Kaffee mit…

Christian Grossmann, Unternehmer

Erst vor zwei Monaten haben Investoren Beekeeper mit 45 Mio. $ an frischen Mitteln gefüttert. Das Softwareunternehmen will damit das Wachstum auf den Kernmärkten USA und Europa ankurbeln und weiter an der Technologieplattform feilen.

In spätestens drei Jahren soll das Start-up zu einem Einhorn herangewachsen sein, erklärt CEO Cris Grossmann. Also eine Bewertung von 1 Mrd. $ oder mehr aufweisen. «Die Entwicklung ist so rasant, dass ich manchmal das Gefühl habe, ich leite alle paar Monate ein neues Unternehmen.» Bisher scheint der 37-Jährige den permanenten Wandel gut bewältigt zu haben. Im Aufenthaltsraum in den Beekeeper-Büros in Zürich, wo Grossmann gerne für eine kurze Pause einen Kaffee geniesst, sieht man, dass er in seinem Job richtig aufgeht. «Es macht enorm Spass, mit unserem Team und den Kunden zu arbeiten.»

Viele Start-up-Gründer geraten irgendwann in Schwierigkeiten, weil sich die Anforderungen an das Management mit zunehmender Unternehmensgrösse verändern. Grossmann traut sich diese Herausforderung zu. Er sieht es dabei als Vorteil an, in Mexiko Stadt aufgewachsen zu sein. Dort stosse man oft auf Probleme, für die nicht gleich eine Lösung parat liege. «Ich musste dann einen Ausweg finden, egal wie», erklärt der promovierte Elektroingenieur und  ETH-Absolvent.

Diese Erfahrungen hätten ihn pragmatisch und kreativ gemacht. Er lese vor dem Einschlafen ausserdem gerne Texte, die Unternehmensprinzipien und die Arbeit an sich selber zum Thema haben, etwa von Ray Dalio oder Tim Ferriss. Die Geldgeber stünden auf jeden Fall hinter ihm, Flavio Pfaffhauser, der die Produktentwicklung leitet und den zwei weiteren Mitgründern. «Die Investoren hätten uns bei der letzten Finanzierungsrunde gerne auch mehr Geld gegeben», fügt Grossmann an, der sich aber auf 45 Mio. $ beschränken wollte.

Das Produkt der «Bienenhüter», wie Beekeeper auf Deutsch heissen würde, ist eine App für Mitarbeiter, die vorwiegend von unterwegs oder dezentral arbeiten. Sei es, weil sie als Verkäufer oder Service-Techniker ausschwärmen, sei es, weil sie auf den Gängen eines Hotels, eines Spitals oder in den Werkhallen eines Industriebetriebs unterwegs sind oder weil sie in einer von zahlreichen Filialen eines Kleidergeschäfts oder einer Restaurantkette arbeiten.

«Ein grosses Problem solcher Unternehmen ist, dass die Mitarbeiter keinen einfachen Zugang zu Information haben», erklärt Grossmann. Die Daten seien nicht selten über zehn Systeme verstreut. «Was will eine Kassierin bei der Migros wissen?», fragt Grossmann, der mit seinem Shirt und den Jeans auch als jemand durchgehen würde, der gerade eine Ladung Honig in einer Migros-Filiale anlieferte.

Die Kassierin wolle wissen, wann und mit wem sie arbeite, was sie zu tun habe, ob es etwas speziell zu beachten gelte und wann sie bezahlt werde, erklärt der CEO. «Einige Dinge muss die Kassierin ihre Vorgesetzte fragen, andere auf dem Anschlagbrett nachsehen oder per WhatsApp mit den Kolleginnen und Kollegen diskutieren.» Etwa, ob jemand einspringen kann.

Beekeeper integriert all diese Bedürfnisse und gestaltet die App so anwenderfreundlich, dass sie tatsächlich auch genutzt wird. Denn daran scheitern laut Grossmann Konzerne wie Microsoft oder SAP. Ihre Apps würden von nur 15% der Arbeitnehmer genutzt. «Wir schaffen 90%, denn wir haben enorm viel Brainwork reingesteckt, um die App für die Mitarbeiter attraktiv zu machen.»

Die klassische Bürosoftware sei für die Unternehmen und nicht aus Mitarbeitersicht entwickelt worden. Bei Beekeeper ist es andersherum. Natürlich bietet die App auch den Unternehmen Effizienzgewinne. Mit ein paar wenigen Klicks ist ein neues Nutzerkonto erstellt, nicht einmal ein Passwort braucht es. Das ist etwa für Hotels wichtig, die in der Feriensaison Personal rasch auf- und danach wieder abbauen.

Beekeeper schätzt die Zahl mobiler Jobs weltweit auf 1,7 Mrd. Deutlich mehr als die 600 Mio. Bürojobs, für die Microsoft, Oracle und SAP ihre Software entwickelt haben. Auch die Kommunikationsapp Slack, deren Herstellerin im Juni in New York an die Börse ging, rechnet er der Bürowelt zu. Das sei kein Hauptkonkurrent. Es gäbe einige Unternehmen, die im selben Bereich wie Beekeeper aktiv sind. Die meisten kämen aus einer Software-Ecke und versuchten ihre Produkte nun in Richtung mobile Arbeitsplätze zu biegen. Die Apps seien deshalb schwierig zu vergleichen. «Gut möglich, dass es am Ende drei oder vier grosse Unternehmen auf unserem Gebiet gibt», schätzt Grossmann. Beekeeper soll eines davon werden.

Die Ursprünge des Zürcher Unternehmens liegen in einem anderen Bereich. Grossmann hatte nach dem Studium in einem Biotech-Unternehmen angefangen. Bis ein Medikament entwickelt ist, dauert es sehr lange. «Ich war nicht geduldig genug und wollte mich im Technologiebereich neu erfinden.» Erste Erfahrungen hatte er bereits als Mittelschüler gesammelt. Für seinen Vater, der in Mexiko ein Sicherheitsunternehmen besitzt, schrieb er ein Programm, damit er mit seiner Sekretärin kommunizieren konnte.

Zusammen mit Kollegen programmierte Grossmann 2011 eine Flirt-App für Studenten. Sie wurde aber kaum für amouröse, dafür rege für allgemeine Uni-Kommunikation genutzt. Die späteren Start-up-Gründer entwickelten die Software gemäss dem Nutzerbedürfnis weiter. Unternehmen fragten, ob sie auf der Kommunikationsplattform Werbung platzieren könnten, schliesslich klopfte die kanadische Fairmont an mit dem Wunsch nach einer ähnlichen Software für die Mitarbeiter ihrer Luxushotels.

2012 wurde Beekeeper aus der Taufe gehoben. Zunächst war sie vor allem mit der Produktentwicklung beschäftigt. «Der eigentliche Zeitpunkt null war 2015», sagt Grossmann. Erst dann ging die Gesellschaft die Vermarktung offensiver an. Schweizer Gesellschaften gehörten zu den ersten Kunden. So suchte die frisch fusionierte LafargeHolcim eine Software, um ihre über Dutzende von Ländern verstreuten Mitarbeiter zeitgleich auf dem Laufenden zu halten. Mittlerweile nutzen über fünfhundert Kunden die App, darunter Rivella, Globus und das Kantonsspital Baden.

Der Beekeeper-CEO will das Marktvolumen nicht schätzen, aber auch wenn man berücksichtige, dass viele mobile Jobs in Afrika, China und anderen asiatischen Ländern angeboten werden und dort nicht der gleich hohe Umsatz winke, seien es immer noch viele Hundert Millionen Jobs in Europa und den USA. «Bis 2030 wollen wir 500 Mio. Nutzer haben», sagt Grossmann. Die Kunden zahlen jährlich pro User. Beekeeper zählt knapp über 150 Mitarbeiter, 100 davon in der Schweiz, die übrigen in den USA, Grossbritannien, Deutschland und Polen.

Der Umsatz legte zwischen 2014 und 2017 jährlich um 90% auf mehr als 3 Mio. Fr. zu. Beekeeper schafft es damit auf den 247. Platz unter den tausend am schnellsten wachsenden europäischen Unternehmen. Es ist die am stärksten wachsende Schweizer Gesellschaft auf der Liste der «Financial Times». Die Wachstumsrate werde noch anziehen und in den nächsten drei Jahren im dreistelligen Prozentbereich liegen, prognostiziert Grossmann. Bald dürfte es für ihn schwierig werden, noch alle Mitarbeiter persönlich kennenzulernen, was ihm bisher ein grosses Anliegen war.

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