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Eine Oase der Ruhe in einer Stadt, die sich mitten im Umbruch befindet: Johannesburg ist hektisch und wirkt trotzdem beruhigend.

Johannesburg hatte lange einen schlechten Ruf. Die südafrikanische Metropole galt als gefährlich und hässlich. Hier hielt man sich nicht länger als nötig auf, stieg höchstens auf ein anderes Flugzeug um oder mietete ein Auto, um nach Kapstadt und in den Kruger Nationalpark zu fahren.

Johannesburg war zum Zwischenstopp verkommen. Doch schon beim Verlassen des Flugzeugs merkt man, dass eine andere Ära angebrochen ist. Die Metropole will ihr Image aufpolieren und wieder zum afrikanischen Reiseziel per se werden. Man soll sie nicht mehr nur für Transits missbrauchen.

Dieser angestrebte Sinneswandel zeigt sich in der Umgestaltung ganzer Viertel (Maboneng oder Melville, die bis vor fünf Jahren noch fast menschenleer waren), in der wiedergewonnenen Sicherheit (Johannesburg Central Business District ist keine No-Go-Area mehr) und in der Eröffnung aussergewöhnlicher Betriebe und Lokale (aus Gandhis südafrikanischer Bleibe wurde ein Gästehaus).

Zugegeben, die Schönheit von Johannesburg offenbart sich nicht auf den ersten Blick. Man muss sich auf die Stadt einlassen, denn Schönheit bedeutet hier nicht schrille Augenwischerei und lautes Geprotze.

Eine Stadt im Umbruch

Die Zersplitterung der Metropole in viele verschiedene, oft voneinander abgegrenzte Viertel und das Fehlen eines wirklichen Stadtkerns machen es schwierig, sie in ihrer ganzen komplexen Vielfalt zu erfassen.

Johannesburg ist ein Kaleidoskop aus vielen Einzelteilen: Johannesburg CBD mit seinen imposanten Wolkenkratzern, wo Tag und Nacht wild hupende Minibustaxis verkehren (eine veritable Institution in Südafrika) und auf den Strassen vor allem am Wochenende die Hölle los ist (Südafrikaner feiern gern und demonstrieren das lautstark); das einst verruchte Newtown-Viertel, heute fest in der Hand von Studenten und Treffpunkt der südafrikanischen Jugend; das Geschäftsviertel Sandton, in dem sich unzählige Banken niedergelassen haben und Einkaufszentren wie Pilze aus dem Boden schiessen; und schliesslich das am Stadtrand gelegene Soweto, ein familiäres Arbeiterviertel, bunt, voller Leben, und Heimat von Nelson Mandela und Desmond Tutu.

Alle diese Viertel blühen und gedeihen, was durchaus wörtlich zu nehmen ist. Die eindrückliche Vegetation wirkt wie ein Verbindungsglied zwischen den Quartieren. Die vielen Parks und kleinen Wälder machen Johannesburg zu einer der grünsten Städte der Welt. Alles andere als einheitlich ist hingegen die Architektur. Kolonialbauten aus dem frühen 20. Jahrhundert stehen neben hochmodernen Herrenhäusern, Glasbuildings und ärmlichen Stein- und Wellblechhütten.

Die City lässt sich zwar nur schwer als Gesamtbild erfassen, dafür bietet sie die Möglichkeit, sich immerwährend neu zu erfinden. Bestes Beispiel: das aus Baustellenmaterial errichtete «Shipping Containers Center». Dank dieser bunt zusammengewürfelten Welt wird die Erkundung der einzelnen Viertel zu spannenden, völlig unterschiedlichen Erlebnissen.

Am Freitagabend ging ich im Orbit Club auf Tuchfühlung mit dem neuen Szeneviertel Braamfontein. Ein mit afrikanischen Einflüssen gemischter Be-bop, lokale Weine, eine angenehm ausgelassene, irgendwie mystische Stimmung machten den Abend unvergessen. Mein erster Kontakt mit der Stadt war ein voller Erfolg.

Am Tag darauf besuchte ich das Maboneng-Viertel. Ein Dorf in einer Stadt, ein Mikrokosmos, in dem Afrika und Europa sich endgültig versöhnt haben, gemeinsam eine entspannte, künstlerisch geprägte Atmosphäre pflegen und zuversichtlich in die Zukunft blicken. Es beheimatet Skultpurenausstellungen, kleine Gaststätten und ein paar hervorragende Restaurants.

Bestens eingestimmt setzte ich meine Erkundungstour in der grossartigen Galerie Everard Read im Rosebank-Viertel fort. Die lichtdurchflutete, hundertjährige Institution reisst den Besucher aus seiner beruhigenden Sicherheit. Hier wird ohne Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten über die Zukunft der südafrikanischen Gegenwartskunst diskutiert. Über den Wert des einen Künstlers, die nächste Ausstellung des anderen.

Die tiefschürfenden, beunruhigenden Werke einer Pauline Gutter, die intimen, ausdrucksstarken Kreationen eines Alessandro Papetti und der fliessende Pinselstrich à la Bacon eines Stephen Conroy konfrontieren den Betrachter mit einer anderen Realität. Wie abgehoben verlässt er die Galerie.

Mein zweiter Ausflug führte mich ins Melville-Viertel, einen Stadtteil, der sich im Umbruch befindet und nie zur Ruhe kommt. In dem temporeichen Alltag wird mit unfassbarer Geschwindigkeit immer Neues geschaffen. Man wird das Gefühl nicht los, intensiver zu leben als anderswo.

Tempo ist in Jo’Burg aber nicht oberflächlich, sondern tiefgründig, ebenso wie Maboneng und Melville mehr sind als nur Szeneviertel. Sie sind Labors der Versöhnung, die geduldig, aber bestimmt und unvermeidbar vorangetrieben wird. Im Apartheid-Museum wird die südafrikanische Geschichte einfühlsam erzählt. Fasziniert, betroffen und entsetzt lässt man das Geschehene Revue passieren. Obwohl es konsequent nach vorne blickt, verleugnet Johannesburg seine Vergangenheit nicht.

Die Nationalhelden werden stolz gefeiert. Mandela und Tutu scheinen zu schmunzeln und dieser Stadt, die einst unvorstellbaren Schmerz und Erniedrigung erlebte und sich zur Stadt der Vergebung und des Wiederaufbaus entwickelt hat, aufmunternd zuzuzwinkern.

Himmlische Ruhe

Mitten in dieser lauten Hektik, dieser brodelnden Energie und dieses überbordenden Lichtermeers liegt eine Oase des Friedens, ein Ort der Entspannung, diskret verborgen in der rastlosen Stadt. Im Satyagraha House, in dem einst Gandhi wohnte, kommen Körper und Geist zur Ruhe.

Den Urheber der indischen Unabhängigkeit und spirituellen Anführer verband eine starke und oft vergessene Liebesbeziehung mit Südafrika, wo er sich insgesamt fast zwanzig Jahre aufhielt. Dort hat er die Grundlagen seiner Philosophie gelegt.

Seine südafrikanische Geschichte nahm 1907 in einem Haus, das sein Freund und Architekt Hermann Kallenbach entworfen hat, Gestalt an. «Nichts ist in den Resultaten der Technik, was nicht zuvor in der Metaphysik gewesen ist», schreibt Peter Sloterdijk.

Diese Aussage erhält ihre volle Bedeutung, wenn man Kallenbachs Werk betrachtet. Das Haus scheint, als wäre es nicht mit Händen, sondern mit den Gedanken von Gandhi erschaffen worden. Seine Lehren nehmen in Form von Linien, Volumen und Eisenbeschlägen Gestalt an. Das Haus ist ein Manifest. Rocco Erdam Bosman hat es in ein Gästehaus umfunktioniert.

Heute ist das Satyagraha House ein Ort der Erholung und der Besinnung, an dem sich Modernität mit Tradition verbindet. Der betörende Duft und das starke Violett der Jacaranda, der liebliche Gesang der Vögel und die angenehme Frühlingsmilde nehmen den Besucher sofort gefangen.

Ein gepflasterter Pfad führt zu den Zimmern. Das strohbedeckte Dach und die weissen, sanft gerundeten Wände wirken wunderbar einladend. Im Innern knistert ein Feuer. Viel Holz, ein Salontisch am Kamin und eine Terrasse unter zwei hundertjährigen, von Gandhi gepflanzten Bäumen schaffen ein gemütliches Ambiente. In der Suite sorgen einige moderne Elemente für den nötigen Komfort, ohne das Wesen des Gebäudes zu verraten.

Der Gedanke, in einem Zimmer zu schlafen, das Gandhi einst bewohnt hat, mag vielleicht anfangs etwas einschüchternd wirken, doch schon bald überwiegt das unbeschreibliche Glücksgefühl, ein solches Privileg erleben zu dürfen. Im Satyagraha House spürt man überall die Bewunderung für Mahatma. Das Gästehaus entspricht seinem Wesen: kein Pool, kein Riesenbildschirm und kein Spa, dafür aber eine bewusst einfach gehaltene Ausstattung, verknüpft mit einem einwandfreien Service und gutem Geschmack.

Gandhis ehemaliges Wohnhaus ist kein in Philosophie gehülltes Gebäude. Vielmehr wurde es – im Sinne der von Sloterdijk erwähnten Technik – nach einer Philosophie erbaut. Ein schönes Beispiel dafür, wie Ruhe und Bewegung neben- und miteinander bestehen und sich sogar versöhnen können.