen Mitgründer, ehemaligen CEO, aktuellen und aktiven Verwaltungsratspräsidenten, prominentesten Fürsprecher und das im Westen bekannteste Gesicht. Ihm folgt Daniel Zhang, 46, ein ausgewiesener Geschäftsmann (siehe auch S. 17), der in die Fussstapfen von Ma noch hineinwachsen muss. Anleger zeigten deutlich, was sie von dem bevorstehenden Wechsel halten: Sie straften die Aktien des Konzerns mit einem Kursverlust. Es zeigt sich wie auch in anderen Fällen Macht und Ohnmacht einzelner Manager an der Spitze von Konzernen.

Der Ex-Englischlehrer Jack Ma startete 1999 mit Kollegen das Unternehmen – wie es sich für die IT-Branche gehört, zunächst im eigenen Wohnzimmer. Zum zehnten Geburtstag von Alibaba zogen sich die siebzehn anderen der Gründerbande zurück. Ma hat nicht lange unterrichtet. Mitte der Neunzigerjahre gründete er sein erstes Internetunternehmen. Hinter dem späteren Alibaba stand die Idee, einheimische Produzenten mit Händlern im Westen zusammenzubringen. Mit Erfolg: Alibaba gilt inzwischen als wertvollstes Unternehmen der Region.

Geplante Überraschung

Der Rücktritt von Ma kam überraschend –  und war wohl doch von langer Hand vorbereitet. Schon im Geschäftsbericht Ende Juli hiess es, Ma werde seine umfassenden Kontrollrechte reduzieren, die er trotz eines Anteils von nur 6% am Unternehmen innehat. Vergangenen Freitag kündigte der Unternehmensgründer den Schritt in einem Interview mit der «New York Times» an. Am Wochenende wurde die Story vom Unternehmen selbst noch dementiert, Anfang dieser Woche dann verschickte Ma eine persönliche Nachricht an Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre. «Bei Alibaba ging es nie um Jack Ma – aber Jack Ma wird immer zu Alibaba gehören», schrieb er unter anderem.

Und damit wurde er seinem öffentlichkeitswirksamen ebenso wie seinem diplomatischen Ruf gerecht. Denn nur bis zum Jahr 2020 wird er noch dem Verwaltungsrat von Alibaba angehören. Unklar ist, welche Rolle staatliche Stellen bei seiner Demission gespielt haben. Die Führung in Peking sieht den Erfolg privater Internetkonzerne im Land durchaus kritisch. Den geplanten Börsengang der Alibaba-Tochter Ant Financial zumindest hat Peking durch Auflagen torpediert.

Auf das Geschäft von Alibaba werde der geplante Abgang von Ma wohl begrenzte Folgen haben, urteilt das Internet-Team des Wertschriftenhauses Nomura. Positiv werten die Analysten die stabile Managementstruktur des 420-Mrd.-$-Konzerns durch ein Gremium von 36 Partnern. Hierin sitzen neben Ma wichtige Führungskräfte des Unternehmens. Sie haben unter anderem das Recht, den Verwaltungsrat zu benennen, obschon die Partner nicht unbedingt eine Beteiligung an Alibaba halten. Kritisch sehen die Nomura-Experten, dass mit Ma nun der wichtigste Verhandlungspartner mit der chinesischen Regierung von Bord gehe.

Besonnene Analysten

Ihre Einschätzung der Aktien, eine «Kaufen»-Empfehlung mit Kursziel von 224 $, liessen die Nomura-Analysten genau wie das Gros der anderen Marktbeobachter bestehen. So wichtig ist Ma dann doch nicht für Alibaba. Ein anderer Firmengründer in China hatte da in den vergangenen Tagen deutlich mehr Einfluss auf den Aktienkurs seines Unternehmens.

Fast 15% haben die Papiere des Online-Händlers JD.com (JD 22.39 1.73%) auf ein 18-Monats-Tief verloren. Gründer Richard Liu war Anfang des Monats vorrübergehend in den USA festgenommen worden wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung. Noch ist unklar, ob es zu einer Anklage kommt. Investoren befürchten wohl, dass JD.com ohne Liu seine aggressiven Expansionspläne nicht verfolgen kann. Bei JD.com zeigt sich ebenso wie bei Alibaba, dass dem Fokus der Geschicke eines Unternehmens auf wenige Personen Risiken innewohnen.

 

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