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Jürgen Stark: «Wir haben eine neue Welt-Unordnung»

Der ehemalige Chefökonom der Europäischen Zentralbank kritisiert am «Finanz und Wirtschaft Indexing Forum» die expansive Geldpolitik der Institution.

Ist eine Normalisierung der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) überhaupt möglich? Daran zweifelt Jürgen Stark, ehemaliger Chefökonom der EZB und heute einer ihrer prominentesten Kritiker. Er sprach am Donnerstag auf der «Finanz und Wirtschaft Indexing Konferenz».

Mit ihrer expansiven Geldpolitik ist sie in «unkartiertes Gewässer vorgestossen und hat den Kompass weggeworfen», sagt Stark. Mit dem massiven Kauf von Staatsanleihen hat sie den Euro abgewertet und die Renditen von Anleihen hochverschuldeter Staaten stark gedrückt.

«Die Zentralbank ist die grösste Gläubigerin der Staaten geworden», sagte Stark. Sie könne kaum mehr aussteigen, ohne einen grösseren Schaden zu verursachen. Die Zinsen auf die Staatsschulden würden steigen, Aktien und Immobilienmärkte könnten scharf korrigieren.

Statt auf Normalisierung stehen für Stark die Zeichen eher auf einer neuen Normalität. Wirtschaftlich erhole sich Europa schon länger. Komme es zu einer konjunkturellen Eintrübung oder würde die Inflation nachlassen – bedingt durch sinkende Energiepreise –, dann ginge das Programm weiter. Selbst EZB-Chef Mario Draghi habe ein Ende offen gelassen.

Zudem sei in den vergangenen Monaten und Jahren die politische Unsicherheit gestiegen, viele Krisen seien ungelöst. «Wir haben eine neue Welt-Unordnung», sagt Stark. In den USA liegt die Agenda des Präsidenten Donald Trump «immer noch im Obskuren». Käme es zur Abschottung, würde das Handelspartner der USA hart treffen – vor allem Grossbritannien, das mit dem Austritt aus der Europäischen Union (EU) schon genug Probleme hat.

Die Brexit-Verhandlungen würden länger als die anvisierten zwei Jahre dauern, so Starks Prognose. Und erst danach könne ein neues Verhältnis zur EU verhandelt werden, was auch nochmals zwei Jahre in Anspruch nehmen würde. Die Übergangsfrist bis zu einem neuen Freihandelsabkommen könnte bis zu zehn Jahre dauern. Es folgen die Regelungen der bilateralen Beziehung zu sechzig Ländern und eine neue Vertragsbasis mit der Welthandelsorganisation. «Der Brexit könnte Grossbritannien bis zu zwanzig Jahre lang beschäftigen», sagt Stark.

«Die drohende Spaltung Europas ist trotz Brexit abgewendet worden», gibt Stark allerdings zu bedenken – zuletzt durch die Wahl des liberalen Reformers Emmanuel Macrons zum französischen Präsidenten. Das deutsch-französische Führungsduo in der EU könnte jetzt wieder gestartet werden. «Wird in einer EU mit 27 Staaten solch eine Führungsrolle überhaupt noch akzeptiert?», fragt sich Stark allerdings.

Von 1995 bis 1998 war Stark Staatssekretär im deutschen Finanzministerium und massgeblich an der Einführung des Euros beteiligt. 2006 wurde Stark Direktoriumsmitglied und Chefökonom der EZB. 2011 trat er aus persönlichen Gründen zurück.