Kaffee mit…

Isabel Martinez, Ökonomin

Für einen Kaffee reicht es an diesem kalten Novembertag nicht mehr. Café Grumpy & Co. macht bald die Türen zu. Tragisch ist das aber nicht, denn um 18 Uhr passt ein Feierabendbier sowieso besser. Treffpunkt mit Isabel Martinez ist das Graduate Center der City University of New York an der 5th Avenue. Hier forscht die Ökonomin der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich für ein Semester zur intergenerationellen Mobilität.

«Ich mache dasselbe, das ich in der Schweiz auch machen würde», erklärt sie nach einem kurzen Spaziergang durch Manhattan im Restaurant Seamore’s im Stadtteil Chelsea. Anders ist aber das Umfeld. «Die Idee hinter dem Programm ist es, sich auszutauschen, Kontakte zu knüpfen und die Arbeiten anderer Wissenschaftler zur Ungleichheit kennen zu lernen.»

Martinez gehört zu den wichtigsten Ökonomen der Schweiz. Im jüngsten NZZ-Ranking der fünfzehn einflussreichsten Wirtschaftsexperten war sie auf Rang acht. Das ist in mehrfacher Sicht bemerkenswert. Sie ist eine von nur drei Frauen, mit 35 Jahren die jüngste Person und auch die einzige, die noch keine Professur hatte. «Irgendwann möchte ich mich für eine Professur bewerben.» Dann könnte sie auch für Studentinnen ein Vorbild sein. «Ausser im Einführungsstudium hatte ich im Studium keine Professorin.»

Dass Martinez Ökonomin werden würde, zeichnete sich schon früh ab. «Ich bin in einem sehr politischen Haushalt aufgewachsen.» Der Tag war mit Nachrichten durchgetaktet: Auf das «Rendez-vous am Mittag» folgte das Tagesgespräch, als die Mutter kochte, lief das «Echo der Zeit», und danach folgten die Fernsehnachrichten aus der Schweiz, ab und an aus Deutschland sowie aus Spanien. Eindeutig war zudem die politische Ausrichtung. «Mein Grossvater mütterlicherseits war Gewerkschaftssekretär, mein Vater wuchs während der Franco-Diktatur in Spanien auf, war in der Studentenbewegung und landete deswegen einmal in Untersuchungshaft.»

Gross war darum ihr Interesse an Politik sowie an Steuern, was vielleicht auch daran lag, dass ihre Mutter sich im Haushalt um die Finanzen kümmerte. «Mein Drang war es, Dinge zu verstehen.» Aber nicht nur. «Wenn du mit Konservativen diskutieren und Entscheidungsträger kritisieren willst, musst du wissen, worüber du sprichst.» Darum begann sie an der Uni Bern das Studium der Politikwissenschaft. Die politische Philosophie, wo man auch mal «zehn verschiedene Texte darüber lesen muss, was Macht bedeutet», sagte ihr zwar zu, «aber irgendwie müsse man ja auch noch arbeiten». Hier kam die Wirtschaftspolitik ins Spiel, oder genauer der damalige Seco-Chefökonom Aymo Brunetti. «Seine Vorlesungen gaben den Ausschlag für den Wechsel des Hauptfachs nach einem halben Jahr.»

Mit ihrer politischen Orientierung links der Mitte passt die Bernerin nicht zur dominierenden liberalen Ausrichtung der Ökonomie. Das spürte sie auch als sie während des Studiums zum Gewerkschaftsbund ging. «Kommilitonen fragten mich damals, ob ich während der Vorlesung nicht gelernt habe, dass Mindestlöhne schlecht seien.» Was theoretisch stimmen mag, scheiterte an der Praxis. «Beim Mindestlohn sagt die Theorie, dass bei der Einführung die Arbeitslosenquote steigt und die Beschäf­tigung sinkt. Es brauchte aber die empirische Revolution, damit viele Studien zur Verfügung standen, die dem Textbuch widersprachen und man den Daten glaubte.» Das passt zur aktuellen Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften. Gängige Theorien werden immer mehr hinterfragt.

«Die Dominanz der Theorie wechselt sich mit derjenigen der Empirie ab. Jetzt sind wir auf einer empirischen Welle.» Verstärkt werde dies durch die Verbreitung von immer schnelleren Prozessoren sowie der Digitalisierung grosser Datenmengen. «In der Wirtschaftswissenschaft lernt man Werkzeuge zu benutzen, um ganz unterschiedliche Fragen zu beantworten», beispielsweise welchen Einfluss die Reihenfolge von Autoren auf einem Paper haben (die Person an erster Stelle macht akademisch eine bessere Karriere) oder ob Frauen an Seminaren häufiger durch Fragen unterbrochen werden (das werden sie). In den USA gelernt hat sie, wie allgegenwärtig das Thema der Rasse ist, und dass sie, trotz eines spanischen Vaters, nicht als «hispanic», sondern als «caucasian» angeschaut wird.

Bevor es zurück nach Zürich geht, geniesst sie das Leben in der Grossstadt. Am Broadway war sie schon, zu den Nets und Knicks geht sie noch. Zu kurz kommt hingegen das Schwimmen. «Ich bade das ganze Jahr in der Limmat, selbst im Winter». Ist sie in Zürich in fünf Minuten am Wasser, dauert es hier bis zum Meer eine Stunde. Dafür nutzt sie das kulinarische Angebot. «Fünf Monate reichen nicht einmal für die Hälfte, die ich hier essen möchte.» Immerhin hat sie das Seamore’s abgehakt, auch wenn es zum Barcino Cava nur Guacamole und Totopos gab.

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