Kaffee mit…

J. P. Ellis, Fintech-Unternehmer

«Es ist äusserst frustrierend oder macht mich extrem glücklich. Ein Gefühl dazwischen existiert praktisch nie», beschreibt John Patrick Ellis lachend sein Leben in Jakarta. Elf Jahre wohnt er nun schon in der indonesischen Metropole – länger als irgendwo anders auf der Welt. Dennoch: Zurück in seine Heimat, die USA, zieht es den Achtunddreissigjährigen vorerst nicht. «Jakarta ist chaotisch und überfüllt, doch die Bewohner sind extrem freundlich und warmherzig. Eine grossartige Stadt!» Auch seiner Familie bereite das geschäftige Umfeld kaum Schwierigkeiten. Als besonders bereichernd empfinde er, dass besonders seine zwei Kinder, die er mit seiner indonesischen Ehefrau hat, von der kulturellen Vielfalt profitieren würden. Und sowieso: Ellis hat hier noch einiges vor.

Ellis, von seinen Freunden oft nur J. P. genannt, ist Gründer und CEO von C88 Financial Technologies. Das Unternehmen betreibt in Indonesien sowie auf den Philippinen Onlineportale, auf denen Finanzprodukte wie Sparlösungen, Versicherungen oder Kredite angeboten werden. Vergangenes Jahr erwarb ein Private-Equity-Vehikel des Schweizer Vermögensverwalters responsAbility eine Minderheitsbeteiligung an C88, weshalb Ellis nun kurzzeitig in Zürich weilt.

Wie in vielen anderen Schwellenländern liegt auch in Indonesien und auf den Philippinen grosses Wirtschaftspotenzial brach. Weiten Bevölkerungsteilen fehlt der Zugang selbst zu rudimentären Finanzdienstleistungen – ein Missstand, den Ellis beheben oder zumindest mildern möchte.

Zu den grossen Hemmnissen gehöre etwa die eingeschränkte Verfügbarkeit von Krediten: «In Industrieländern wie den USA oder der Schweiz bewegt sich die Bewilligungsquote typischerweise zwischen 60 und 90%. Wissen Sie, wie hoch dieser Wert in Indonesien liegt? Irgendwo zwischen 10 und 20%», erläutert Ellis beim Treffen im Café Lang am Zürcher Limmatplatz. «Drehen wir den Spiess doch um: Sind also 80 bis 90% der Indonesier schlechte Menschen? Wohl kaum. Selbst in einem herausfordernden Umfeld wie Indonesien kann die Kreditwürdigkeit nicht so miserabel sein, wie es diese Zahlen suggerieren.»

Das Problem liege primär darin, dass es an Daten und Vertrauen fehle. Durch den Aufbau persönlicher Kredithistorien werde das Risiko verringert und das System effizienter gemacht. Ellis gibt sich zuversichtlich, dass neue Technologien die Kreditentscheide und das Festlegen risikogerechter Kreditkonditionen weiter verbessern – und damit endlich auch unterversorgte Bevölkerungsgruppen bedient werden können. «Indonesien verfügt über einen der fortschrittlichsten Fintech-Sektoren weltweit. Der Regulator scheint erfolgreich die Balance zwischen unternehmens- und gesellschaftsdienlicher Regulierung zu finden.»

Die Liebe zu Asien wurde Ellis bereits in seinen ersten Lebensjahren mitgegeben. «Mein Vater arbeitete als Ingenieur und war auf Wolkenkratzer spezialisiert. Ich verbrachte grosse Teile meiner Kindheit in Ländern wie Singapur oder Taiwan.» Dass sein Lebensmittelpunkt künftig in Indonesien liegen sollte, war dennoch nicht vorgesehen. Als Teil des Austauschprogramms «Volunteers in Asia» der Stanford University hatte Ellis zunächst beabsichtigt, China zu besuchen. Dann habe sich bei ihm allerdings der Leiter des Indonesien-Programms gemeldet: «Klar kannst Du nach China gehen, wo das Klima harsch und kalt ist. Du könntest Dich jedoch auch für eine tropische Insel im Süden entscheiden, wo alles wunderbar duftet.» Ellis leistete nicht lange Widerstand und gab der schönen, wenn auch abgelegenen indonesischen Insel Flores den Vorzug, auf der er für eine ethnobotanische Forschungsstation zu arbeiten begann – ohne Zugang zu Elektrizität und fliessendem Wasser.

In den Jahren darauf zog es ihn immer weiter westwärts. Auf Bali folgte die nächste schicksalhafte Begegnung: Er lernte den Unternehmer John Hardy kennen, den Gründer der gleichnamigen Kette, die mit asiatisch inspiriertem Schmuck Erfolge feierte. «John sagte zu mir: Gehe nicht zurück in die USA, sondern arbeite für mich. Ich packte die Chance. Und dort lernte ich gleich auch noch meine Ehefrau kennen», schmunzelt Ellis.

Anschliessend war er vier Jahre beim Private-Equity-Haus Quvat Capital Management tätig. Beide Jobs sollten ihm später zum Vorteil gereichen. Denn: «Ich hatte immer den Traum, als Unternehmer etwas Eigenes aufzubauen.» Im Zuge der sich stetig verbessernden Internetversorgung lancierte er 2011 Harpoon Mobile, eine Karten-App, die allerdings nie so richtig durchstarten konnte. Ellis hat viel aus dem Scheitern gelernt. «Einiges kann bei einer Unternehmensgründung schieflaufen. Und gerade ortsabhängige Dienstleistungen auf dem Smartphone sind angesichts der gewaltigen Datenfülle weiterhin sehr schwierig umzusetzen.»

Zudem sei es fast unmöglich, das Nutzerverhalten zu ändern. «Weshalb ist beispielsweise die Kaffeekette Starbucks so erfolgreich? Sie nimmt bestehende Verhaltensmuster und verbessert das Konsumerlebnis, ohne dabei neue Verhaltensweisen zu schaffen.» Es ist der erste Moment, an dem der Interviewer dem sympathischen Amerikaner widerspricht – und froh ist, dem ortsunkundigen Ellis nicht eine austauschbare Starbucks-Filiale, sondern das Café Lang vorgeschlagen zu haben.

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