Meinungen

Japan wächst sich arm

Die Strategie von Premierminister Shinzo Abe für einen Neustart des Inselstaats ist ein Spiel mit den Erwartungen der Bevölkerung. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Alexander Trentin.

«Abes Reformen wirken nur, wenn sie die Bevölkerungsentwicklung umdrehen können. »

Nach dem Tsunami 2011 hatte das japanische Wahlvolk seinen neuen Heilsbringer mit offenen Armen empfangen. Shinzo Abe, seit nun einem Jahr Premierminister, versucht alles, um seinem Land Hoffnung zu geben. Er verspricht, dass seine ambi­tionierte Wirtschaftsstrategie Japan aus einer Ära der ­Deflation und Stagnation führen werde. Das nun oft «Abenomics» getaufte Programm kombiniert eine lockere Geldpolitik, Stimulusprogramme auf Staatskosten sowie Strukturreformen, um der verkrusteten Wirtschaft des Inselstaats einen Wachstumsimpuls geben. Nach seinem Sieg in den Oberhauswahlen im September hat Abe nun freie Fahrt für sein Programm – «zu dem es keine Alternative gibt», wie er immer wieder betont.

Der Aktienmarkt liebte anfangs Abes Strategie. Der Nikkei begann schon allein mit der Aussicht auf seine Wahl zum Premier eine Rally. Seit November vergangenen Jahres bis Mitte Mai dieses Jahres ist der Index 80% gestiegen. Ein Grund dafür ist die simultane Abwertung des Yens, der angesichts der überexpansiven Geldpolitik der Bank of Japan im gleichen Zeitraum zum Dollar 30% billiger wurde. Seitdem scheint die Euphorie etwas ver­flogen; Währung und Aktien schwanken richtungslos. Klar ist aber: Der verbilligte Yen hilft den Exporteuren. Gleichzeitig soll die lockere Geldpolitik die Inflations­erwartungen der japanischen Bürger steigern.

Die Idee dahinter: Wer mit einem Wertverfall der ­Währung rechnet, konsumiert lieber als dass er spart. Das würde auch den nicht-exportorientierten Unternehmen helfen. Das einfache Modell der Regierung: Höhere Nachfrage durch das Ausland, Privathaushalte und Staat sorgen für neue Jobs, die Löhne steigen und dadurch wiederum der Konsum. Strukturelle Reformen wie die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, die Einführung deregulierter Sonderwirtschaftszonen und bessere Kinderbetreuung sollen zusätzlichen Effizienzgewinn bringen. In dieser Modellwelt werden alle reicher – mit höheren Gewinnen für die Unternehmen, höheren Einkommen für die Privaten und höheren Einnahmen für den Staat, damit der seinen riesigen Schuldenberg abbauen kann.

Falsche Diagnose gestellt

Wer sich angesichts dieses positiven Kreislaufs teilweise an die Lehre des britischen Ökonomen John Maynard Keynes erinnert fühlt, der liegt richtig. Abe will dessen ­Rezepte gegen die Grosse Depression in den Dreissigerjahren nutzen, um Japans Wirtschaft wieder zum Glänzen zu bringen. Doch die Pläne des Premiers zur Wieder­geburt eines starken Japans werden kaum aufgehen wie gewünscht: Keynes’ Rezepte wurden für eine ganz andere Krankheit entwickelt als die, unter der Japan leidet.

Keynes’ Stimuluspolitik würde nur bei einer bestimmten Diagnose wirken: Wenn die Konjunktur durch den Pessimismus der Wirtschaftsakteure unter ihrem Potenzial gehalten wird. In dieser Situation können staatliche Ausgaben eine neue Dynamik anregen. Doch anders als etwa in den USA der Dreissigerjahre, ist in Japan das niedrige Wachstum in erster Linie ein strukturelles Phänomen. Was oft verkannt wird: Deflation, niedrige Zinsen und schwaches Wachstum seit Anfang der Neunzigerjahre sind in Nippon nicht auf übermässig pessimistische Wirtschaftssubjekte zurückzuführen. Sicherlich hat etwa das Finanzsystem mit den berühmten «Zombie-Banken» – Geldhäuser, die wegen vieler notleidender Kredite in der Bilanz keine neuen Ausleihungen wagen wollten – nicht zum Wachstum beigetragen. Und die Überregulierung hat ohne Frage neue Unternehmensideen blockiert. Doch eine viel grundlegendere Kraft erklärt die Stagnation in Japan: Die Überalterung der Gesellschaft.

In einem Land, in dem die Bevölkerung seit drei Jahren schrumpft und wo sich dieser Trend in den nächsten ­Jahren wohl beschleunigen wird, sind Deflation und ­niedrige Zinsen eine logische Folge. Je älter die Gesellschaft wird, desto weniger konsumiert sie. Denn zum einen gibt es kaum Hoffnung auf höhere Einkommen, da die Wirtschaft zusammen mit der arbeitenden Bevölkerung schrumpft. Zum anderen muss gespart werden, weil die staatlichen Umlagerenten wegen der kleiner werdenden Zahl von Erwerbstätigen sinken. Die hohen Ersparnisse drücken die Zinsen – den Marktpreis für Liquidität. Dafür investieren die japanischen Unternehmen gerne in anderen Staaten und erhöhen damit das Auslandsver­mögen des Landes. Im Gegenzug fliesst Einkommen von den Auslandsanlagen nach Japan, was den Aussenwert des Yens vor der Wahl von Abe stützte – trotz eines Handels­defizits. Die Inflation hatte vor Abe wegen des stabilen Yens und des kaum wachsenden Konsums keine Chance.

Gleichgewicht für Seniorengesellschaft

Dieses ökonomische Gleichgewicht passt auf eine ­alternde Gesellschaft. Übertragen auf das Beispiel einer Einzelperson, lebt man an seinem Lebensabend von den Ersparnissen. Man produziert weniger und konsumiert das, was andere herstellen. Je höher der Wert der eigenen Ersparnisse – für Japan ist das der Aussenwert des Yens –, desto mehr kann sich ein Senior leisten.

Natürlich ist das keine ideale Lösung für die ganze ­Bevölkerung: Bitter sind solche Umstände in Japan für all die, die noch nicht Senioren sind. Ihre Löhne und Aufstiegschancen leiden unter dem Umstand, dass die Wirtschaft lieber im Ausland produziert. Die dominierende Bevölkerungsgruppe (im Rentenalter oder in langjährigen Arbeitsverhältnissen) hat ihre Pfründe gesichert und Strukturreformen unterbunden. Die Jungen müssen sich dagegen oft mit Teilzeitstellen oder Jobs auf Zeit zufrieden geben – in einem Umfeld, das bislang wenig Hoffnung auf Besserung versprach. Kein Wunder, dass nur wenige Kinder kriegen wollen: Wie soll der Familienunterhalt gesichert werden bei niedrig bezahlten, unsicheren Arbeitsverhältnissen und kaum vorhandener Kinderbetreuung?

Vermögen wird vernichtet

Die neue Regierungspolitik will den Jungen wieder ­Hoffnung geben. Doch diese Hoffnung könnte bald ­enttäuscht werden: Japans Vermögen wird durch Abes Politik vernichtet. Rücklagen für kommende, noch schwierigere Zeiten mit mehr und mehr alten Menschen werden aufgebraucht. Während einige Unternehmen von zusätzlichen Exporten profitieren, sieht es für die breite Masse düster aus: Bisher gibt es wenig Hinweise auf nachhaltig höhere Löhne. Und die künstlich angefachte ­Exportdynamik scheint schon an Grenzen zu stossen: Die Handelsbilanz erreichte – auch wegen zurückgehender Ausfuhren – im September saisonal bereinigt ein Rekorddefizit. Die Inflation steigt zwar, aber nicht weil – wie gewollt – die Konsumenten viel positiver in die Zukunft blicken, sondern weil der schwache Yen die Preise für importierte Lebensmittel und Energie nach oben treibt. Gleichzeitig häuft der Staat weiter Schulden an, obwohl die Verbindlichkeiten schon klar über dem Doppelten der jähr­lichen Wirtschaftsleistung liegen; mit den Olympischen Spielen 2020 werden sie noch mehr steigen. Die Hoffnung der Politiker seit Jahrzehnten: Das damit angestossene Wachstum werde die Ausgaben schon rechtfertigen.

Abes Reformen wirken nur, wenn sie die Bevölkerungsentwicklung umdrehen können. Nur wenn die jungen Japaner an eine günstige Zukunft glauben, werden sie mehr Kinder haben – das langfristig einzige Mittel gegen das Schrumpfen der Wirtschaft. Der Premier spekuliert darauf, die Erwartungen der Bevölkerung vollständig umzukehren. Der Optimismus muss so stark angeregt werden, dass der demografische Abwärtstrend aufgehalten wird. Ohne solch eine komplette Kursdrehung wird die nun so hoch gelobte Inflation am Ende der eigenen Bevölkerung schaden. Statt einen positiven Kreislauf auszulösen, würde das kurzfristig angeheizte Wachstum verpuffen. Die Kaufkraft bliebe auf Dauer niedrig, denn die billige Währung könnte weniger Energie und Importgüter auf dem Weltmarkt kaufen. Die Perspektive für die nächsten Generationen wäre noch düsterer, wegen der schnell gewachsenen Staatsschulden. Nur die – noch nicht feststehenden – Strukturreformen könnten der Wirtschaft etwas mehr Wachstum eintragen. Doch ein Allheilmittel gegen den demografischen Trend sind auch sie nicht.

Leser-Kommentare

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.
Markus Saurer 29.10.2013 - 17:00

Diese ebenso interessante wie plausible Analyse hebt sich äusserst wohltuend von den Rufen nach mehr Inflation im TA ab!

Johannes Igel 31.10.2013 - 12:09

Kann man dem Kompliment des Herrn Saurer nur anschließen.
Meinen Glückwunsch.