Kaffee mit…

Vitaly Ponomarev, Gründer WayRay

Im Jahr 2012 hatte Vitaly Ponomarev einen Auto­unfall. «Ich war vom Navigationssystem abgelenkt», sagt der Dreiunddreissigjährige. Der gebürtige Russe erholte sich und entwickelte die Idee für WayRay. Die Büros des Start-ups liegen heute nahe dem Bahnhof Enge, wo wir Ponomarev zum Kaffee treffen.

WayRay entwickelt seit nunmehr acht Jahren eine Technologie, die es ermöglicht, via Laser holografische Bilder auf die Windschutzscheibe eines Fahrzeugs zu projizieren. Der Fahrer muss also nicht mehr beim Blick auf das Navi die Augen von der Strasse nehmen. Die Fahrtrichtung wird direkt vor ihm angezeigt. Die Technologie besteht aus drei selbstentwickelten Teilen: ein Gerät, das das Bild generiert, ein Lasermodul und eine holografische Folie, die sich in der Windschutzscheibe befindet. Zusammen reichern sie die Realität, die der Fahrer durch das Glas erblickt, auf ebendiesem mit holografischen Projektionen an. Man nennt dies auch «Augmented Reality»: Erweiterte Realität.

Doch WayRay will nicht nur ein besseres Navi sein. Die Technologie erzeugt das Gefühl von echter Tiefe. Fussgänger, Velofahrer, andere Autos oder Hindernisse in der Fahrbahn des Wagens werden warnend hervorgehoben, auch wenn sie sich teilweise erst in weiter Ferne befinden. Vor allem nachts soll das einen klaren Vorteil bringen und die Fahrsicherheit erhöhen. Stören sollen die Zusatzinformationen den Fahrer dabei auf keinen Fall. WayRay nehme hier sehr genaue Messungen vor, wie viel Informationen ein Mensch unter verschiedenen Umständen aufnehmen kann. Die Technologie soll sich in ihrer Anzeigensumme so dem Geschehen um das Fahrzeug herum anpassen. Im hektischen Stadtverkehr könne so weniger angezeigt werden als auf der ruhigen Landstrasse. WayRay nutzt dabei die Vielzahl an Sensoren, mit denen heute bereits moderne Autos ihre Umgebung wahrnehmen und messen.

«2022 sollen die ersten Fahrzeuge mit unserer Technologie in kleiner Stückzahl auf die Strasse kommen», sagt Ponomarev. 2025 sollen WayRay-Geräte dann im Massenmarkt Einsatz finden. Welche Autohersteller als erste damit aufwarten werden, das darf Ponomarev vertraglich festgelegt noch nicht verraten. Doch bereits sei WayRay mit grossen Autobauern in der konkreten Planung, in welche ihrer Modelle die Technologie zuerst eingebaut werden soll. Bereits existieren Pilotwagen. Da der deutsche Autobauer Porsche und der südkoreanische Hersteller Hyundai zu den Investoren von WayRay gehören, lassen sich hier zumindest potenzielle Partner vermuten. Auch der chinesische Onlinehandelsriese Alibaba und ein Konsortium von Staatsfonds haben in das Unternehmen investiert. Bis heute hat WayRay 100 Mio. $ an Finanzierung eingesammelt und dürfte mittlerweile ein sogenanntes «Unicorn» (Einhorn) sein, ein Start-up, das mit über 1 Mrd. $ bewertet wird.

Für die Zukunft schliesst Ponomarev auch einen Börsengang von WayRay nicht aus. «So könnten wir der Bevölkerung noch besser zeigen, an was wir hier arbeiten», sagt Ponomarev. Standorten in Moskau, Zürich und Shanghai soll in diesem Jahr noch eine Niederlassung im Silicon Valley folgen. In Zürich steht WayRay zudem vor dem Umzug vom Bahnhof Enge nach Seebach in eine Halle auf dem Gelände des Rüstungskonzerns Ruag, wo zuvor Nutzlastverkleidungen für die Weltraumrakete Ariane gebaut wurden. Hier gibt es reichlich Platz, nicht nur für Labors und ein Grossraumbüro, sondern auch für Testfahrten. «Die Schweiz ist ein wunderbarer Ort, um unser Geschäft zu entwickeln», sagt Ponomarev, «von hier aus kommt man an Toptalente aus der Technologiebranche oder der Automobilindustrie.»

Die Technologie kann potenziell alle möglichen Informationen auf Glasoberflächen darstellen. Fahrgästen können beispielsweise Sonderangebote des Lieblingscafés oder des präferierten Modeladens angezeigt werden. «Taxifahrten könnten so in Zukunft für den Fahrgast viel günstiger sein, wenn er bereit ist, sich auf ihn massgeschneiderte Werbeanzeigen von Dienstleistern anzuschauen, an denen er vorbeifährt», sagt Ponomarev. WayRay entwickelt dafür zusätzlich eine Plattform, auf der Entwickler Apps für die neue holografische Technologie erstellen können. «Das wird so richtig interessant werden, wenn dann die Ära der selbstfahrenden Autos anbrechen wird», sagt Ponomarev. Dann könnte die Technologie nicht nur zur Warn- und Informationsanzeige, sondern auch zur Unterhaltung der Fahrgäste genutzt werden.

Ponomarev denkt bereits bis in den Weltraum. Denn nicht nur in Autos, sondern auch in anderen Fahrzeugen bis hin zur Weltraumkapsel könnte WayRay zum Einsatz gelangen. In Industriefahrzeugen könnten auf den Windschutzscheiben beispielsweise Arbeitsabläufe dargestellt werden. Bereits befindet sich WayRay in Gesprächen mit den Verkehrsbetrieben Zürich, um ein Tram mit der Technologie auszurüsten.

Auch im Operationssaal soll WayRay Einzug halten. Viele Operationen finden heute im sogenannten Schlüssellochverfahren statt. Dabei operiert der Chirurg nur durch kleine Öffnungen mit hoch spezialisiertem Besteck. Eine kleine Videokamera wirft das Geschehen auf einen Bildschirm. In ­Zukunft könnte der Chirurgin ein holografisches 3-D-Modell des Körperinneren, an dem sie operiert, in Echtzeit bessere Einsichten liefern als ihre bisherige «Videonavigation».

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