Kaffee mit…

Christiane Lentjes Meili, Kripochefin der Kantonspolizei Zürich

«Wer die Vorstellung hat, dass ich täglich durch Blutlachen wate, den muss ich enttäuschen», klärt mich die Kripochefin gleich zu Beginn unseres Gesprächs in ihrem geräumigen Büro an der Zeughausstrasse in Zürich auf, das so fröhlich wirkt wie Lentjes Meili selbst. Das Gespräch hätte sie nicht in einem öffentlichen Café führen können. Ein grosser Teil ihres Jobs bestehe aus typischen Managementaufgaben, wie sie auch von Kaderangestellten in grossen Unternehmen erledigt werden. Um etwas im Jargon des Berufs zu bleiben: Lentjes Meili bezeichnet sich durchaus als Schreibtischtäterin. Nur sehr selten wird sie als Chefin von 500 Polizeibeamten in konkrete Ermittlungen involviert.

Mit Kommissarinnen, wie sie heutzutage in einigen Fernsehkrimis unterwegs sind, kann sie sich kaum identifizieren. «Das weibliche Ermittler-Duo der Zürcher Ausgabe der Krimiserie Tatort ist in meinen Augen eine merkwürdige, wenn nicht gar unrealistische Paarung», lautet das ­kritische Urteil der Expertin. Zumal sich die als Forensikerin angelegte Persönlichkeit der Kommissarin Ott immer wieder im Graubereich des Gesetzes bewege und das Amtsgeheimnis breche, was bei der Kantonspolizei nicht toleriert würde. «Auch wir nutzen den Handlungsspielraum aus, aber wir überschreiten nicht bewusst kritische Linien.» Dies würde in der Serie so aber suggeriert.

Das Drehteam des «Tatort» sei zwar in Kontakt mit der Kantonspolizei, besuchte gewisse Abteilungen und war gar im Schiesskeller, doch dies verhalf den Folgen offensichtlich nicht zu mehr Realitätsnähe. Dass Kommissarin Grandjean einen Revolver unter der Achsel trägt – was kein Polizist macht – und dann erst noch verkehrt herum, löst bei Insidern eher Kopfschütteln aus. «Die Serie soll ja auch nicht die Realität abbilden, sondern unterhalten», sagt die echte Kripochefin.

Als Jurastudentin an der Uni Zürich hätte sich Lentjes Meili noch nicht vorstellen können, eines Tages in der Strafverfolgung tätig zu sein. Die Stadtzürcherin bewegte sich nach dem Studium sehr früh abseits der ausgetretenen Pfade. Sie stieg schon in jungen Jahren in die damalige Abteilung für Wirtschaftskriminalität der Bezirksanwaltschaft Zürich ein. Als erste und erst noch weibliche Auditorin und später Bezirksanwältin blieb sie dem Job zehn Jahre lang treu, ehe sie zur Justizdirektion wechselte und zur stellvertretenden Generalsekretärin aufstieg. Vor knapp zwölf Jahren gelangte dann die Stelle als Chefin der Kriminalpolizei des Kantons zur Ausschreibung. Die Aufgabe reizte sie sehr und sie bereute den Schritt nie.

Entspannen kann Lentjes Meili sehr gut beim Kochen. Am liebsten tut sie dies im Ferienhaus im Tessin, wo es sich auch wunderbar gärtnern lässt. In der Freizeit knöpft sie sich gerne den einen oder anderen Buchkrimi vor. Die Zürikrimis von Petra Ivanov mit viel Lokalkolorit stehen dabei oben auf der Liste. Die Autorin recherchiert für ihre Bücher intensiv. In den Werken kommt auch die Figur der Kripochefin vor. «Sie hat mir sogar schon Szenen zur Freigabe vorgelegt», amüsiert sich Lentjes Meili.

Ab und an muss sie sich auch mit politischen Vorstössen auseinandersetzen. Aktuell wird in der Schweiz die DNA-Phänotypisierung im Parlament diskutiert. Dabei geht es um die erweiterte Nutzung von DNA-Analysen für die polizeilichen Ermittlungen. Anders als in anderen Ländern ­erfolgt in der Schweiz bis anhin nur der Abgleich eines DNA-Profils in der vorhandenen Datenbank zur Identifizierung eines Spurengebers.

Die ­Phänotypisierung würde erlauben, aus einer DNA-Spur neben dem ­Geschlecht auch weitere äusserliche Merkmale einer Person wie Haar- und Augenfarbe zu bestimmen. Die Strafprozessordnung regelt, in welchen ­Fällen ein DNA-Profil erstellt werden darf, und die Polizei beantragt bei der Staatsanwaltschaft eine entsprechende Anordnung. «Seit jeder einzelne Fall beantragt werden muss, ist die Erstellung von DNA-Profilen ganz massiv zurückgegangen, und im Ergebnis können wir weniger Delikte aufklären», bedauert die Kripochefin.

Die Aufklärungsquote ist bei Tötungsdelikten am höchsten, auch weil die Täterschaft durch eine DNA-Analyse mit einer an 100 Prozent grenzenden Sicherheit und Wahrscheinlichkeit nachgewiesen werden kann. Doch das Thema ist politisch umstritten.

Angesprochen auf die besonderen Herausforderungen während der Coronakrise fällt ein Begriff, der vielerorts auf der Prioritätenliste ganz nach oben rückte: die Digitalisierung. Auch die Delikte haben sich während der Lockdowns zunehmend in das Internet verschoben. Seit etwa zehn Jahren gibt es bei der Kantonspolizei ein Team, das sich ausschliesslich mit Cybercrime beschäftigt. IT-Hacker haben es immer wieder auch auf die internen Daten der Polizei abgesehen.

Viele Cyber-Attacken erfolgen aus dem Ausland. Eigentlich wäre die internationale Kooperation der Polizeibehörden auf diesem Gebiet überaus wichtig, um den Urhebern der Angriffe auf die Schliche zu kommen, doch dies gestalte sich schwierig, erläutert Lentjes Meili. Denn dabei ist die Schnelligkeit absoluter Schlüsselfaktor, die Spuren verwischen in der digitalen Welt unglaublich rasch. «Ich fürchte auch eine stark steigende Zahl von jugendlichen Delinquenten in diesem Bereich», warnt sie.

Dabei verhält es sich wie mit dem Virus und den Impfstoffen: Die Polizei hinkt den smarten Mutationen der IT-Hacker immer einen Schritt hinterher.

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