Kaffee mit…

Joël Luc Cachelin, Zukunftsforscher

An diesem Mittwochnachmittag herrscht im Café des Landesmuseums Normalbetrieb: Kinder rennen herum, Geschirr klappert, und während die einen in ihre Lektüre vertieft sind, sprechen andere über Gott und die Welt. Passend ist das Lokal für ein Treffen mit dem Zukunftsforscher Joël Luc Cachelin, denn nur wer die Geschichte versteht, kann herausfinden, was die Zukunft bringt.

«Jeder Trend, der uns heute beschäftigt, hat Wurzeln in der Vergangenheit», sagt Cachelin und nimmt einen Schluck von seinem Tee. Beispielsweise wie wir über Innovation denken: «Das hat viel mit dem Kalten Krieg und dem Anfang der Computertechnologie zu tun, mit der in östlichen und westlichen Block zweigeteilten Welt sowie mit dem Denkstil der Physiker, bei dem das eindimensionale Maximieren und das Erobern von Raum in Zentrum stehen.»

Darüber, wie Innovation neu gedacht werden kann, hat er ein Buch geschrieben. Es heisst «Antikörper» und wurde im vergangenen Jahr publiziert. «Innovation wird schnell gleichgestellt mit Digitalisierung und technologischem Wandel.» Cachelin plädiert hingegen für eine Vielfalt von Innovation, die helfen sollte, gesellschaftspolitische Herausforderungen zu meistern. Dabei denkt er beispielsweise an den CO2-Ausstoss, die Überfischung der Meere oder wie Städte ohne Autos aussehen könnten.

Cachelin hat bereits sieben Sachbücher veröffentlicht, die sich immer wieder um das Spannungsfeld zwischen digitaler und realer Welt drehen. In «Einhornkapitalismus» analysiert er die mächtigen Start-ups aus dem Silicon Valley und wie sie unsere Welt definieren, bei «Offliner» zeigt er eine Gegenbewegung zur Digitalisierung auf, und in «Kultur 2040» gibt er Beispiele, wie Kultur in Zukunft gefördert werden kann.

Um sein Wissen zu teilen, schreibt der Berner aber nicht nur Bücher. Er hält Vorträge, macht Auftragsstudien und berät Unternehmen. «Entlang der Fragen, die in diesen Gremien entstehen, suche ich dann nach Antworten für die Zukunft.» Bei den Auftraggebern handelt es sich ausser um Unternehmen auch um öffentliche Einrichtungen wie Spitäler oder Städte. Dabei vermeidet er aber allzu präzise oder quantitative Prognosen. «Zukunftsforschung kann nicht exakt beschreiben, wie die Welt beispielsweise 2050 aussehen wird. Sie kann aber Veränderungskräfte aufzeigen.»

Die grossen Trends von heute seien die Digitalisierung, die Alterung der Gesellschaft und die Nachhaltigkeit. «Interessant wird es an den Schnittstellen», ergänzt er, «besonders wenn die Trends zu Spannungs­feldern führen.» Als Beispiel nennt er die Digitalisierung und die Nach­haltigkeit. «Aufgrund der Digitalisierung werden viele Ressourcen verbraucht, was wir wegen der Nachhaltigkeit jedoch reduzieren möchten.»

Breit sind die Themengebiete, die der Betriebsökonom abdeckt. «Ich lese viel, bei anderen Trendforschern, aber auch in anderen Disziplinen wie Soziologie, Philosophie oder Geschichte, um zu schauen, wie sich diese Leute die Zukunft vorstellen.» Er unterstreicht dabei die Werke der Soziologen Hartmut Rosa und Peter Gross sowie des Historikers Valentin Groebner. Um seinen Horizont zu erweitern, hat Cachelin in Luzern das Studium der Geschichte angefangen, das er im März abschliessen wird.

Selbständig ist der Vierzigjährige seit 2009. Nach der Promotion an der Universität St. Gallen hat er die Wissensfabrik gegründet, ein Beratungsunternehmen, das mehr Denkatelier ist. Der Fokus auf die Zukunfts­forschung war zur Zeit der Gründung nicht geplant, sondern hat sich ­ergeben. «Ich hatte immer ein Interesse an Zukunftsthemen und Science Fiction. Auch durch meinen Vater, der früh schon neue Technologien nach Hause gebracht hatte.» Interessiert haben ihn auch Science-Fiction-Filme wie «Star Wars». Das Faible hat er behalten. «Popkulturelle Filme, Bücher und Serien sind auch interessant, um die Vision der Zukunft zu erkennen.» Derzeit schaut er auf der Streaming-Plattform Apple TV+ «For All Mankind» und liest das jüngste Werk von «The Circle»-Autor Dave Eggers.

Grundsätzlich bezeichnet sich Cachelin als «langfristig sehr optimistisch». «Der Mensch ist ein gescheites Wesen. Er ist auch sehr anpassungsfähig. Aber klar, wir erleben gerade ungemütliche Zeiten.» Er verstehe es als eine Art Berufsethos, eine positive Perspektive für die Zukunft zu entwickeln. «Angst, Feindbilder und Hass sind sehr ungute Treiber. Die Art, wie wir denken, prägt auch unser Handeln.»

Momentan treiben ihn die Klimafrage, die soziale Trennung und die Gesellschaft der Hundertjährigen um. «Wir müssen bei der Ernährung und der Landwirtschaft hinschauen, es muss lokaler und pflanzenbasierter werden.» Bei der Alterung müssten wir uns in eine Arbeitswelt hineinbewegen, wo wir vielleicht bis achtzig oder neunzig arbeiten, und das gerne. «Wir brauchen Arbeitswelten, wo das lustvoll möglich sein kann.»

Cachelin lebt in der Nähe von Olten. Er ist aber sehr viel unterwegs, und sein Alltag ist hoch getaktet. «Ich habe die Sehnsucht, aufzuwachen, aus dem Fenster zu schauen, wo es ein Feld oder einen Wald gibt und sonst nichts, und dann Zeit zu haben zum Überlegen, Lesen und Schreiben. Vielleicht romantisiere ich es, aber ich habe Lust auf die Leere und Stille.» Nun ist es auch im Café still geworden: Das Landesmuseum ist zu, das Geschirr aufgeräumt, und die Kinder sind verschwunden.

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Leser-Kommentare

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Roberto Binswanger Binswanger 22.01.2022 - 18:44

“Der Mensch ist ein gescheites Wesen”, sagt Chachelin. Nein, wäre er das, würden wir nicht Milliarden in Militär und Rüstung und sogar in Atomwaffen investieren, welche die ganze Menschheit auslöschen könnten.