Märkte / Makro

Joachim Nagel übernimmt bei der Deutschen Bundesbank

Das frühere Bundesbankvorstandsmitglied Joachim Nagel wird Nachfolger von Jens Weidmann. Dafür verlässt der Ökonom die BIZ in Basel.

(Reuters) Der ehemalige Bundesbankvorstand Joachim Nagel soll Präsident der deutschen Zentralbank werden. Dies erfuhr Reuters am Montag aus Regierungskreisen. Nagel wird damit Nachfolger von Jens Weidmann, der Ende des Jahres seinen Posten vorzeitig räumt. Das «Handelsblatt» hatte zuvor berichtet, Bundeskanzler Olaf Scholz habe den 55-jährigen Volkswirt Nagel für den Posten vorgeschlagen. Von Insidern der Koalitionäre und aus Finanzkreisen war zuletzt bereits zu hören, Nagel habe beste Chancen auf die Nachfolge.

Regierungssprecher Steffen Hebestreit hatte am Freitag gesagt, er könne nicht versprechen, dass die Bundesbank-Personalie am Mittwoch im Kabinett sein werde. Er wollte sich zudem nicht zu möglichen Nachfolgern äussern.

Von Basel zurück nach Frankfurt

Für den promovierten Ökonomen und erfahrenen Währungshüter Joachim Nagel ist der Weg von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) an die Spitze der deutschen Notenbank in Frankfurt eine Rückkehr zur alten Wirkungsstätte. Denn der 55-Jährige, der in der internationalen Welt der Geldpolitik bestens verdrahtet ist, hat den grössten Teil seiner beruflichen Karriere bei der Bundesbank verbracht.

Der gebürtige Karlsruher durchlief insgesamt 17 Jahre lang bei der Bundesbank verschiedene Karrierestufen. Seine Wahl steht daher auch für eine gewisse Kontinuität an der Bundesbank-Spitze, wenn Amtsinhaber Jens Weidmann zum Jahreswechsel die Kommandobrücke vorzeitig verlässt. In einem Interview hatte er einmal gesagt, er wolle keinen Tag bei der deutschen Notenbank missen. Nagel studierte Volkswirtschaftslehre in seiner Heimatstadt. Vor seiner Promotion 1997 in Karlsruhe war er 1994 für kurze Zeit Referent für Wirtschaftspolitik und Finanzpolitik beim damaligen SPD-Parteivorstand in Bonn.

Nagels Laufbahn bei der Bundesbank begann 1999 als Leiter des Büros des Präsidenten der Landeszentralbank in Bremen, Niedersachen und Sachsen-Anhalt in Hannover. Dort erlebte er 2002 die Euro-Bargeldeinführung. Im Jahr darauf wechselte er in die Zentrale der deutschen Notenbank nach Frankfurt in den Zentralbereich Märkte, den er ab 2008 während der Finanzkrise leitete. In den Bundesbank-Vorstand zog er 2010 ein. Im Führungsgremium rückte er damals auf den nach dem Rücktritt von Thilo Sarrazin frei gewordenen Posten. Bis zu seinem Ausscheiden im April 2016 war Nagel für das wichtige Ressort Märkte zuständig und damit für die konkrete Umsetzung der Geldpolitik.

Geldpolitiker mit grosser Expertise

Mit Nagel hat sich bei der Bundesbank einen Ruf als fachlich versierter Währungshüter erworben, der kollegial und teamorientiert auftritt. Geldpolitisch gilt er als kompromissfähig – obgleich auch er sich in der Vergangenheit beispielsweise kritisch zu den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank (EZB) geäussert hatte. In Interviews trat er meist vorsichtig überlegend und abwägend auf, wenn er die Bundesbank-Linie vertrat. Notenbank-Experten äusserten sich positiv über ihn. «Ihm ist zuzutrauen, dass er weiterhin die deutsche Bundesbanktradition in die Debatten im EZB-Rat tragen wird, ohne dabei ideologisch fixiert zu sein», meint Ökonom Friedrich Heinemann vom Mannheimer Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW. «Mit ihm dürfte die Deutsche Bundesbank ihrer Linie treu bleiben, den in Maastricht vereinbarten Ordnungsrahmen mit seiner Betonung von Preisstabilität und soliden Finanzen beizubehalten und weiterzuentwickeln.»

Von der KfW zurück zu den Notenbanken

Weidmann hatte 2016 in seiner Abschiedsrede für Nagel ausdrücklich dessen Entschlusskraft, Kommunikationsfähigkeit, sowie dessen tiefe Finanzmarktkenntnisse und analytischen Fähigkeiten gelobt. Nagel war bis Ende April 2016 auch Leiter des Krisenstabs der Bundesbank. Auch auf dem internationalen Parkett ist Nagel bekannt. So vertrat er beispielsweise im Auftrag des Bundesfinanzministeriums Deutschland in der Expertengruppe zur Entwicklung der Kapitalmarktunion in der EU. Viele Jahre war er zudem Mitglied im Märkte-Ausschuss der BIZ.

Nach seiner langen Bundesbank-Karriere zog es Nagel zur Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), wo er 2017 in den Vorstand rückte. Dort war er für die Förderung von Entwicklungs- und Schwellenländern verantwortlich. Laut einer mit der Situation vertrauten Person konnte Nagel aber bei der Förderbank nicht heimisch werden und so wechselte er 2020 schliesslich zurück in die Notenbank-Welt nach Basel zur BIZ, einer wichtigen Denkschmiede für die internationale Geldpolitik. Zurzeit ist Nagel dort Vize-Chef der Banking-Abteilung.