Als das lateinische Rom unterging, übernahm das griechische. Kaiser Konstantin der Grosse residierte im 4. Jahrhundert in Byzanz, das er als Nova Roma bezeichnete. Nach seinem Tod wurde die Stadt in Constantinopolis umbenannt und blieb bis 1453 Hauptstadt des Oströmischen Reichs.

Dass es eben ein anderes, ein hellenistisches Rom gab, das erst noch bis in die frühe Neuzeit bestand, geht im Westen des Kontinents oft vergessen. Dieses griechischsprachige Reich – dessen Bewohner sich Rhomaioi, Römer, nannten – entwickelte zunehmend eine eigene Ausprägung des christlichen Glaubens. Das führte 1054 zum «morgenländischen Schisma», zur Trennung der römisch-katholischen Konfession im Westen von der griechisch-orthodoxen im Osten. Das Christentum war also bereits ein halbes Jahrtausend vor Luther und den anderen Reformatoren gespalten. Die griechische Lehre breitete sich, ausgehend von Konstantinopel, im Balkan und in Osteuropa aus, mitsamt der kyrillischen Schrift.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Europäische Union ausgerechnet mit Griechenland so viel Mühe und Kosten hat; auch das ganz orthodoxe Bulgarien und das mehrheitlich orthodoxe Rumänien scheinen erheblich schwieriger integrierbar zu sein als etwa die katholisch geprägten Staaten Slowenien oder die Slowakei, die den Euro übernommen haben und damit zurechtkommen, weit besser als Griechenland.

Die Entfremdung zwischen Ostrom und Europas Westen vertiefte sich entscheidend im Vierten Kreuzzug; 1204 plünderten fränkische und venezianische Kreuzritter die prächtigste Metropole der Christenheit und errichteten auf den Staatstrümmern das kurzlebige Lateinische Kaiserreich. 1261 gelang Michael VIII. Palaiologos die Rückeroberung. Doch Konstantinopel war dauerhaft geschwächt und das Verhältnis zum lateinischen Europa zerrüttet. «Lieber den Sultansturban als den Kardinalshut», hiess es bei den Rhomäern, die zunehmend von Türken bedrängt wurden. Der Schild Europas – das Reich hielt erst die Perser fern und widerstand lange der islamischen Expansion, hatte nur noch knapp zwei Jahrhunderte die Kraft, um die Südostflanke des Kontinents zu schützen.

Die Kurzsichtigkeit oder Einäugigkeit Westeuropas (durchaus eine historische Konstante) trug dazu bei, dass 1453 die Osmanen Konstantinopel einnehmen konnten. Sultan Mehmed II. besiegte Kaiser Konstantin XI. und machte «Istanbul» zur Hauptstadt seines Reichs, was sie bis 1923 blieb. Mehmed nannte sich fortan ganz selbstverständlich auch Kayser-i Rum, Kaiser der Römer.

Das Osmanische Reich setzte sich somit endgültig an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien fest (der europäische Teil wurde als Rumelien, Land der Rhomäer, bezeichnet) und verfügte damit über die Basis für die weitere Expansion. Erst nach der gescheiterten Belagerung von Wien 1683 gerieten die Osmanen in die Defensive. Europa bezahlte einen hohen Preis für seine Missachtung Konstantinopels.

Als «drittes Rom» übrigens versteht sich Moskau. Grossfürst Iwan III. heiratete 1472 die Nichte des letzten oströmischen Kaisers, Sofia Palaiologos, und führte fortan den Titel  «Bewahrer des byzantinischen Throns». Manche Rhomäer zog es nach Russland, das einzige nicht von den Osmanen beherrschte orthodoxe Reich. Andere zogen gen Westen, darunter etliche namhafte Gelehrte, die sich in Italien niederliessen. Sie brachten antike Schriften mit: Dieses Wissen war im lateinischen Westen in Vergessenheit geraten, jedoch in Byzanz – und in Arabien – bewahrt worden. Der Import aus dem Osten fand rasch Verbreitung, auch weil damals der Buchdruck aufkam. Der Zufluss antiker Gelehrsamkeit und griechischen Denkens trug so wesentlich zum Beginn von Renaissance und Humanismus im katholischen Europa bei – das waren also keine rein westeuropäischen Fortschritte. Umso weniger, als mit dem Vorankommen der Reconquista auf der Iberischen Halbinsel den Spaniern grosse Bibliotheken in die Hände fielen, mit den Werken griechischer und arabischer Autoren.

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