Meinungen

Japans verkannte Stärken

Die insulare Lage, die kulturelle Eigenständigkeit und der einzigartige Gesellschaftsvertrag ermöglichen es Japan, auch in Zeiten der Globalisierung eigene Wege zu gehen. Ein Kommentar von Urs Schoettli.

Urs Schoettli
«Wiederholt hat sich der nationale Zusammenhalt als grosser Vorteil erwiesen.»

Ein Sonderfall zu sein – das nimmt jedes Land für sich in Anspruch. Im Fall von Japan trifft dies in hohem Mass zu. Im Mittelpunkt steht ein einzigartiger Gesellschaftsvertrag, der dem Land eine bemerkenswerte Stabilität verleiht und der seine häufig verkannten Stärken umfasst. Manche können sich noch an die Zeiten der Japaneuphorie in den Achtzigerjahren erinnern. Damals wurden Bücher und Studien zu Bestsellern, die prophezeiten, dass «Japan Inc.» über die Chipindustrie die Welt kontrollieren werde. Dann platzte Ende 1989 die Spekulationsblase, und von da an war für viele Japan zur ewigen Stagnation verurteilt. Zur Marginalisierung Japans trug noch der rasante Aufstieg Chinas während der vergangenen drei Jahrzehnte bei.

Lange Zeit war Japan unter den Wirtschaftsmächten der Welt, die sich in der Trilateralen Kommission, in G-7 und G-8 trafen, der einzige asiatische Vertreter. Dies hat sich mit der G-20 und mit dem jüngsten Duopol der beiden Weltmächte USA und China noch akzentuiert. Erst wurde Japan bei den Währungsreserven durch China von der Weltspitze verdrängt, und schliesslich musste es den übermächtigen Nachbarn auch gemessen an der Wirtschaftsleistung vorbeiziehen lassen. Während Chinaforen Hochkonjunktur haben und inzwischen auch Indien internationale Präsenz zeigt, strahlt Japan nurmehr geringe Anziehungskraft aus.

Grosse Kohäsion

Japankritiker, deren es in den internationalen Medien viele gibt, begründen ihren Pessimismus mit dem im Vergleich zu China anämischen Wirtschaftswachstum, mit der hohen Staatsverschuldung, mit schwerwiegenden Strukturproblemen besonders im Zwischenhandel und im Agrarsektor sowie mit massiver Überalterung und sich beschleunigender Schrumpfung der japanischen Bevölkerung. In der Tat sehen diese Herausforderungen beängstigend aus, wenn man an Japan die bei westlichen Industriestaaten üblichen Massstäbe anlegt. Blickt man hinter die Kulissen, zeigen sich jedoch die wahren Stärken Japans, die mehr Zuversicht für die Zukunft des Landes nahelegen.

Japan hat einen umfassenden Gesellschaftsvertrag, der auf wechselseitigen Verpflichtungen zwischen den Bürgern und dem Staat beruht. Demzufolge sorgt der Staat für die Sicherheit, derweil die Menschen in ihrem Verhalten und ihrem Streben stets auch das Gesamtwohl im Visier haben und sich ihrer Stellung in der Gesellschaft bewusst sind. In diesem Sinne steht Japan in der Tradition des konfuzianischen Staatsverständnisses. Bereits im Kleinkindesalter wird der hohe Wert der Achtsamkeit und der Rücksichtnahme auf das Gemeinschaftsinteresse vermittelt. Später setzt sich dies in der Treue zum Unternehmen, in der politischen Akzeptanz sehr hoher Erbschaftssteuern und schliesslich in der Subskription der Staatsschuld fort.

Ein Ausdruck dieses Gesellschaftsvertrags ist auch die grosse politische Stabilität, die sich darin manifestiert, dass die Liberaldemokratische Partei (LDP) seit ihrer Gründung 1955 bis heute nicht weniger als 57 Jahre lang den Ministerpräsidenten gestellt hat. Massgebend für das Funktionieren des Gesellschaftsvertrags ist Japans grosse Kohäsion. Es gibt keine namhaften ethnischen, religiösen, sprachlichen und kulturellen Minderheiten. Darüber hinaus zählt sich der Durchschnittsjapaner zur Mittelschicht, und die Infrastruktur sowie die Lebensverhältnisse sind in diesem weitläufigen Inselstaat überall auf ähnlich hohem Niveau.

Unter Asiens volkreichsten Staaten hat Japan somit die bei weitem kohäsivste Bevölkerung. Wiederholt hat sich dieser nationale Zusammenhalt als von grossem Vorteil erwiesen, am eindrücklichsten wohl im Modernisierungsschub, den die Meiji-Restauration im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auslöste und der Japan in einer halben Generation vom Mittelalter ins Zeitalter der industriellen Revolution katapultierte. Auch der Wiederaufbau nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs und der Aufstieg der Industrie- und Technologienation Japan an die Weltspitze gehören zu den bedeutendsten kollektiven Leistungsausweisen des 20. Jahrhunderts.

Grenzen der Abenomics

Wie alles hat auch Japans aussergewöhnliche Kohäsion ihren Preis. Sie setzt zunächst voraus, dass Reformen und Innovationen, die die Geschlossenheit der japanischen Gesellschaft bedrohen könnten, sorgsam vermieden werden. Am eklatantesten ist dies bei der Immigration der Fall. Obschon die Bevölkerung rasch altert und schrumpft, will Japan keine namhafte Zuwanderung. In der ersten Hälfte 2017 hat es nur drei Flüchtlingen Asyl gewährt. Unter der Fahne von Abenomics hatte Ministerpräsident Shinzo Abe eine weitreichende Modernisierung der japanischen Wirtschaft angekündigt. Bezeichnenderweise warten jedoch Massnahmen, die wie beispielsweise bei der Öffnung von durchregulierten Märkten strukturelle Neuerungen zum Ziel haben, noch immer auf ihre Verwirklichung.

Abe kann und will nicht am bestehenden Gebäude anscheinend überfällige Renovationen vornehmen – aus Angst, damit die gesamte Statik in Mitleidenschaft zu ziehen. Übereilte Massnahmen können mehr Schaden anrichten als Nutzen bewirken.

Die insulare Lage, aber auch die bemerkenswerte kulturelle Eigenständigkeit ermöglichen es Japan, auch in Zeiten der allgemeinen Globalisierung seine eigenen Wege zu gehen. Etliche der Experten, die versucht haben, Nippon nach standardisierten Risikobeurteilungen zu bewerten und zu verstehen, sind in jüngster Zeit umgeschwenkt und haben die Nachhaltigkeit mancher der zuvor kritisierten japanischen Lösungen erkannt. Dies beginnt bei der Bewertung der Wirtschaftsleistung. Fragen tauchen auf, ob die üblichen Kriterien die wahre Stärke der japanischen Volkswirtschaft korrekt wiederzugeben vermögen. Dabei geht es durchaus nicht nur um immaterielle Aspekte der Lebensqualität, die sich in der Zufriedenheit der Menschen niederschlägt.

Empathie als zentraler Wert

Zu den Pfeilern des japanischen Gesellschaftsvertrags gehört Empathie, ein Wert, der von Kindsbeinen an eingeimpft wird. Dies schlägt sich in einer Reihe allgemeiner Verhaltensweisen nieder, die sich selbst dem kurzzeitigen Besucher Japans als Diszipliniertheit, Sorgsamkeit, öffentliche Sicherheit und Sauberkeit sowie allgemeines Pflichtbewusstsein offenbaren. Man denke, was allein an Kosten eingespart werden kann durch sorgsamen Umgang mit öffentlichen Gütern oder durch die niedrige Verbrechensrate. Der Japaner sieht mit Horror, wie gross die Gefängnispopulation in den USA ist, und blickt mit Erstaunen darauf, wie in westlichen Industriegesellschaften öffentliche Verkehrsmittel willentlich beschädigt oder schlecht unterhalten werden.

Natürlich zahlt man auch in Japan nicht mit Freuden Steuern und Abgaben. Auch gibt es viel und häufig berechtigte Kritik an ineffizienter Verwendung von Steuergeldern. Zu denken ist etwa an die üppige Subventionierung der Landwirtschaft oder an das öffentliche Füllhorn, von dem die als LDP-Klientel reichlich bedachte Bauwirtschaft profitiert. Doch grosso modo herrscht weitreichende Bereitschaft, der Gemeinschaft die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Unter anderem zeigt sich dies am Patriotismus des Steuersubstrats. Auch die sehr hohe Erbschaftsbesteuerung vermag die allgemeine Schollenbindung der Japaner nicht zu unterminieren. Nicht zuletzt dürfte sich darin auch das Wissen spiegeln, in einer sehr gefährlichen Umwelt zu leben. Die häufigen Naturkatastrophen, Erdbeben und Taifune, die Japan heimsuchen, schärfen natürlich das uralte Bewusstsein, im Notfall von der Gemeinschaft abhängig zu sein und nur dank ihr überleben zu können.

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