Etwas landeinwärts des südenglischen Küstenstädtchens Hastings steht die Battle Abbey bzw. was davon übrig ist. «Battle» fürwahr: Im Oktober 1066 starben dort mehrere tausend Angelsachsen und Normannen. Der Normannenfürst Wilhelm, genannt der Eroberer, soll auf Geheiss des Papstes mit der Errichtung der Abtei Busse getan haben für das Blutbad, das er angerichtet hatte.

Hastings, einst einer der grossen englischen «Cinque Ports», ist keine Metropole des Abendlandes, doch ein Schicksalsort. Was seinerzeit dort geschah, hatte epochale Auswirkungen. England und Frankreich wurden über Jahrhunderte aneinandergebunden. Das alte angelsächsische Königreich, wiewohl christlich und dem Kontinent keineswegs fern, hatte seine strategischen Prioritäten im Norden: Dänen, Norweger und Schotten standen stets vor den Toren bzw. im Land. Nach 1066 richtete sich der Blick nach Osten, zum anderen Ufer des Ärmelkanals. Der bevorstehende Brexit wird daran nichts ändern.

Anfang 1066 war Englands König Edward der Bekenner kinderlos gestorben, in jeder Monarchie ein existenzielles Problem und oft eine Konfliktursache. Zwar wurde der Fürst Harold Godwinson zum Nachfolger gekrönt, doch sein Bruder und der norwegische König Harald Hardrada taten sich gegen ihn zusammen. So musste Harold im Norden diese Feinde schlagen, just als eine Invasionsflotte aus der Normandie drohte – wo sich einst die Nachfahren romanisierter und christianisierter Wikinger niedergelassen und ein Herzogtum unter französischer Krone gegründet hatten. William the Conqueror, Guillaume le Conquérant, besiegte König Harold, der seine Armee aus der Gegend von York nach Sussex geführt hatte und in der Schlacht fiel. Nachdem Wilhelm auf dem Weg nach London letzte Widerstandsnester beseitigt hatte, liess er sich an Weihnachten 1066 in der Westminster Abbey krönen. Was folgte, war Beuteteilung unter Räubern – ein kompletter Elitentausch: Wenige tausend normannische Gefolgsleute erhielten von ihrem König und Lehensherrn Land und Titel und setzten sich in ganz England als die neuen Herren fest, auf Dauer. «1066» begründet ein Stück weit das chronische englische Misstrauen gegen vieles, was vom Festland kommt.

Der neue Adel sprach normannisches Französisch, das unterworfene Volk germanisches Angelsächsisch. Wortschatz lateinischen Ursprungs floss en masse in die Umgangssprache ein. So bildete sich über die Jahrhunderte das germanisch-romanische Hybrid, das heute die Lingua franca der Welt ist. Es ist gerade diese Mixtur, die das moderne Englisch besonders europäisch macht. Der britische Kolonialismus und die Ausstrahlung Amerikas haben dieser Folge von Hastings Weltgeltung verschafft. Sogar nach dem Brexit wird Englisch die wichtigste Verkehrssprache in den EU-Gremien bleiben, obwohl dann nur noch die Iren als Muttersprache Englisch anführen werden. Hätte Harold seinerzeit gesiegt, so wäre die Welt sprachlich und kulturell heute eine ganz andere, ärmere.

Der Hamburger Anglist Dietrich Schwanitz bezeichnete William Shakespeare als den «Dichter aller Dichter und Dramatiker aller Dramatiker», gar als den «kleinen Bruder Gottes, dessen Werk er am achten Schöpfungstag durch seine eigene poetische Schöpfung verdoppelt» hat. Overdone? Rather not, I daresay.

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