Kaffee mit…

Ruedi Kunzmann, Numismatikexperte

Man sieht ihm die siebzig nicht an. Ruedi Kunzmann wirkt vital, fast ­jugendlich, was auch mit seiner offenen, kommunikativen Art zu tun hat. Und wohl auch mit seiner jetzigen Tätigkeit, die ihm sichtlich Spass bereitet. Kein Wunder: Er hat sein Hobby zu seinem Beruf gemacht. ­Kunzmann ist Experte, Schätzer und Katalogautor des Numismatik- und Goldhandelshauses Sincona am Zürcher Limmatquai. Das Unternehmen ­entstand vor rund zehn Jahren, hervorgegangen über ein Management Buyout aus der ehemaligen Numismatikabteilung der UBS. Die Numismatik, das Sammeln von Münzen und Medaillen, ist, so denkt man, eher etwas für das stille Kämmerlein. Doch für Kunzmann ist klar: «Hobbys sind nur dann spannend und anregend, wenn man sich mit Gleich­gesinnten austauschen kann.» Entsprechend präsidiert er seit vielen ­Jahren den Numismatischen Verein Zürich und ist im Vorstand der Schweizerischen Numismatischen Gesellschaft.

Zu seiner Leidenschaft ist er, wie oft in solchen Fällen, schon als Kind gekommen. Und er betrieb sein Steckenpferd gleich von Beginn weg mit viel Verve. Um noch fehlende Jahrgänge für seine Sammlung zu finden, kaufte der in Höngg aufgewachsene Bube Münzrollen bei der lokalen Poststelle und durchstöberte sie. Bald musste er, wie viele andere Jungsammler auch, auf andere Postfilialen ausweichen, weil er manchmal ­wieder Rollen erhielt, die er schon einmal durchsucht hatte.

In der Schweiz ging der Münzensammelboom mit dem Ende des Silbergeldes 1968 so richtig los. Damals stieg der Silberpreis über den Nominalwert der jeweiligen Münzen, was schnell zu systematischen Zusammenkäufen von Silbermünz geführt hatte, das dann eingeschmolzen wurde. Binnen weniger Wochen kam es so in der Schweiz zu Münzknappheit, Migros gab ihren Kunden eine Zeitlang anstelle des Rückgeldes Bons ab, weil Münz so knapp war. Die Nationalbank musste reagieren und liess Geldstücke in der heute noch benutzten Kupfer-Nickel-Mischung herstellen, teils in London, weil die hiesigen Kapazitäten nicht reichten. Die rar gewordenen Silbermünzen waren nun ein ideales Sammelobjekt. Begehrt, weil es immer weniger gab, und wegen des Edelmetallwerts.

Wie breit damals gesammelt wurde, zeigt sich noch heute: «Immer noch werden fast täglich alte Silbermünzsammlungen bei den Fachhändlern vorbeigebracht. Sie landen allesamt in der Schmelze, denn das Sammlerinteresse ist mittlerweile viel zu klein, um diese Münzen aufzunehmen», erklärt Kunzmann. Sein Fachgebiet allerdings reicht viel weiter zurück. Er hat über Jahrzehnte eine der umfänglichsten Sammlungen an Schweizer Kantonsmünzen aufgebaut. Bis 1850 hatte jeder Kanton die eigene Münzhoheit und damit das Recht, Zahlungsmittel herauszugeben. Entsprechend gab es in jedem Kanton andere Münzeinheiten. In Glarus etwa den Dicken, in Bern den Batzen, in Zürich war der Schilling eine gebräuchliche Währungseinheit. Die älteste datierte Münze der Schweiz – und gleichzeitig Europas erste Münze mit arabischen Ziffern – stammt ­übrigens von 1424. Es ist ein sogenannter Plappart aus St. Gallen.

Während der Ausbildung und im Studium glitt das Münzensammeln in den Hintergrund, anderes war wichtiger, die Gründung einer Familie, das berufliche Fortkommen. Kunzmann wurde Tierarzt und eröffnete eine Praxis in Wallisellen. Und dann war da noch die Zeit als Radiomoderator: Anfang der Achtziger geriet er über den Lions Club in Kontakt mit Alfred Fetscherin, Mitgründer von Radio Z, der meinte, er habe eine radiotaugliche «Zürischnurre». So kam er gleich von Beginn weg zu seiner wöchentlichen Tierdoktorstunde auf dem Sender. «Viele heute bekannte Fern­sehleute wie Daniela Lager, Katja Stauber oder Sandro Brotz haben ihre Karriere als Z-ler gestartet – es war eine lustige, spannende Zeit damals», erzählt Kunzmann. Derweil wuchs die Münzensammlung; der Tierarzt­beruf ermöglichte das auch finanziell.

In den letzten zwanzig Jahren hat das Interesse am Sammeln in der ­Bevölkerung generell abgenommen. «Die Leute haben heute andere Freizeitinteressen, Sammeln ist nicht mehr so gefragt», sagt Kunzmann ­etwas bedauernd. Denn er sieht im Sammler auch einen Kultur­bewahrer, staatliche Stellen wie Museen könnten diese Aufgabe nicht im selben Umfang wahrnehmen. Über Sammelgegenstände wird auch Geschichte fassbarer – im wörtlichen Sinn. Doch die Schulen würden das heute kaum mehr aufnehmen. Dabei könnte über Dinge wie alte Münzen Zugang zu geschichtlichen Entwicklungen in Wirtschaft, Politik und Kultur geschaffen werden, verbunden mit der Betrachtung und der Berührung schöner Dinge.

Trotz geschrumpftem Markt gibt es noch immer eine recht rege Sammlerszene in der Numismatik. Sincona versendet ihre Auktionskataloge an mehr als 2000 Interessenten, und an den jährlichen Münzenmessen in Zürich, Bern und Basel sind jeweils 70 bis 120 Anbieter präsent. Und ­immer wieder gibt es für Kunzmann in seiner Tätigkeit als Fachexperte spannende Ereignisse. Derzeit etwa beschreibt er eine jüngst aufgetauchte, zuvor unbekannte Banknote der Zürcher Kantonalbank aus deren Gründungsjahr 1870. Da kann er seiner Leidenschaft der geschichtlichen Recherche freien Lauf lassen – etwas, was er besonders mag.

, Closing Bell / Kaffee mit