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Nadine A. Brügger, Autorin von «Helvetias Töchter»

Spät haben Frauen in der Schweiz das Stimmrecht auf Bundesebene erhalten. Vor fünfzig Jahren am 7. Februar 1971 gewährten die Herren des Landes per Volksentscheid den Damen die politische Mitbestimmung. «Im Schulunterricht haben wir das Ereignis kaum thematisiert», sagt Nadine Brügger. «Erst in der Uni gab es Vorlesungen dazu», meint die Historikerin und NZZ-Journalistin. Weil ihr lange schon die Literatur zum Thema fehlte, beschloss die 31-Jährige, sie einfach selbst zu schreiben, erzählt sie uns bei einem Chai Latte im Zürcher Café des Amis.

Entstanden ist so Brüggers Buch «Helvetias Töchter», erschienen in diesem Jahr im Arisverlag. Rund 170 Jahre geht die Autorin darin zurück. Sie beginnt kurz vor der Gründung des modernen Bundesstaates, als alle in diesem «Volk von Brüdern» das Stimmrecht erhielten und die Töchter dabei vergessen gingen. In acht ineinandergreifenden Geschichten ­erzählt die Bernerin von Frauen und ihrem Kampf für gleiche Rechte. Da gibt es Hélène, die an der Universität studieren möchte, dort aber nur als Hörerin zugelassen wird. Oder Elsa, die im Zweiten Weltkrieg Juden von der deutschen Grenze im Camion nach Basel schmuggelt.

Schritt für Schritt erstritten sich die Frauen Mit- und Selbstbestimmung. «Die Entscheidung, wo und was Frau studieren oder welchen Beruf sie erlernen darf, wen sie heiraten darf, dass sie im Falle der Scheidung die Kinder weiterhin sehen darf. Das waren alles Dinge, die den Frauen früher nicht freistanden.» Die Frauen, die in «Helvetias Töchter» auftauchen, sind zwar fiktiv. «Ich wollte Geschichten aus dem damaligen Leben erzählen, aber dabei auch die Hoheit über die eigenen Figuren behalten», sagt Brügger. Die historischen Umstände ihrer Charaktere hat die Autorin allerdings minutiös recherchiert in den diversen Archiven und Bibliotheken des Landes. «Es gibt zum Beispiel eine sehr umfassende Biografie von Lydia Welti-Escher, der Tochter Alfred Eschers, einer jungen Frau zur Zeit der Schweizer Belle Époque. So konnte ich mir besser vorstellen, in welchem Rahmen meine Hélène sich bewegt.»

Auch besuchte Brügger Handlungsorte wie Unterbäch im Wallis. Als 1957 landesweit abgestimmt wurde, ob Frauen auch zum Zivildienst zugelassen werden sollen, liess Unterbäch seine Bürgerinnen an die Urne. Die Voten wurden von Bern allerdings nicht anerkannt. Brügger führte ­Gespräche mit der Tochter des damaligen Gemeindepräsidenten. Oder mit einer Aktivistin der 68er-Generation und Mitgründerin der Frauenbewegungsfront. Nicht zuletzt lieferte Brügger die eigene Grossmutter spannende Einblicke. «Sie ist auch auf dem Buchcover.» Die Autorin recherchierte sogar die Wetterbedingungen an den Daten ihres Buches.

Aber warum hat es in der Schweiz denn nun so lange gedauert mit dem Frauenstimmrecht? «Durch die direkte Demokratie, an der vom Bauer bis zum Patrizier jeder teilhaben konnte, hatten viele den Eindruck, schon in einem sehr inklusiven System zu leben.» Daneben hatte die Schweiz das Glück, relativ unbeschadet aus zwei Weltkriegen herauszukommen. «Andere Länder, die zusammengebrochen waren, haben danach neue politische Systeme etabliert, wie Deutschland mit der Weimarer Republik, in der damals das Frauenstimmrecht von oben eingeführt wurde.» In einer direkten Demokratie hingegen muss immer die Mehrheit der Abstimmenden überzeugt werden. In zahlreichen kantonalen und einer nationalen Abstimmung 1959 gelang das lange nicht.

Die Einführung des Frauenstimmrechts 1971 ist in Brüggers Buch dabei nicht das Happy End. «Helvetias Töchter» reicht bis in die Gegenwart hinein, in der es noch einiges zu tun gebe. «Es darf aber kein reiner Kampf der Frauen mehr sein. Das ist heute eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft, denn viele Dinge betreffen auch die Männer.» Heute sei es beispielsweise einfacher für eine Frau, Teilzeit zu arbeiten, als für einen Mann. «Es liegt doch auch im Interesse der Männer, sich hier zu wehren und gleiche Ausgangslagen zu schaffen.» Elternzeit, gleiches Rentenalter, sogar eine Dienstpflicht für alle, gehören nach Ansicht Brüggers diskutiert.

Diskutiert über die Stellung von Mann und Frau gestern und heute wird auch an den Lesungen von «Helvetias Töchter». Dazu ist Brügger in diesem Jahr mit ihrem Buch unter anderem beim Zürcher Literaturfestival «Die Rahmenhandlung» am 5. September, im Basler Staatsarchiv am 17. September oder bei «Zürich liest» am 29. Oktober zu Gast.

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