Kaffee mit…

Steve Pascolo, mRNA-Pionier

Der Automatenkaffee für Steve Pascolo kommt schwarz und ungesüsst. «Eine Gewohnheit aus meiner Studentenzeit», sagt er. Der Kaffeeautomat steht in der internen Cafeteria des Universitätsspital Zürich (USZ), wo ­Pascolo als Immunologe der Dermatologischen Klinik arbeitet. In seiner Studentenzeit hauste er wie so viele Studenten in einem kleinen Zimmer ohne Küche und Kühlschrank. Pascolos Faszination für die Welt der ­Forschung entwickelte sich früh. Schon als kleiner Junge sei er begeistert gewesen, wenn seine ältere Schwester mit Reagenzgläsern aus der Schule nach Hause kam. Der gebürtige Franzose verbrachte seine Jugend 70 Kilometer nördlich von Paris, ehe es ihn als Student der renommierten «École normale supérieure» in die französische Hauptstadt zog.

Bereits vor der Jahrtausendwende hat sich Pascolo mit dem Thema mRNA beschäftigt. Der Plan war seit jeher, mit dieser Technologie einen Impfstoff gegen Krebs zu entwickeln. «Alle anderen dachten, dass das nie funktionieren werde.» Doch Pascolo erkannte den entscheidenden Sicherheitsvorteil von mRNA: Durch seine Instabilität im Körper verschwindet das mRNA-Molekül anders als DNA bereits nach kurzer Zeit wieder. Die Kurzlebigkeit war jedoch gleichzeitig die Schwierigkeit, die es zu über­winden galt. Es galt, einen Weg zu finden, das Molekül so lange zu ­stabilisieren, bis eine Immunantwort zustande kommt.

Im Jahr 2000 gründet Pascolo mit zwei weiteren Forschern das weltweit erste mRNA-Unternehmen Curevac. Durch ein Förderprogramm für junge Innovatoren gelangen die drei Forscher an etwas Geld für ihre ­Forschungsarbeit und dürfen umsonst in den Räumlichkeiten der ­Universität Tübingen ein Labor einrichten.

Die Technologie erscheint vielversprechend. 2003 lässt sich Pascolo als erster Mensch von einem Dermatologen synthetische mRNA spritzen. Zu Messzwecken wird die mRNA zuvor noch für Luciferase kodiert, einem Protein, das bei Glühwürmchen an der biochemischen Leuchtreaktion beteiligt ist. Wenige Stunden später werden Proben von der Einstichstelle entnommen. Das Resultat: Pascolos Zellen produzieren Luciferase. Die Frage, ob er Angst vor dem Versuch hatte, verneint Pascolo. «Ich wusste, dass es wahrscheinlich keine Nebenwirkungen geben würde.» Als die Studie 2007 publiziert wird, bleibt das Interesse weitgehend aus. Protein-­basierte Impfstoffe und DNA-Impfstoffe sind im Trend, der mRNA-Technologie wird so gut wie keine Aufmerksamkeit zuteil. An Forschungsgelder zu kommen, ist deshalb eine äusserst schwierige Angelegenheit.

Curevac entwickelt in den Folgejahren unter anderem einen Impfstoff gegen die Schweinegrippe, der die Virenlast der Tiere reduzieren kann. In punkto mRNA-Krebsforschung muss das Unternehmen allerdings viele Misserfolge verdauen. Obschon sich gewisse Krebsarten zu Beginn erfolgreich mit mRNA therapieren lassen, mutieren die Tumore und können ­somit der Immunantwort stets entgehen.

Für Pascolo ist der isolierte Standort in Tübingen ein Hindernis. Als er 2006 in die Schweiz auswandert, träumt er vom mRNA-Hub Zürich. Die Schweiz habe alle Voraussetzungen dafür, wie etwa ausgezeichnete Hochschulen und ein hohes Forschungsniveau, sagt Pascolo. Die Investoren und damaligen Kollegen von Curevac sind jedoch alles andere als begeistert von seinem Umzug und verweigern ihm fortan weitere Unterstützung und Kollaboration. Auch der Start am USZ, wo Pascolo in der Onkologie Fuss fasst, verläuft holprig. Bei seinen Vorlesungen vor fachkundigem ­Publikum bleiben die Fragen am Ende aus. «Ich habe angefangen, mir selbst noch einige Fragen zu stellen.»

Die Abteilungsleiter erkennen das Potenzial von mRNA nicht und ­erneuern seinen Jahresvertrag ab 2010 nicht mehr. «Es war ein totaler Misserfolg», sagt der 50-Jährige. In den Jahren darauf ist er als Berater in der Pharmaindustrie tätig. Als er 2012 wieder Forschungsgelder ­zugesprochen bekommt, finanziert er sich ein Labor am USZ. 2017 ­realisiert er die lang ersehnte mRNA-Plattform. Ziel ist es, mRNA für ­Forschungskollegen zu produzieren und ihnen zu zeigen, wie sie es an ihren Patienten ­anwenden können. Zu dieser Zeit gibt es erst wenige Ärzte, die mit der Methode arbeiten wollen. Pascolos Überzeugungsversuche bleiben mehrheitlich erfolglos.

Erst die Coronapandemie verhilft mRNA zum Durchbruch. Heute muss er keine Kollegen mehr von der Technologie überzeugen. Seine ­Türen werden regelrecht eingerannt. «Theoretisch kann man mit mRNA alles behandeln. Und wir haben hier Patienten, die sterben. Ein Univer­sitätsspital muss Patienten mit schlechten Prognosen auch experimentelle Therapien offerieren, die Kantonsspitäler machen das nicht.» Er selber hat mit seiner zwanzigjährigen mRNA-Forschung dazu beigetragen, dass der schnelle Erfolg bei den Coronaimpfungen möglich wurde.

Auf dem Gang vor der Cafeteria begegnet Pascolo einem Arbeits­kollegen. Mit ihm möchte er einen Hirntumor, für den heute nur begrenzt Therapiemöglichkeiten zur Verfügung stehen, mit personalisierter mRNA-Immuntherapie bekämpfen. Es ist nur eines von Pascolos Projekten, mit denen er die mRNA-Technologie vorantreiben will.

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