Kaffee mit…

Armin Lötscher, Restaurantbesitzer in London

Es gäbe viele Cafés in Soho, dem Ausgangsviertel von London, wo man Armin Lötscher antreffen könnte. Immerhin werden es kommendes Jahr sechs Dekaden sein, die der 80-jährige Auslandschweizer in diesem Viertel zwischen dem Theaterbezirk West End und der Einkaufsmeile Oxford Street verbracht hat. Wer «Sweety», wie man Lötscher in Soho nur nennt, aber wirklich kennenlernen will, muss den für diese Rubrik obligaten Kaffee (ein Glas Wein wäre dem Geniesser lieber) mit ihm in dessen eigener Beiz zu sich nehmen – im St. Moritz. Es ist inzwischen das einzig verbliebene Restaurant mit Schweizer Spezialitäten in Central London. Und trotz dieses Namens, den nicht nur die Briten, sondern auch die Tausenden von asiatischen Touristen mit der Schweiz in Verbindung bringen, brummt der Laden nicht mehr so sehr wie früher.

«Weisst Du», sagt Armin, der seinen Gästen von Beginn weg das Du anbietet, «die Zeiten haben sich halt schon verändert». Früher, so erinnert sich der gebürtige Entlebucher, hätten viele Schweizer Banker in der Mittagspause sich ein Essen gegönnt, wie sie es von zu Hause her gekannt hätten. «Viele Top-Banker waren darunter», sagt Lötscher. Einer der ganz Grossen komme heute noch ab und zu bei ihm vorbei. «Weisch, de Osi Grübel», raunt er dem Besucher zu. Zu seinen regelmässigen Besuchern gehörten auch die Mitglieder der zahlreichen Schweizer Vereinigungen, in welchen sich die Heimweh-Eidgenossen zusammenfanden. Heute sind die meisten Schweizer Clubs verschwunden, die Banker sind ins Finanzviertel Canary Wharf ausserhalb der Stadt abgezogen worden. «Die Italiener, Polen und Inder, die halten in der Fremde alle zusammen und geniessen heimische Kost», sagt Lötscher. Die Schweizer aber würden es meiden, sich ab und an im St. Moritz zu einer Bratwurst mit Rösti zu treffen.

Jammern will «Sweety» aber nicht. Dazu ist der rüstige Mann, der schon seit geraumer Zeit in Pension sein könnte, viel zu liebenswert. Ihn wurmt höchstens, dass fast alle Touristen, die bei ihm einkehren, ein Käsefondue essen wollen – selbst in diesem rekordheissen Sommer. «Dabei habe ich doch eine so grosse Karte», schmunzelt er. Zum Beweis lässt er von seinem Servicepersonal eine feine Bündnerplatte auftischen. Selbst die Silberzwiebeln und die Cornichons fehlen bei ihm nicht. Jeden Monat ordert Armin Lötscher Käse im Wert von 6000 bis 8000 Pfund. Früher hatte er das Fleisch bei einem Schweizer Metzger in London bestellt, heute muss er es aus der Schweiz anliefern lassen.

1959 war es, als er mit 21 Jahren nach London kam – wie so viele wollte er eigentlich nur sein Englisch aufbessern. Der gelernte Patissier, der seine Lehre im Zürcher Niederdorf bei der Confiserie Schurter absolvierte, fand in London einen Job als Confisseur bei einer Bäckerei, die von einer Ungarin geführt wurde. Von da weg kehrte «Sweety» – den Übernamen erhielt er, weil er gerne den Frauen Süssigkeiten verteilte – nur noch sporadisch in die Schweiz zurück.

1974 ergab sich die Möglichkeit, das Restaurant St. Moritz zu übernehmen. Dazu gehörte auch ein Musikclub, wo sich damals die Stars der Branche die Klinke in die Hand drückten. Lou Reed, Peter Gabriel, U2 und Episode Six, die Vorgänger-Band von Deep Purple – sie alle waren Gäste von Armin Lötscher. «Ein paar Meter weiter unten war das Marquee, wo grosse Konzerte stattfanden», sagt «Sweety». Danach seien sie noch zum St. Moritz Club gekommen, wo man weitergefeiert habe. Etwas Wehmut schwingt in diesen Worten mit, wenn er auf die Roaring Sixties und die Seventies zu sprechen kommt. Damals gab es noch Bratwurst- und Spaghettiparties im Club, wenn Armin nicht gerade am Kochen war. Heute ist der Club zwar noch präsent, auch wenn nur noch wenig an die glorreichen Zeiten erinnert. Statt siebenmal die Woche ist er noch Freitag bis Sonntag geöffnet, die ganz grossen Namen fehlen heute.

Ja, früher, da gab es in London noch den Schweizer Jassclub und den Schützenverein. An den Wochenenden ist Armin mit seinen Schiesskollegen aufs Land in den Süden von London gefahren. In Surrey schossen die Männer auf Zielscheiben, der Rest der Familien genoss ein gemütliches Barbeque auf dem Lande. Der Höhepunkt war jeweils der Besuch am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest, zuletzt 2010 in Frauenfeld. Kurz darauf beschloss man mangels Nachwuchs, den Londoner Schützenverein aufzulösen. Noch heute zieren in den Gängen des St.-Moritz-Restaurants Erinnerungen an jene Zeit die Wände. Armin führt den Besucher in sein Büro, wo noch viel mehr Material für Heimwehschweizer herumliegt – Jassteppiche, Karten, Schweizerkreuze. Zeichen der Zeit, die nicht mehr ins global gewordene London passen wollen.

Eigentlich könnte es Lötscher heute geruhsamer nehmen. Ein Leben als Rentner kann er sich aber beim besten Willen nicht vorstellen. Noch nicht. «Das St. Moritz ist mein Baby», sagt er. Ein Verkauf komme vielleicht mal in Frage, aber nicht jetzt. «Würde ich mich pensionieren lassen, sässe ich zuhause und würde den ganzen Tag Fernsehen schauen», meint Lötscher. Das Restaurant bringe ihn dazu, sich zu bewegen, jeden Tag gemütlich durchs Soho-Quartier zu schlendern – und zwischendurch im St. Moritz zum Rechten zu schauen.

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