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Chris Wicky, Musiker und Chef des Labels Irascible

Eine unangenehme Überraschung erlebte Chris Wicky in Houston, vor zwei Dekaden, als der Sänger und Gitarrist mit seiner damaligen Rockband Favez auf US-Tour war. Doch dazu später mehr, denn der Fünfzigjährige ist nicht nur Chef und Miteigentümer des Musiklabels Irascible, der wichtigsten Anlaufstelle für Indie-Bands in der Schweiz, sondern auch Vertreter der zu Beginn der Nullerjahre äusserst erfolgreichen alternativen Lausanner Musikszene, zu der Bands wie Honey For Petzi, Magicrays oder Chewy zählten.

In der Rio Bar in Zürich lobt Wicky die Qualität der heimischen Musik. «Viele Schweizer Bands haben internationales Niveau.» Vor zehn, zwanzig Jahren sei dies anders gewesen. «Damals hiess es, ihr seid nicht schlecht für eine Schweizer Band.» Trotz der Qualität haben es heimische Künstler aber nicht einfach. Hatten es noch nie. Die grossen Plattenfirmen Sony, Universal und Warner sahen die Schweiz schon immer primär als attraktiven Markt, um Alben von Rihanna & Co. zu verkaufen. Streaming hat daran wenig geändert. Ein Grund ist Spotify.

Das schwedische Unternehmen ist in der Schweiz der wichtigste Musikstreamingdienst. Wertgeschätzt wird das aber nicht. «Für Musik aus der Schweiz ist bei Spotify eine Person im 20%-Pensum verantwortlich», sagt Wicky. Bei den wöchentlichen «Schweizer» Neuerscheinungen sind gemäss Wicky von dreissig Künstlern höchstens zwei aus der Schweiz. Der Rest komme aus Deutschland.

Dabei gebe es in der Schweiz doch viele «wundervolle Künstler», wie die Songwriterin Delia Meshlir, die poppigen Stain of Light oder die rockigen URGES. Streaming hat aber auch eine positive Seite. «Als wir bei Irascible mit Streaming anfingen, kamen 99% des Umsatzes aus der Schweiz, unterdessen stammen 60% aus dem Ausland.» Macht man es richtig, habe jede Band eine globale Reichweite. Das ist zwar erfreulich, doch kommt sogleich das nächste Problem, denn Geld machen Musiker heute primär mit Konzerten. «Wenn wir eine Band auf eine Tour schicken, schauen wir kaum auf Streamingzahlen.» Es könne zwar hilfreich sein, wenn beispielsweise in Berlin hundertfünfzig Personen die Band streamen, es sei aber dennoch eine «massive Marketingaktion» vor Ort notwendig.

Die allgegenwärtige Verfügbarkeit von Musik stellt Künstler vor ein weiteres Problem. Sie konkurrieren nicht nur mit allen Musikern der Welt, sondern auch aus allen Epochen. «Die meisten Plattenfirmen bauen darum ein riesiges Archiv auf. Sie erwarten nicht, mit etwas Neuem einen Haufen Geld zu verdienen.» Die Überlegung dahinter ist klar. «Ab Mitte 20 hören die meisten Leute praktisch keine neue Musik mehr, sondern diejenige, die sie in ihrer Jugend gehört haben.» Ältere Generationen stecken viel Geld in den Musikkonsum. Früher war das anders. «Als ich mit 21 im Plattenladen City Disc gearbeitet habe, sah ich selten jemanden, der über 40 war», sagt Wicky.

Aber auch Junge hören alte Musik. «Nicht nur, weil sie einfach verfügbar ist, sondern auch weil sie gut ist, schliesslich hören sie ja die Beatles und nicht Herman’s Hermits.» Die Folgen sind eindeutig. Fast drei Viertel der Musik, die in den USA konsumiert wird, ist laut einer Analyse von Music Business Worldwide mehr als achtzehn Monate alt.

Musik war für Wicky schon als Kind wichtig. Zuerst übers Radio, dann in Plattenläden – dort fühlte er sich wohl. Zwar begann er Jus zu studieren – sein Stiefvater war Rechtsanwalt – doch wurde ihm rasch bewusst, dass das nichts für ihn war. Er brach das Studium ab. 1990 gründete er die Band Favez Disciples. Ende der Neunzigerjahre wurde sie auch von ausländischen Labels unter Vertrag genommen. Es folgten zwei Touren in den USA. Während die erste ein Erfolg war, stand die zweite unter keinem guten Stern.

Sie begann im Oktober 2001 nach den Terroranschlägen vom 11. September. «In dreissig Tagen spielten wir dreissig Konzerte, von New York nach Los Angeles und wieder zurück.» Jeden Abend fragten sie das Publikum, ob sie bei jemandem übernachten könnten. «In Houston waren sehr wenig Leute am Konzert, also hakte ich immer wieder nach. Ein Typ lud uns dann zu sich ein. Als wir ankamen, dachte ich, oh hübsch, ein Teppich. Doch als er das Licht anmachte, sahen wir, dass es Hundehaar war. Überall Hundehaar! Der ekligste Ort, den ich je gesehen hatte.»

Neben Favez jobbte Wicky auch immer. 2003 begann er bei Irascible, dem 2001 von seinem Freund Renaud Meichtry gegründeten Musiklabel. Zu dieser Zeit trat Favez kürzer. «Zuvor spielten wir pro Jahr bis zu 100 Konzerte und probten vier Abende in der Woche. Ein Sozialleben hatte ich nicht. Erstmals Freunde zum Essen bei mir zu Hause hatte ich mit 33.» 2011 war dann endgültig Schluss. «Jedes Mal nach einem Album und einer Tour fragten wir uns, ob wir noch alle dabei sind.» Nach dem letzten Album war das nicht mehr der Fall.

Musik macht Wicky aber immer noch. Unter anderem mit seinem Bruder Gregory, ehemaliger Kopf von Chewy, spielt er Folk in The Company of Men. Damit sie sich aber den Stress von Verstärkerschleppen und Tourbusfahren sparen, spielen sie primär Wohnzimmerkonzerte in und um Lausanne, wo Wicky mit seiner Freundin wohnt. Manchmal vor 15, manchmal vor 30 Leuten, aber ohne Verstärker. «Das Musikspielen vor Leuten hätte ich sonst vermisst, besonders auch die Interaktion mit den Zuhörern.»

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