Kaffee mit…

Anna Rosenwasser, Aktivistin

Gespannt und aufgeregt zugleich warte ich auf Anna Rosenwasser (31) im neu eröffneten Café «Gleis» an der Zollstrasse in Zürich. Dass wir uns hier treffen, ist kein Zufall. Denn das Lokal fördert unter anderem queere Künstler und ist zugleich auch Treffpunkt der LGBTQ-Community. Anna Rosenwasser ist Feministin und setzt sich für die Queer Community ein. Locker angezogen und mit ihren dezent gefärbten Haaren grüsst sie mich mit der inzwischen zum Alltag gehörenden Coronafaust.

Bei der Kellnerin bestellt Anna – sie hat mir gleich das Du angeboten – einen Tee. «Ich verzichte seit Jahren auf alkoholische Getränke.» Ohne gross Smalltalk zu machen, beginnt sie zu erzählen: «Dieses Wochenende unterziehe ich mich endlich einem Smartphone- und Social-Media-Entzug. Dafür besuche ich meine Mutter und verbringe die Zeit damit, ihre Büsis zu streicheln.»

Ab und an brauche sie solche Pausen dringend, betont die gebürtige Schaffhauserin. Seit Beginn der Pandemie ist sie in der Schweizer Medienlandschaft omnipräsent. Fast täglich erhält sie Anfragen für Talks, Interviews und Workshops.

Der Hype um Anna Rosenwasser hat in der Pandemie seinen Anfang genommen. Um sich vor der Langeweile des Lockdown zu retten, postet sie immer häufiger, direkter und lauter in den sozialen Medien. Die Besucherzahlen auf ihren Profilen sind exponentiell gestiegen. Auf Instagram zählt sie aktuell 21’300 Follower.

Sich in der Öffentlichkeit derart zu exponieren, sei nie ihr Plan gewesen. Auch heute noch will Anna private und politische Angelegenheiten trennen. «Ich besitze zwei verschiedene Handys. Eines ist für private Zwecke, das andere nur für berufliche Angelegenheiten gedacht.»

Kritiker bezeichnen ihre Posts und Aussagen manchmal als zu radikal und zu extremistisch. Viel zu oft muss sie Hasstiraden über sich ergehen lassen. Sie geht ziemlich offen damit um. «Ich behalte nichts für mich selbst», sagt sie. «Die vulgärsten Kommentare poste ich auf meiner engen Instagram-Freundesliste.» Einige Beiträge sind hingegen so schwerwiegend, dass sie ganze Therapiestunden dafür aufwenden muss.

Wenn es sogar strafrechtlich relevante Anmerkungen sind, schickt sie sie an NetzCourage. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der sich aktiv gegen Hasskommentare im Internet, Diskriminierung und Rassismus stellt. Gegründet wurde er von Jolanda Spiess-Hegglin. Anna ist dort ebenfalls Mitglied und meint dazu, dass die Schweizer Gesetzeslage überhaupt nicht auf das Internet vorbereitet sei.

Inzwischen ist das Gespräch mit Anna schon weit fortgeschritten. Die 31-Jährige gibt sich locker und spricht gerne. Doch es fällt auf, dass ihre Aussagen immer von einem klaren Unterton begleitet werden. Das könne sie aber nicht bei allen Themen gleich gut. Wenn sie etwa in einem spezifischen Bereich keine Übung habe, werde sie unsicher, verrät sie.

Zu unzähligen Podiumsdiskussionen und Talks wird Anna Rosenwasser eingeladen. Wenn man danach zurück nach Hause geht, bleibt vor allem die Aussage «Es gibt keinen falschen Weg, eine Frau zu sein» im Kopf hängen.

Anna ist es extrem wichtig, jedem auf Augenhöhe zu begegnen. Mühsam findet sie Politiker, die in heiklen Debatten hochgestochene Wörter benutzen. «Es soll zum Beispiel nicht die Voraussetzung sein, dass man das Wort Hegemonie verstehen muss, um sich mit Ungerechtigkeiten beschäftigen zu können.» Austausch mit verschiedensten Politikkreisen hatte sie bereits. 2019 kandidierte sie selbst für den SP-Nationalrat. Gewählt wurde sie allerdings nicht.

Ins Exil würde sie Eifersucht und Neid verbannen. Denn diese Gemütszustände erschweren die Solidarität.

So viel, wie Anna derzeit erlebt, könnte man meinen, dass sie jede Sekunde ihres Lebens verplant hat. Gemäss ihren Instagram-Storys sieht man sie oft Events moderieren oder sich energisch für ein Anliegen einsetzen. Andererseits ist ihre Arbeit im Gegensatz zu der von vielen anderen öffentlich, und alle können daran teilhaben. «Ich bin das Gegenteil einer Perfektionistin.» Ihre Ansprüche an sich selbst sind mittelmässig. Sie besteht aber darauf, dass sie stets auf inhaltliche Fehler aufmerksam gemacht werden muss.

Ihre Teetasse ist inzwischen fast leer. Während sie erzählt, wird Anna immer wieder von Bekannten gegrüsst. Das Quietschen der Züge, die am Zürcher Hauptbahnhof ein- und abfahren, irritiert sie nur ab und zu. Da beginnt Anna von ihrer Schulzeit zu erzählen. «Ich war ein intelligentes Kind, das viel gelesen hat. Jedoch hatte ich Mühe mit Fleiss und Leistung.» Heute kann man ihr das nicht im Geringsten unterstellen.

Ein Prinzip, nach dem sie heute lebt, lautet «Better done than perfect». Das ist ihr aber nicht nur für sich selbst wichtig, um den öffentlichen Druck zu lindern, sondern ist ein Motto, das sie aktiv ihren Mitmenschen weitergeben will. Durch ihre offene und angenehme Art sowie ihr aktualitätsbezogenes Wissen, ist es ihr gelungen, eine breite Fangemeinschaft zu erschaffen. Sei es an der Pride oder am Lila Festival, immer wieder wird sie von begeisterten Menschen angesprochen.

Seit der gewonnenen Abstimmung über die «Ehe für alle» ist es ruhig um sie geworden. Doch lange wird es nicht dauern, dann setzt sich Anna wieder für ihre Community ein – lautstark, wenn es sein muss.

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